Wie Kinder in Rumänien auf die Welt kommen: Kaiserschnitt weit verbreitet

wie kinder in rumänien auf die welt kommen: kaiserschnitt weit verbreitet Aktuelle Eurostat-Daten ergeben, dass Rumänien Ende 2019 einen traurigen Rekord aufgestellt hat: Auf EU-Ebene liegt das Land bei erfassten Kaiserschnitten hinter Zypern an zweiter Stelle.

60% der Kinder, die in Rumänien geboren werden, kommen durch einen Kaiserschnitt auf die Welt. Während des Ceauşescu-Regimes war der Anteil der Kaiserschnitte unbedeutend, doch nach den 1990er Jahren nahmen sie allmählich zu. Die großen Privatkliniken fördern das Verfahren, da es teuer ist und ihnen viel Geld einbringt. Aber Kaiserschnitte werden auch in staatlichen Krankenhäusern in großem Umfang durchgeführt. Scheuen die Frauen eine natürliche Geburt und verlangen den Kaiserschnitt, oder wird das Verfahren medizinisch verordnet? Die Berufshebamme Irina Mateescu sieht mehrere Aspekte:

 

„Ich glaube nicht, dass sie der natürlichen Geburt aus dem Wege gehen. Aber ihnen gefällt das heutigen Bild der natürlichen Geburt nicht, die ja leicht traumatisch ist“, sagt Mateescu. Die Frauen, meint sie, hören von allen möglichen Geschichten, in denen es um die Beschleunigung der Wehen geht, um Frauen, die mit dem wenig empathischen medizinischen Personal nicht auskommen oder angefahren wurden. Dann ist auch die Gebärposition untypisch, sie geht gegen die Schwerkraft. In nicht wenigen Krankenhäusern steht die Vollnarkose nicht zur Verfügung, sie wird nicht kostenlos verabreicht. Frauen wollen sich nicht respektlos behandeln lassen, wollen Schmerz vermeiden. Aber zu einem großen Teil gibt es für Kaiserschnitte vorgetäuschte medizinische Gründe. Der hohe Anteil der Kaiserschnitte hat kaum damit zu tun, dass die Frauen danach verlangen – die meisten Kaiserschnitte werden vom Arzt verlangt, nicht von den Frauen, stellt die Hebamme klar.

 

 

Die Geburtshelferin Brânduşa Mitroi betont hingegen die Angst der werdenden Mütter vor dem Unbekannten, aber auch ihr Alter: „Die Gründe sind zumeist medizinischer Natur, denn Frauen neigen dazu, später zu gebären, und damit treten alle möglichen Komplikationen auf, darunter Schwangerschaftsdiabetes oder Bluthochdruck.“ Es gibt auch Fälle, weiß Mitroi, in denen Komplikationen während der Wehen auftreten, was einen Notfall-Kaiserschnitt zur Folge hat. Frauen haben allerdings auch Angst vor dem Unbekannten und sind oft auch nicht sehr gut informiert. Für den Arzt ist die Entscheidung für einen Kaiserschnitt nicht das einfachste, da die medizinische Fachwelt einstimmig eine höhere Komplikationsrate in diesem Fall zugegeben hat, findet die Geburtshelferin.

 

 

Es gab Zeiten, in denen Hebammen eine Schlüsselrolle im Geburtsprozess spielten, aber heutzutage ist das nicht mehr so. Früher studierte man an der Uni auf Hebamme, seitdem die Studiengänge abgeschafft wurden, sind Hebammen Mangelware. Leider werden aber in Rumänien auch die existierenden Hebammen nicht nach besten Möglichkeiten eingesetzt.

