Bukarester Traditionszeitung „Adevărul“ wieder im Großformat

bukarester traditionszeitung „adevărul“ wieder im großformat Die Zeitung setzt auf ein neues Layout, das Leser der gedruckten Ausgabe heranziehen soll – in der heutigen finanziellen Konjunktur für Medien ist das geradezu ein Wagnis.

Die Tageszeitung Adevărul hat, wie viele andere Blätter im rumänischen Zeitungswald, eine bewegte und von pikanten Gegensätzen geprägte Geschichte. Sie erschien zum ersten Mal in Iaşi 1871 als nationalistische Zeitung, die gegen fremde Herrscher ätzte. Nach nur wenigen Ausgaben wurde sie deshalb mit hohen Geldstrafen belegt und musste für eine Zeitlang aussetzen. Der Verleger zog 1888 nach Bukarest und brachte die Zeitung bis 1916 heraus. Nach dem ersten Weltkrieg nahm sie den Betrieb 1919 wieder auf und erschien wieder bis 1937, als sie von der damaligen erznationalistischen Regierung als zu kosmopolitisch verboten wurde.

 

Das gleiche Schicksal erlitt die Zeitung auch nach dem zweiten Weltkrieg. Sie wurde 1946 neu gegründet, aber 1951 von den Kommunisten über Nacht wieder verboten.

 

Nach der Wende nahmen just die Redaktion der kommunistischen Parteizeitung den Namen Adevărul an, der ins Deutsche übersetzt nicht weniger als die Wahrheit bedeutet. Die Redaktion gab vor, an die Tradition der früheren Adevărul anzuknüpfen, doch so richtig wollte das nicht gelingen – das Blatt galt lange Jahre als eines der Sprachrohre der Revolutionsgewinnler und Kommunismusnostalgiker und versuchte sogar, Rechtfertigungen für die Brutalität der Bergleute zu finden, die im Juni 1990 regimekritische Intelektuelle und Studenten in Bukarest verprügelten.

 

Nach dem Tod des Verlegers Dumitru Tinu übernahm der Architekt und vielfache Ölmillionär Dinu Patriciu die Zeitung und das Blatt wendete sich buchstäblich einmal wieder. Unter ihm und dem späteren Eigentümer wurde aus einer einfachen Redaktion ein großer Medienkonzern, der in vielen Sparten mitmischte und viele und breitgefächerte Titel kaufte – darunter Prestigezeitschriften wie  Dilema Veche oder Foreign Policy, das Geschichtemagazin Historia, aber auch das Klatschblatt OK und die Boulevardzeitung Click. Auch ins regionale Ausland expandierte die Medienholding Adevărul.

 

Das viele Investorgeld machte es auch möglich, dass der Konzern den Technologiesprung der späten Nullerjahre nicht verpasste. Unter den vielen Angeboten im rumänischen Internet ist Adevărul heute noch bestens aufgestellt und erreicht rund eine Million Aufrufe am Tag.

Das ist kein Zufall, denn Adevărul.ro hat eine der größten und bestgelesenen Blogplattformen, wo Dutzende Autoren aus dem gesamten gesellschaftlichen Spektrum – von linksliberalen bis rechtskonservativen Stimmen – vertreten sind. Außerdem gibt es regelmäßige multimediale Angebote im digitalen Format, zum Beispiel Interviews, die live übers Internet ausgestrahlt werden.

 

Vor etwa 10 Jahren veränderte die Zeitung ihr Layout und setze auf ein Kompaktformat, das leichter zu lesen war – doch seit Montag ist sie wieder da im Breitformat. Der Redaktionschef führte im Gespräch mit Kollegen aus, dass man etwas bemerkt habe: Die Kommentatoren der Zeitung schreiben gerne ausgiebig, und man wolle ihnen eben großzügige Freiräume bieten.          

 

Auflagen wie in den 1990er Jahren – damals verkaufte die Zeitung noch über 100 Tausend Stück am Tag – sind heute undenkbar. Doch selbst wenn Adevărul jetzt nur noch zwischen sieben und achttausend Stück am Tag verkauft, möchte die Redaktion zum Lesen anregen und die Vorteile, die die Branche sich vor zehn Jahren vom Übergang zu Kompakt- oder Tabloidformaten erhofft hatte, seien einfach nicht mehr da.

 

Das neue Format enthält anfangs nur acht Seiten, kann aber bei Bedarf auch dicker ausfallen. Und vom Inhalt her fällt der Schwerpunkt nicht auf Nachtrichten, sondern auch Hintegrundberichte und Kommentare. Der Krieg um die Leser aktueller Meldungen tobt weiter im Internet, den Krieg um die an Hintergrund und Erklärungen bemühten Medenkonsumenten will die Redaktion wieder in den gedruckten Bereich ziehen. Ob das gelingt, wird die Zukunft zeigen.


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Publicat: 2017-09-07 17:53:00
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