{"id":1027685,"date":"2026-06-10T22:35:56","date_gmt":"2026-06-10T19:35:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.rri.ro\/?p=1027685"},"modified":"2026-06-10T22:35:56","modified_gmt":"2026-06-10T19:35:56","slug":"kultur-ist-kein-luxus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rri.ro\/de\/feature-reportage\/sozialreport-der-rumaenische-alltag\/kultur-ist-kein-luxus-id1027685.html","title":{"rendered":"&#8222;Kultur ist kein Luxus&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 2026 hat der rum\u00e4nische Staat \u00fcber den Haushalt des Kulturministeriums n\u00e4mlich rund 1,44 Milliarden Lei \u2013 umgerechnet etwa 277 Millionen Euro \u2013 f\u00fcr Kultur bereitgestellt. Das entspricht weniger als 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Trotz der knappen Mittel macht die rum\u00e4nische Kulturszene weiterhin auf europ\u00e4ischer Ebene auf sich aufmerksam. So wurde das B\u00e1nffy-Schloss in R\u0103scruci in diesem Jahr mit dem Europa-Nostra-Preis ausgezeichnet, der wichtigsten europ\u00e4ischen Auszeichnung f\u00fcr Kulturerbe.<\/p>\n<p>Miruna G\u0103man, Doktorandin der Kulturwissenschaften und Projektmanagerin im Programm Horizon Europe, sagt, Kultur umfasse alles, was Menschen zum Ausdruck bringen, und sei nicht an eine bestimmte Fachrichtung gebunden. <strong>\u201eBetrachtet auf individueller oder gemeinschaftlicher Ebene, kann jeder Mensch Kultur schaffen und Kultur konsumieren. Problematisch wird es meiner Ansicht nach dann, wenn bestimmte Formen menschlichen Ausdrucks, bestimmte kreative Leistungen oder kulturelle Produkte nicht als Kultur anerkannt werden, weil sie Botschaften vermitteln, mit denen bestimmte gesellschaftliche Gruppen nicht einverstanden sind. Letztlich sagen sie aber etwas aus \u00fcber die Anliegen einer Gruppe von Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie zeigen, wie eine Gesellschaft oder ein Teil einer Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten Kontext aussieht.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Als Beispiel daf\u00fcr nennt Miruna G\u0103man die Manele-Musik, einen umstrittenen Musikstil, der in Rum\u00e4nien die \u00f6ffentliche Meinung polarisiert. Dennoch sei er das Ergebnis eines komplexen kreativen Prozesses mit langer Geschichte und spiegele die Interessen und Themen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen wider.<\/p>\n<p>Kultur ist in einem Staat genauso wichtig wie andere Bereiche, sagt die Wissenschaftlerin. Wenn wir uns anschauen, was eine funktionierende Gesellschaft ausmacht \u2013 jenseits einer funktionierenden Verkehrsinfrastruktur, einer kompetenten Gesundheitsversorgung, und anderer Einrichtungen, die die Grundbed\u00fcrfnisse abdecken \u2013, dann beruhen funktionierende Gesellschaften auf Bildung und Kultur. In der Praxis schein der Kulturbereich eine Branche, wo man gut sparen kann, kritisiert Miruna G\u0103man und blickt auf den Museumsbetrieb: \u2028<strong>\u2028&#8220;Schauen wir auf die Geh\u00e4lter von Museumsfachleuten, reden wir bei uns von etwa 3.000 Lei, also rund 577 Euro. Wir haben es mit einer sehr geringen Haushaltszuweisung zu tun, die einen Teufelskreis ausl\u00f6st. Es fehlt das Geld f\u00fcr angemessene L\u00f6hne, dadurch lassen sich keine neuen, gut ausgebildeten Fachkr\u00e4fte gewinnen, die frische Ideen ins System bringen k\u00f6nnten. Wenn ich meine Kommilitonen aus dem Masterstudiengang Kulturerbe an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geschichte betrachte, sehe ich, wie wenige tats\u00e4chlich im System arbeiten k\u00f6nnen und wie viele in andere Bereiche wechseln m\u00fcssen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Die Situation der Museen ist beispielhaft f\u00fcr den gesamten Kulturbereich: niedrige Geh\u00e4lter, wenige Stellen und eine junge Generation, die trotz guter Ausbildung in besser bezahlte Branchen abwandert. Die Expertin weist darauf hin, dass viele Kulturschaffende neben ihrer Vollzeitstelle weitere T\u00e4tigkeiten aus\u00fcben m\u00fcssen, etwa Projekte betreuen, mit Nichtregierungsorganisationen zusammenarbeiten oder an Universit\u00e4ten unterrichten. Einer aktuellen Studie zufolge verdienen nur 19 Prozent der Kulturbesch\u00e4ftigten in Rum\u00e4nien genug, um ihre Grundbed\u00fcrfnisse zu decken. 