{"id":1006583,"date":"2026-04-16T17:46:59","date_gmt":"2026-04-16T14:46:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rri.ro\/?p=1006583"},"modified":"2026-04-16T08:56:55","modified_gmt":"2026-04-16T05:56:55","slug":"andere-doerfer-andere-oster-sitten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rri.ro\/de\/feature-reportage\/rumaenien-einmal-anders\/andere-doerfer-andere-oster-sitten-id1006583.html","title":{"rendered":"Andere D\u00f6rfer, andere (Oster-)Sitten"},"content":{"rendered":"<p>Das orthodoxe Osterfest liegt nun gerade hinter uns. Wie wir auch an diesem vergangenen Wochenende wieder sehen konnten, verschmelzen bei diesem christlichen Fr\u00fchlingsfest vielerorts kirchliche Traditionen mit jahrhundertealten lokalen Br\u00e4uchen. Oft haben diese Wurzeln im alten Bauernkalender oder im engen Zusammenleben der Dorfgemeinschaften. Wie ein altes rum\u00e4nisches Sprichwort sagt: \u201eSo viele Haushalte, so viele Br\u00e4uche\u201c.<\/p>\n<p>Silvia Szakcs-Mikes vom Frauenverein in S\u00e2nt\u0103m\u0103ria Orlea hat uns mit einem gewissen Schmunzeln erz\u00e4hlt, wie diese Traditionen im Ha\u021beger Land \u2013 in der Region \u021aara Ha\u021begului \u2013 auch an diesen Feiertagen wieder gepflegt wurden:<\/p>\n<p><em>\u201eWir versuchen, diese Br\u00e4uche wieder aufleben zu lassen, denn vieles ist im Laufe der Zeit verloren gegangen. Wir wollen sie vor allem der jungen Generation weitergeben. Schon mit dem Palmsonntag und der Karwoche beginnt ja eine Zeit der Fr\u00f6mmigkeit, in der wir dem Glauben vielleicht ein St\u00fcck n\u00e4her sind. Viele Traditionen haben hier ihren Ursprung, aber es gibt auch weltliche Br\u00e4uche in dieser Woche.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Beispiel hierf\u00fcr ist ein Brauch am \u201aGr\u00fcndonnerstag\u2018. Dieser Brauch findet eigentlich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag statt. Die jungen Burschen des Dorfes ziehen auf einen H\u00fcgel und entz\u00fcnden ein riesiges Feuer. Fr\u00fcher war das der Moment, in dem quasi die \u201aschmutzige W\u00e4sche\u2018 des Dorfes gewaschen wurde. Man rief laut in die Nacht hinein: Flei\u00dfige M\u00e4dchen wurden gelobt, solche mit weniger gutem Benehmen ermahnt, und sogar Heiratsabsichten wurden dort verk\u00fcndet. Es war im Grunde eine \u00f6ffentliche Jahresbilanz des Dorflebens! Die M\u00e4dchen versteckten sich w\u00e4hrenddessen in den Gassen und lauschten, was die Burschen \u00fcber sie riefen. Das machen wir heute noch \u2013 nat\u00fcrlich mit gewissen Auflagen, die Feuerwehr ist wegen des Feuers immer dabei. Aber die Tradition lebt weiter und wird schon von den kleinsten Kindern begeistert aufgenommen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Doch auch direkt an den Osterfeiertagen, die wir gerade hinter uns haben, ging es ziemlich sportlich zu, f\u00fcgt Silvia Szakcs-Mikes hinzu:<\/p>\n<p><em>\u201eEin weiterer Brauch findet direkt am Ostersonntag statt. Wenn alle aus der Kirche kommen und zu Mittag gegessen haben, bilden die jungen M\u00e4nner zwei Mannschaften: auf der einen Seite die Ledigen, auf der anderen die Verheirateten. Und dann gibt es \u2013 jedes Jahr um Punkt 13 Uhr, das ist uns heilig! \u2013 ein Fu\u00dfballspiel zwischen den beiden Gruppen. Die Verlierer m\u00fcssen danach nat\u00fcrlich eine Runde spendieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Am Ostermontag gibt es dann noch etwas Besonderes: das sogenannte \u201aWettrennen um die Hostie\u2018, das \u201aAlergatul prescurii\u2018. Mittags gibt der Pfarrer an der Kirche ein geweihtes Brot heraus. Das ganze Dorf, ob Jung oder Alt, versammelt sich am Dorfausgang. Zuerst werden ganz traditionell die bemalten Eier aneinandergeschlagen, die Kinder haben daf\u00fcr kleine K\u00f6rbchen dabei. Dann wird ein sch\u00f6n gedeckter Tisch aufgebaut, mit einem Stuhl und einem Krug Wasser. Einer aus dem Dorf wird auserw\u00e4hlt, sich dorthin zu setzen und das geweihte Brot zu essen.