Wasserkraft gefährdet Natur in der Jiu-Schlucht

wasserkraft gefährdet natur in der jiu-schlucht Wasser gilt in der Regel als reine Energiequelle – doch die Kraftwerke können der Umwelt schweren Schaden zufügen, besonders wenn das Baugelände in einem Naturschutzgebiet liegt.

Die Schlucht auf dem Verlauf des Jiu-Flusses (dt. Schil-Engtal) zwischen den Bergen Parâng und Vâlcan gehört zu den spektakulärsten Naturschutzgebieten in Rumänien. Auf über 11 Tausend Hektar gibt es zu 80 Prozent Buchen- und Eschenwälder, in denen über 700 Pflanzen- und 440 Tierarten leben: eine einzigartige Artenvielfalt, die zum Teil auch gesetzlich geschützt ist. Das gesamte Naturschutzgebiet wird unter den hydrotechnischen Bauarbeiten zu leiden haben, die den Jiu-Fluss auf bestimmten Abschnitten über riesige Abflussrohre umleiten werden. Das wird für Flora und Fauna unumkehrbare Folgen haben, warnen Experten und Umweltschützer. Der Biologe Călin Dejeu aus Cluj (Klausenburg) engagiert sich seit Jahren für die Rettung der Gebirgsflüsse in Rumänien. Die Situation am Jiu sieht er kritisch und versucht, das Projekt zu stoppen, weil sehr viel auf dem Spiel steht: 

 

„Dieser Nationalpark ist der wohl spektakulärste in ganz Rumänien. Eine riesige Wildnis, mit einer großen Vielfalt der Landschaften auf der Senkrechten – von Felshöhen bis Flussauen ist einfach alles da. In den kälteren, höher gelegenen Gebieten haben wir Fichtenwälder, sonst gibt es Eschen oder im Auslaufgebiet des Canyons auch Schwarze Apfelbeerengebüsche. Auf den Berghängen wachsen Urwälder; der Fluss mit seinen Stromschnellen verleiht diesem Gebiet einen außerordentlichen Charme. Die Flora ist sehr vielfältig, selbst Orchideenarten wachsen hier. Die Fauna ist genauso reich an Arten – Amphibien wie Salamander oder Reptilien wie Nattern, 135 Vogelarten wie Steinadler oder schwarze Storche und sogar Zwergkormorane wurden hier gesichtet“, weiß der Biologe.

 

 

Auch die vielen Fischarten sind bedroht, weil das hydrotechnische Projekt das Naturgebiet auch dahingehend bedroht, dass es auf bestimmten Abschnitten die Trockenlegung des Jiu-Flusses voraussetzt. Zudem besteht auch für das Tourismusgeschäft ein gewisses Risiko, weil der Fluss mit seinen 20 Kubikmetern pro Sekunde beim Schluchteingang der beste Raftingstandort in Rumänien ist – nach Angaben von Experten verringert sich der Durchfluss nach den Bauarbeiten auf nur 2,7 Kubikmeter pro Sekunde, was für den eigentlich umweltverträglichen Extremsport das Aus bedeuten könnte. Călin Dejeu hat bereits in einer Petition mit 20 Tausend Unterschriften den Stopp des Projekts gefordert und auch den Gerichtshof der EU angerufen. Eile ist geboten, meint er: 

 

„Die Arbeiten haben in 2004 angefangen. Glücklicherweise ist es sehr langsam gegangen und bis 2012 wurden nur 45% des Projekts gebaut. Dann ein anderer Glücksfall – die staatliche Wasserstromgesellschaft hat Insolvenz angemeldet und bis 2016 lag alles brach. Es ist komisch – anstatt die Umweltschutzgesetze anzuwenden, brauchen wir Glücksfälle wie eine Insolvenz. Denn 2005 wurde das Gebiet zum Nationalpark erklärt und alle Arbeiten hätten eingestellt werden müssen. In jedem Land sind solche Nationalparks sakrosankt und unantastbar. Man darf der Natur kein Haar krümmen, geschweige denn mit staatlichem Segen den Park von A bis Z kaputtmachen. Es ist eine Schande und eine nationale Katastrophe!“, empört sich der Klausenburger Biologe.

 

 

Vorerst sind die Umweltzerstörungen nur punktuell um die Baustellen zu beklagen, auch wenn die Landschaft aufgrund der Sprengungen und Abholzungen verhässlicht wurde. Doch wenn der Fluss in den Tunnel umgeleitet wird, geht es richtig brutal zu. Gravierend ist auch, dass die hausgemachte Umweltkatastrophe am Jiu zwar ein großes Projekt ist, aber nicht das einzige dieser Art in Rumänien darstellt. Über 450 Mikrokraftwerke werden gebaut oder sind schon in Betrieb, nicht wenige davon mitten in Gebieten, die im europäischen Netzwerk Natura 2000 erfasst sind: 

 

„Wo immer  wir auf die Landkarte der Karpaten schauen, sehen wir, dass Flüsse zerstört werden – von großen Staudämmen und Anlagen, die die Nebenflüsse trockenlegen, oder von Mikrokraftwerken. Nur wenige Flüsse oder Teilstücke von Flüssen gibt es noch. Der Jieţ, einer der Nebenflüsse am Osttteil des Jiu, ist von der Stromgesellschaft Hidroelectrica abgegraben worden, all das Wasser fließt unter dem Berg in den Lotru. Selbst der Fluss Capra an der Transfăgărăşan-Straße wird durch Rohre umgeleitet, der Capra-Wasserfall ist ausgetrocknet“, resigniert der Biologe Călin Dejeu.

 

 

Im November 2013 hat die Umweltschutzorganisation WWF Rumänien ein Gesetz zum Schutz der Flüsse in den Karpaten verlangt und eine Kampagne dazu gestartet. Die Behörden ließen sich, wie es sich heute zeigt, davon kaum beeindrucken.


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Publicat: 2017-06-30 17:34:00
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