{"id":629005,"date":"2022-03-14T17:30:00","date_gmt":"2022-03-14T15:30:00","guid":{"rendered":"http:\/\/devrri.freshlemon.ro\/aktuell\/schlangeninsel-unscheinbares-eiland-von-strategischer-bedeutung-id629005.html"},"modified":"2022-03-14T17:30:00","modified_gmt":"2022-03-14T15:30:00","slug":"schlangeninsel-unscheinbares-eiland-von-strategischer-bedeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.rri.ro\/de\/feature-reportage\/pro-memoria-zur-geschichte-rumaeniens\/schlangeninsel-unscheinbares-eiland-von-strategischer-bedeutung-id629005.html","title":{"rendered":"Schlangeninsel: unscheinbares Eiland von strategischer Bedeutung"},"content":{"rendered":"<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p><iframe allow=autoplay frameborder=no height=20 scrolling=no src=https:\/\/w.soundcloud.com\/player\/?url=https%3A\/\/api.soundcloud.com\/tracks\/1232003050&#038;color=%2300b7f1&#038;inverse=false&#038;auto_play=false&#038;show_user=true width=100%><\/iframe><\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<div style=font-size: 10px; color: #cccccc;line-break: anywhere;word-break: normal;overflow: hidden;white-space: nowrap;text-overflow: ellipsis; font-family: Interstate,Lucida Grande,Lucida Sans Unicode,Lucida Sans,Garuda,Verdana,Tahoma,sans-serif;font-weight: 100;><a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/radioromaniainternational\" style=\"color:\" text-decoration: target=\"_blank\" title=\"RadioRomaniaInternational\" rel=\"noopener\">RadioRomaniaInternational<\/a> \u00b7 <a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/radioromaniainternational\/schlangeninsel-unscheinbares-eiland-von-strategischer-bedeutung\" style=\"color:\" text-decoration: target=\"_blank\" title=\"Schlangeninsel:\" unscheinbares Eiland von strategischer Bedeutung rel=\"noopener\">Schlangeninsel: unscheinbares Eiland von strategischer Bedeutung<\/a><\/div>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>Am 25. Februar 2022 kreuzte ein russisches Kriegsschiff vor der sogenannten Schlangeninsel auf und forderte die ukrainischen Grenzsoldaten auf, sich zu ergeben. Nach einem kurzen Beschuss des Grenzpostens wurde die Insel von den russischen Streitkr\u00e4ften besetzt und die ukrainischen Wachtposten gefangen genommen. <\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>Die Schlangeninsel liegt nur 20 Seemeilen oder rund 44 km von der Donaum\u00fcndung entfernt vor der Schwarzmeerk\u00fcste Rum\u00e4niens &#8212; der Felsen aus Kalkstein hat keine S\u00fc\u200e\u00dfwasserquellen, so dass die karge Vegetation nur aus Schilf und Disteln besteht. Der Name des Eilands r\u00fchrt von den kleinen, ungiftigen Wasserschlangen her, die fr\u00fcher dort anzutreffen waren; mit einer Fl\u00e4che von 17 Hektar misst die Insel 440 m auf der Nord-S\u00fcd-Achse und 662 m von Osten nach Westen. Die unwirtlichen Lebensbedingungen machen die Insel unbewohnt &#8212; bis auf Grenzsoldaten oder vor\u00fcbergehenden wissenschaftlichen Missionen gibt es keine permanenten menschlichen Siedlungen auf dem kleinen Felsen.<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>Doch bereits in der Antike wurde die Insel von Fischern als saisonale Niederlassung genutzt &#8212; sie erhielt damals den mythische Namen <em>Leuke<\/em> (altgriechisch f\u00fcr Die Wei\u200e\u00dfe\u201c) oder <em>Achilleis<\/em> (nach dem Achilles-Kult), und selbst H\u00e4ndler aus dem antiken Milet sollen einst hier angelandet sein. Im 16. Jh. ger\u00e4t die Insel in den osmanischen Herrschaftsbereich und wird fortan <em>Fidonisi<\/em> &#8212; neugriechisch f\u00fcr Schlangeninsel &#8212; genannt. Nach den russisch-t\u00fcrkischen Kriegen gelangt mit dem Frieden von Adrianopel die Schlangeninsel 1829 in Besitz des Russischen Zarenreichs &#8212; 1842 errichten die Russen hier einen Leuchtturm. Nach einem weiteren russisch-t\u00fcrkischen Krieg erh\u00e4lt kraft des Berliner Friedensvertrags von 1878 das junge K\u00f6nigreich Rum\u00e4nien das Donaudelta und die Dobrudscha samt der Schlangeninsel. