„Foreplay“: Theaterstück problematisiert das Thema Teenie-Mütter

„foreplay“: theaterstück problematisiert das thema teenie-mütter Eigentlich sollte es einer der schönsten Momente im Leben sein – man bekommt ein Kind. Das ist es auch in den meisten Fällen, ein mit Freude gefüllter Augenblick.

Die Eltern sollten allerdings darauf vorbereitet sein, denn die Entscheidung bringt viele Änderungen mit sich. Und das ist eben bei den Teenie-Müttern Rumäniens nicht der Fall. Wenn Kinder Kinder kriegen – ein Phänomen, das mittlerweile auch hierzulande hohe Wellen schlägt. Wieder einmal ein Bereich, in dem Rumänien zu den Schlusslichtern in der EU gehört. Laut Eurostat hatten 14% der 2016 in Rumänien erstgeborenen Kinder eine Mutter unter zwanzig. Und 2015 zeigten die EU-Statistiken sogar, dass über 350 der jungen Mütter zwischen 10 und 14 Jahre alt waren. Weitere circa 13.000 Frauen hatten ihr Kind mit 15-19 Jahren zur Welt gebracht.

 

Hinter den trockenen Zahlen stecken aber aus den Fugen geratene Menschenleben, wobei manche Mütter sich zusätzlich mit der Ablehnung durch die Gesellschaft konfrontieren. Die Regisseurin Ozana Nicolau hat die für sie beeindruckenden Fälle in ihrem Theaterstück „Foreplay“ verarbeitet. Dabei sei sie von persönlichen Erfahrungen ausgegangen.

 

„Die Aufführung hat einen sehr persönlichen Kern. Es geht um meine Kindheit in den 1990er Jahren, in einem Randviertel von Bukarest. Ich bin dort vielen jugendlichen Müttern begegnet. Ich habe auch Schulkameradinnen gekannt, oder Nachbarinnen und Freundinnen aus unserem Wohnblock, die in dieser Situation waren. Und dazu war es – so gut wie jedes Mal – nach dem gleichen Szenario gekommen: Die Mädchen wurden schwanger und hatten nicht den Mut, es den Eltern zu sagen, nur die Klassenkameraden oder Freunde wussten es... Ich rede hier von den ersten Gymnasiumsjahren, der sechsten, siebten und achten Klasse in den Jahren 1996–1998. Und irgendwann, als die Schwangerschaft sichtbar wurde, waren sie auf einmal weg, entweder aus der Schule oder vom Spielplatz verschwunden. Ich kann davon ausgehen, dass sie entweder aufs Land oder in eine kleinere Stadt geschickt wurden – als Lösung des Problems. Es galt auf jeden Fall als eine große Schande und es war undenkbar, dass man mit 13 oder 14 als schwangeres Mädchen weiter in die Schule geht. Es war inakzeptabel.“

 

 

Der dadurch erzwungene Schulabgang macht es für betroffene Frauen später unmöglich, einen anständigen Arbeitsplatz zu finden. Darüber hinaus sind sie von der Gesellschaft gebrandmarkt. Bei der Recherche für die Aufführung von „Foreplay“ unterhielt sich Ozana Nicolau mit über 30 schwangeren Mädchen. Einige von ihnen sagten ihr, in ihrem Umfeld würde man ihr das als Verfehlung vorwerfen. So würden Mütter irgendwann das eigene Kind als ein Fehler sehen, glaubt die Regisseurin.

 

„Anstatt sich doch über diese Erfahrung des Mutterwerdens zu freuen, wird daraus eine Art Belastung. Die Erfahrung, die man als Mutter oder Vater macht, ist ohnehin schon schwierig und voller Herausforderungen. Wenn das mit 14 oder 15 Jahren passiert, wenn die eigene Persönlichkeit noch nicht gefestigt ist, muss man auf einmal für eine andere Person die Verantwortung tragen, obwohl man nicht einmal gelernt hat, für sich selbst verantwortlich zu sein. Es entsteht ein innerer Konflikt und darüber hinaus gibt es noch die Gesellschaft, die mit dem Finger auf einen zeigt, weil man einen Riesenfehler begangen hätte.“

 

 

Die Künstler hätten im Foreplay- Projekt auch eine interessante Tatsache herausgefunden, und zwar, dass die Situation der Teenager-Mütter nicht ausschließlich auf ein wirtschaftlich benachteiligendes Umfeld zurückzuführen sei. Es seien in allen sozialen Kategorien Fälle anzutreffen, berichtet die Regisseurin Ozana Nicolau.