 

„Die Rolle der Hebammen ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung. Prävention und Überwachung könnten einige der Gesundheitswerte verbessern und Risiken reduzieren, aber auch dafür gibt es nicht genug von uns“, bedauert die Hebamme Irina Mateescu die Lage. Insgesamt gibt es weniger als 1.000, die ihren Beruf ausüben und dem Orden der ausgebildeten Krankenschwestern und Hebammen angehören – der Rest bis zu den erforderlichen 12.000 Hebammen hat die Ausbildung noch nicht abgeschlossen, stellt Mateescu die Lage dar. Hebammen spielen im Moment im gesamten pränatalen Prozess nur eine sehr kleine Rolle, denn sie sind nicht erwünscht. Eine Ausbildung zur Hebamme ist fast unmöglich und im Moment bestimmen Ärzte, die sich auf Geburtshilfe spezialisiert haben, und Neonatologen, die den Hebammen-Bereich für sich erschlossen haben, obwohl sie überhaupt nicht dafür ausgebildet sind, das Geschehen. 85% der Schwangerschaften könnten von Hebammen betreut werden, findet Mateescu.

 

In Rumänien ist der Kaiserschnitt so verbreitet, dass die wenigen Menschen beim Versuch, die Mentalität zu ändern, kaum Aussichten haben. Wir vergessen, dass die Geburt ein Teil des Lebens ist, wir haben vergessen, dass die Natur uns unterstützt und nicht unser Feind ist, schüttelt auch Brânduşa Mitroi den Kopf:

 

„Wie wir das ändern können? Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Geburt ein Teil des Lebens ist. In den meisten Fällen versagt die Natur nicht und ermöglicht es jeder Frau, das Kind zu gebären, das sie sicher auf die Welt bringen kann. Wie können wir das verbessern? Die Teilnahme an pränatalen Kursen,  wenn möglich die Anwesenheit des Vaters bei der Geburt oder die epidurale Analgesie.“

 

Irina Mateescu verlangt auch berufspolitische Maßnahmen: „Es wäre aus meiner Sicht eine Lösung, wenn wir uns als Hebammen vom Orden der ausgebildeten Krankenschwestern und Krankenpfleger loslösen. Und wenn der Bereitschaftsdienst mehr Hand anlegt.“ Was Mateescu meint, ist auch ihrer Ansicht nach eine typisch rumänische Anomalie: Frauen werden während der Schwangerschaft von A bis Z von einem Arzt begleitet, der sie dann auch bei der Geburt selbst betreut. Doch wenn er gerade auf einer Party war, ist er nicht unbedingt der fitteste dafür. Deshalb regt Mateescu an, dass die Ärzte, die gerade Bereitschaftsdienst haben, die Kinder zur Welt bringen. Dazu muss nach Protokollen gearbeitet werden. Die fachärztliche Betreuung für das Wohl von Mutter und Kind muss auf Einheitlichkeit beruhen, sie muss standardisiert werden, damit sie im ganzen Land umgesetzt werden kann, sagt die Hebamme.

 

 

Es gibt noch ein weiteres großes Problem in ganz Rumänien, nämlich die Trennung des Säuglings von der Mutter unmittelbar nach der Geburt. Für das Neugeborene ist eine solche Behandlung brutal und für die Mutter emotional verheerend. Wann wird aus der Sicht der Hebamme eine Lösung für dieses Problem gefunden werden?

 

„Wenn Hebammen aktiver werden und wenn die Zahl der Schwangerschaften, die wir betreuen können, steigt, wenn wir Frauen während der Wehen und bei der Geburt unterstützen dürfen, wenn wir Mutter und Kind danach gemeinsam betreuen könnten, ohne Neugeborene von ihren Müttern zu trennen. Gesunde Mütter und Neugeborene dürfen zusammen sein, sie werden schnell aus dem Krankenhaus entlassen und dann zu Hause unter Beobachtung gehalten. Was die Hebammen betrifft, so haben sie damit kein Problem. Es geht einfach darum, dass wir auch in unserem Land arbeiten dürfen, meint die Hebamme Irina Mateescu abschließend.


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Publicat: 2020-10-28 17:30:00
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