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs und nach der Annexion Bessarabiens und der Nordbukowina als Folge des Hitler-Stalin-Paktes von 1940 bleibt die Schlangeninsel im Besitz Rum\u00e4niens.<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Pariser Friedensvertrag von 1947 \u00e4nderte sich der Status der Insel zun\u00e4chst nicht, doch die Sowjetunion annektierte das Eiland bald darauf. Durch zwei Protokolle vom 4. Februar bzw. 23. Mai 1948 geht die Schlangeninsel in sowjetischen Besitz \u00fcber &#8212; beide Dokumente werden allerdings nie ratifiziert. Mehr noch: Am 25. November 1949 versetzt die Sowjetunion eigenm\u00e4chtig auch die gemeinsame Grenze entlang der Donau zu ihren Gunsten &#8212; die neue Grenze zwischen Rum\u00e4nien und der UdSSR verl\u00e4uft nun entlang des Musura-Kanals, westlich der M\u00fcndung des n\u00f6rdlichsten Donauarms Kilija (rum. Chilia) ins Schwarze Meer.<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>Eduard Mezincescu war damals stellvertretender Au\u200e\u00dfenminister der Volksrepublik Rum\u00e4nien und unterzeichnete f\u00fcr sein Land die erzwungene Abtretung der Schlangeninsel an die Sowjetunion. In einem Interview mit dem Zentrum f\u00fcr m\u00fcndlich \u00fcberlieferte Geschichte des Rum\u00e4nischen Rundfunks erinnerte er sich 1994 an die Umst\u00e4nde der Unterzeichnung des omin\u00f6sen Protokolls:<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify><em>1948 wies mich die damalige Au\u200e\u00dfenministerin Ana Pauker an, den Sowjets entgegenzukommen, denn bei der Grenzziehung nach dem Krieg habe man vergessen, die Schlangeninsel der Sowjetunion zu \u00fcberlassen, und nun w\u00fcrde der m\u00e4chtige Nachbar das Eiland f\u00fcr sich beanspruchen, sagte sie. Zusammen mit dem Minister f\u00fcr \u00f6ffentliche Bauarbeiten fuhr ich nach Tulcea, dann nach Sulina, und wir setzten anschlie\u200e\u00dfend auf die Insel \u00fcber, wo die Sowjets bereits anwesend und durch den Botschafter, den Vize-Au\u200e\u00dfenminister und einigen Milit\u00e4rs vertreten waren. Ein gro\u200e\u00dfer Tisch war im Freien aufgestellt worden, und das Protokoll stand zur Unterzeichnung bereit. Ich lie\u200e\u00df mir etwas einfallen, um die Sowjets zu ver\u00e4rgern. Ich sagte, ich m\u00f6chte den Felsen erst inspizieren, bevor ich die Abtretung unterzeichne &#8212; schlie\u200e\u00dflich d\u00fcrfe ein solcher Akt nur in Kenntnis aller Einzelheiten \u00fcber die B\u00fchne laufen. Und so mussten alle Anwesenden &#8212; sehr zum Verdruss der Sowjets &#8212; eine Inseltour zu Fu\u200e\u00df unternehmen. Mit diesem launischen Einfall habe ich die Unterzeichnung des Protokolls etwas verz\u00f6gert.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>Doch die Kaprice des rum\u00e4nischen Diplomaten nutzte nicht viel. Durch die Abtretung Bessarabiens an die Sowjetunion musste auch die neue Grenze n\u00f6rdlich des Donaudeltas zwischen beiden Staaten festgelegt werden. Der Admiral Constantin Necula war w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs Sicherheitsbeauftragter f\u00fcr die rum\u00e4nische Schifffahrt im Schwarzen Meer gewesen. Nach dem Krieg nahm er an einem ersten Treffen mit Vertretern der UdSSR teil, die ihre urspr\u00fcnglichen Forderungen noch \u00fcberboten und auch Teile des Donaudeltas der Sowjetunion anschlie\u200e\u00dfen wollten. In einem Interview mit dem Zentrum f\u00fcr m\u00fcndlich \u00fcberlieferte Geschichte des Rum\u00e4nischen Rundfunks erinnerte sich Necula 1999, wie die ersten Verhandlungen