 

„Das hängt eher mit unserer Vergangenheit zusammen. Rumänien ist immer noch von der tabuisierten Sexualität vorbelastet, es fällt uns immer noch schwer, über dieses Thema zu reden. In den Schulen findet Sexualkunde so gut wie gar nicht statt, aber auch zu Hause schweigt man zum Thema. Das ist das Problem.“

 

 

Immerhin gibt es seit 2004 im öffentlichen Schulwesen ein Wahlfach – die sogenannte „Gesundheitserziehung“. Das Fach ist von der ersten bis zur zwölften Klasse verfügbar, die Materie wird in den Schulen von den Biologie- oder den Grundschullehrern unterrichtet. Alles infolge eines spezifischen Fortbildungsprogramms. Zu den Trägern des Programms gehörte auch die NGO „Jugend für Jugend“. Die Fortbildung beginnt mit Grundbegriffen in den Bereichen Hygiene und Umweltschutz und geht hin bis zur gesunden Fortpflanzung und Familienplanung. All diese Begriffe werden den Kindern altersgemäß vermittelt – versicherte uns die Leiterin der Stiftung „Jugend für Jugend“, Adina Manea. Im Schuljahr 2014–2015 haben ungefähr 6% aller Schüler den Unterricht im Fach Gesundheitserziehung besucht. Wir wollten zudem von Adina Manea erfahren, wieviele Schulen in Rumänien das Wahlfach eingeführt haben.  

 

„Aus den Statistiken des Bildungsministeriums für das Jahr 2017–2018 geht hervor, dass dieses Wahlfach in über 3500 Schulen landesweit unterrichtet wird. Das entspricht etwa 6-7% der Gesamtanzahl der Schüler. Es ist viel für ein Wahlfach, aber wenig, wenn man die Bedürfnisse der rumänischen Schüler eines jeden Alters berücksichtigt.“  

 

 

Die Zivilgesellschaft plädiert für einen breiteren Zugang der Bevölkerung zu dieser Art von Erziehung. Doch das soll nicht unbedingt im schulischen Umfeld geschehen, denn ein Teil der jungen Mütter geht nicht mehr zur Schule. Und da spielen auch andere Faktoren eine negative Rolle, etwa die Schulabgänger-Quote, die in Rumänien ebenfalls hoch ist. Nichtsdestotrotz werde ein allgemeiner Zugang zur Erziehung für eine gesunde Fortbildung gebraucht, sagt Adina Manea.  

 

„Es geht hier um einen Anteil von 10% aller Frauen. Das ist sehr viel, denn eine Schwangerschaft im jugendlichen Alter geht mit anderen Gesundheitsrisiken für Mutter und Kind einher. Während eines Schuljahres gelingt es im Schnitt nur zwei jungen Frauen, die Schwangerschaft bis zum geplanten Ende zu führen. Es ist auch klar, dass die Schulen bereit sind, sie zu unterstützen, wenn sie nicht die Schule schmeißen wollen. Das mit diesem Phänomen früher verbundene Stigma gibt es zwar nicht mehr, aber gleichzeitig wird über das Thema nicht gesprochen. Wenn es um das Umfeld und die Schulkollegen geht, da sind die Dinge von Fall zu Fall unterschiedlich. In den Fällen, die unser Verband kennt, werden die Kinder zur Welt gebracht und von der Familie hochgezogen. Weil wir sehr oft in den Gymnasien arbeiten (ab der 9. Klasse), treffen wir hier Jugendliche, die über genügend Finanzmittel verfügen, denn um diese Bildungsstufe zu erreichen, braucht man eben Geld und auch die Unterstützung der Familie.“

 

 

Die Unterstützung der Familie ist auch nach Ansicht der Regisseurin Ozana Nicolau wichtig. Sie kenne auch Glücksfälle in diesem Zusammenhang.  

 

„Wenn sie das Glück haben, in einer emotional ausgewogeneren Familie zu leben, die versteht, was das betreffende Mädchen gerade durchmacht, dann legen sich die Probleme in der Regel nach zwei Jahren. Ich kenne den Fall eines Mädchens aus Vaslui, das seinerseits Mutter geworden war und das eine sehr gute Note beim Abitur bekommen und weiterhin das Studium an einer Hochschule begonnen hat, wo sie sogar eine Stipendiatin ist. Es ist also möglich, wenn die Familie sie unterstützt und auch der Partner in der Nähe ist.“

 

 

Die Aufführung von „Foreplay“ löste beim Publikum Emotionen aus. Eltern, die ursprünglich alleine ins Theater gekommen waren, erzählten auch anderen Eltern über die Aufführung oder sahen sie noch einmal in Begleitung ihrer pubertierenden Kinder. „Foreplay“ soll außerdem in den Bukarester Gymnasien und den Schulen mehrerer Großstädte aufgeführt werden.


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Publicat: 2018-09-26 17:30:00
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