43 Prozent gehen zus\u00e4tzlichen T\u00e4tigkeiten au\u00dferhalb des Kultursektors nach, um ihr Einkommen aufzubessern. Dieselbe Studie zeigt, dass das psychische Wohlbefinden der Kulturschaffenden mit 49,5 Punkten auf der WHO-5-Skala deutlich unter dem europ\u00e4ischen Durchschnitt von 64 Punkten liegt. Werte unter 50 gelten als klinischer Schwellenwert f\u00fcr eine geringe Lebensqualit\u00e4t. Mit anderen Worten: Viele Menschen, die Kultur schaffen, leben an der Grenze zwischen Leidenschaft und Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Miruna G\u0103man spricht auch das Thema Kulturunternehmertum an. Solche Initiativen begr\u00fc\u00dft sie grunds\u00e4tzlich, da es schwierig w\u00e4re, wenn der Staat den gesamten Kultursektor finanzieren m\u00fcsste. Problematisch werde es jedoch, wenn solche Projekte einen elit\u00e4ren Diskurs f\u00f6rdern, sich als \u201enicht f\u00fcr alle\u201c pr\u00e4sentieren und vor allem auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind. \u201eWas macht man anschlie\u00dfend mit diesem Gewinn? Versucht man nicht, der Gemeinschaft etwas zur\u00fcckzugeben? K\u00f6nnte man zum Beispiel in dem Geb\u00e4ude, in dem man ein Restaurant oder Bistro er\u00f6ffnet hat, nicht einen Raum kostenlos jungen K\u00fcnstlern zur Verf\u00fcgung stellen?\u201c Ein weiteres Problem sieht G\u0103man in verschiedenen \u00f6ffentlichen F\u00f6rderprogrammen. Sie kritisiert den ungleichen Wettbewerb um F\u00f6rdergelder, bei dem kleine Organisationen mit gro\u00dfen staatlichen Einrichtungen um dieselben Mittel ringen.<\/p>\n<p><strong>\u201eUm Geld aus denselben F\u00f6rdert\u00f6pfen konkurrieren Nichtregierungsorganisationen mit \u00f6ffentlichen Einrichtungen. Da k\u00e4mpfen David und Goliath um dasselbe Geld. Man kann eine NGO, die von drei Freiwilligen und einem Teilzeitmitarbeiter getragen wird, nicht mit einem Nationalmuseum gleichsetzen, das bezahlte Mitarbeiter besch\u00e4ftigt, die gezielt nach F\u00f6rderm\u00f6glichkeiten suchen, um ihre Arbeit weiterzuentwickeln. Nat\u00fcrlich haben sie andere Chancen und andere Ressourcen, um anschlie\u00dfend ein Projekt umzusetzen. Meiner Meinung nach sollte es getrennte F\u00f6rderlinien f\u00fcr NGOs und f\u00fcr \u00f6ffentliche Einrichtungen geben.\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend sagt Miruna G\u0103man, dass Kultur in Rum\u00e4nien noch immer als etwas Fernes betrachtet werde, als etwas, das in einem Elfenbeinturm stattfindet, und nicht als etwas, das zum Alltag geh\u00f6rt, beim seelischen Gleichgewicht hilft und Menschen miteinander verbindet. Solange Kultur als Luxus und nicht als Grundbed\u00fcrfnis wahrgenommen werde, werde es schwierig bleiben, die Haushaltsmittel zu erh\u00f6hen und die Arbeit derjenigen angemessen anzuerkennen und zu entlohnen, die Kultur schaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2026 hat der rum\u00e4nische Staat \u00fcber den Haushalt des Kulturministeriums n\u00e4mlich rund 1,44 Milliarden Lei \u2013 umgerechnet etwa 277 Millionen Euro \u2013 f\u00fcr Kultur bereitgestellt. Das entspricht weniger als 0,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Trotz der knappen Mittel macht die rum\u00e4nische Kulturszene weiterhin auf europ\u00e4ischer Ebene auf sich aufmerksam. 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