abliefen:<\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify><em>Nach dem 23. August 1944 begannen die ersten Gespr\u00e4che \u00fcber die neue Grenzziehung zwischen Rum\u00e4nien und der Sowjetunion. Ich wurde nach Sulina beordert, um mich mit zwei sowjetischen Offizieren \u00fcber den Verlauf der maritimen Grenze zu unterhalten. Von meinen Vorgesetzten hatte ich \u00fcberhaupt keine Unterweisungen erhalten, wohl auch, weil wir keine Experten auf dem Gebiet hatten. Mir wurde nur gesagt, dass die Sowjets eine neue Grenze etablieren wollten, doch niemand wusste etwas Genaues \u00fcber deren Verlauf. Man legte mir nur nahe, ich solle vorsichtige Gespr\u00e4che mit den Sowjets f\u00fchren und mich ja nicht in einen Konflikt verwickeln lassen. Als ich in Sulina ankam, hatten die zwei sowjetischen Offiziere den neuen Verlauf der Grenze bereits festgelegt. Sie hatten 1&#8211;1,5 km n\u00f6rdlich vom Hafen in Sulina eine Boje aufgestellt und sagten schlicht, dort w\u00fcrde die neue Grenze verlaufen, n\u00e4mlich entlang des n\u00f6rdlichen Kilija-Arms der Donau, aber auch entlang des kleinen Ablegers, der nach S\u00fcden floss. Somit wollten sie ein ganzes St\u00fcck des Donaudeltas, das vom Kilija-Arm abgesteckt wurde, der Sowjetunion einverleiben. Danach bog die neue Grenze nach Osten ab. Und die Boje hatten sie so aufgestellt, dass die Senkrechte entlang der rum\u00e4nischen K\u00fcste s\u00fcdlich der Schlangeninsel verlief, womit auch das Eiland in den Territorialgew\u00e4ssern der Sowjetunion bleiben sollte. Die Sowjets hatten schon eine Akte mit einer Landkarte und einem Protokoll vorbereitet und wollten mich unterzeichnen lassen, was ich ablehnte. Ich sagte nur, ich w\u00e4re nicht bevollm\u00e4chtigt, der Aufstellung von Bojen oder Gebietsabtretungen durch meine Unterschrift zuzustimmen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>\n<p>&#13;<br \/>\n&#13;<\/p>\n<p align=justify>Rum\u00e4nien wurde damit &#8212; zumindest was die Schlangeninsel anbelangt &#8212; vor vollendete Tatsachen gestellt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Schlangeninsel ein Teil der Ukraine. Ein jahrelanger Streit \u00fcber die Abgrenzung des Kontinentalsockels im Schwarzen Meer und damit auch \u00fcber die jeweils exklusive Wirtschaftszone in den Territorialgew\u00e4ssern brach daraufhin zwischen Rum\u00e4nien und dem neuen unabh\u00e4ngigen ukrainischen Staat aus. Der Streit wurde schlie\u200e\u00dflich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag geschlichtet. Mit dem Urteil vom 3. Februar 2009 wurden Rum\u00e4nien 9700 km2 als exklusive Wirtschaftszone zugesprochen &#8212; das entspricht knapp 80% der umstrittenen Fl\u00e4che im Schwarzen Meer, die Ukraine bekam 20% als souver\u00e4nes Nutzungsareal. Die Schlangeninsel selbst blieb allerdings ein Teil der Ukraine. Seit dem 25. Februar 2022 ist das Eiland von russischen Streitkr\u00e4ften besetzt.<\/p>\n<p>&#13;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein unscheinbarer und unwirtlicher Felsen im Schwarzen Meer geriet im Zuge der russischen Aggression gegen die Ukraine ins Rampenlicht der internationalen \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n","protected":false},"author":127,"featured_media":92209,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[116755],"tags":[100341,105584,99589,99824,119331,100113,119332,28905],"coauthors":[],"class_list":["post-629005","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-pro-memoria-zur-geschichte-rumaeniens","tag-geschichte","tag-kontinentalsockel","tag-rumaenien","tag-russland","tag-schlangeninsel","tag-schwarzes-meer","tag-territorialgewaesser","tag-ukraine"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.6 - 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