<\/em><\/p>\n<p><em>Gleichzeitig laufen die jungen Burschen eine Art Staffelrennen. Der Staffelstab ist dabei symbolisch ein Johannisbeerzweig. Die gro\u00dfe Frage ist dann: Schaffen es die L\u00e4ufer, rechtzeitig am Tisch anzukommen, bevor das Brot komplett aufgegessen ist? Wenn ja, haben die ledigen Burschen gewonnen. Sind sie zu langsam, siegen die Verheirateten am Tisch. Und auch hier gilt: Wer verliert, muss dem ganzen Dorf einen ausgeben.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wir verlassen das Ha\u021beger Land und blicken in die Bukowina. Auch hier greifen religi\u00f6se Rituale und volkst\u00fcmliche Br\u00e4uche der symbolischen Erneuerung tief ineinander. Ostern geht ja bekanntlich die l\u00e4ngste Fastenzeit des Jahres voraus \u2013 ganze sieben Wochen lang. Wie genau der Einstieg in diese strenge Fastenzeit in der Region gefeiert wird, wei\u00df Aurel Prepeliuc, Ethnograf am Bukowina-Dorfmuseum in Suceava:<\/p>\n<p><em>\u201eDer Vorabend der Fastenzeit ist im Grunde ein n\u00e4chtliches Fest, eine richtige Entladung von Energie. Da wird kulinarisch noch einmal richtig \u00fcber die Str\u00e4nge geschlagen, und je nach Dorf gibt es auch rituelle Zaubereien. Aber all das muss am n\u00e4chsten Tag \u2013 am ersten Tag der Fastenzeit, der sogenannten \u201aSpolocania\u2018 \u2013 wieder gereinigt werden. Alle, die am Vorabend \u00fcbertrieben haben, m\u00fcssen nun durch ein Ritual: Man konsumiert Alkohol, manchmal sogar in rauen Mengen, um symbolisch jeden Rest der verbotenen, tierischen Speisen wegzusp\u00fclen. Der Alkohol gilt hier sozusagen als rituelles Desinfektionsmittel.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aurel Prepeliuc kennt aber noch weitere, sehr farbenfrohe lokale Br\u00e4uche aus der Bukowina:<\/p>\n<p><em>\u201eBesonders der Gr\u00fcndonnerstag ist voller Rituale \u2013 viele davon mit magischen, vorchristlichen Wurzeln. Es gab das \u201aRitual der Ahnen\u2018, bei dem Speisen im Gedenken an die Verstorbenen verteilt wurden. Man entz\u00fcndete Reinigungsfeuer, teilweise sogar direkt an den Gr\u00e4bern. Und dann gab es eine faszinierende Gestalt: die \u201aJoim\u0103ri\u021ba\u2018, eine Art fiktive Todesg\u00f6ttin. Man glaubte, sie bestrafe Frauen, die mit dem Hanfspinnen im R\u00fcckstand waren, oder junge M\u00e4nner, die ihre Z\u00e4une nicht rechtzeitig repariert hatten. Im Grunde war das ein Instrument der sozialen Kontrolle: Die Dorfgemeinschaft sorgte so daf\u00fcr, dass alle ihre landwirtschaftlichen und h\u00e4uslichen Pflichten rechtzeitig erledigten und niemand sp\u00e4ter zur Last fiel.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcbrigens: Den Brauch, dass junge M\u00e4dchen am Ostermontag mit Parf\u00fcm bespr\u00fcht werden, gibt es auch in der Bukowina. Den haben wir vor allem von den katholischen Minderheiten in der Region \u00fcbernommen, wie den Deutschen, Polen und Slowaken.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn die Br\u00e4uche von Region zu Region sehr unterschiedlich sind \u2013 das Festessen, das an diesem Wochenende in Rum\u00e4nien auf den Tischen stand, war \u00fcberall erstaunlich \u00e4hnlich. Es gab rote oder bunt bemalte Eier, den traditionellen Lamm-Drob \u2013 eine Art Hackbraten \u2013, saure Lamm-Ciorb\u0103, Lammbraten und in Weinbl\u00e4tter gewickelte Sarmale. Zum Nachtisch durften der s\u00fc\u00dfe K\u00e4sekuchen \u201ePasc\u0103\u201c und der Hefezopf \u201eCozonac\u201c nicht fehlen.<\/p>\n<p>Nur in der Region Dobrudscha, am Schwarzen Meer, sah der \u00f6sterliche Speiseplan ein wenig anders aus. Dort dominierte \u2013 wie sollte es anders sein \u2013 der Fisch das Fest: Ob Fisch-Drob, Fisch-Sarmale, saure Fischsuppe oder gebratener Fisch mit den verschiedensten Beilagen.<\/p>\n<p>Wir hoffen, Sie hatten ein sch\u00f6nes und genussvolles Osterfest, ganz gleich, mit welchen Br\u00e4uchen Sie es verbracht haben!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das orthodoxe Osterfest liegt nun gerade hinter uns. Wie wir auch an diesem vergangenen Wochenende wieder sehen konnten, verschmelzen bei diesem christlichen Fr\u00fchlingsfest vielerorts kirchliche Traditionen mit jahrhundertealten lokalen Br\u00e4uchen. Oft haben diese Wurzeln im alten Bauernkalender oder im engen Zusammenleben der Dorfgemeinschaften. 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