Sexualkunde in der Schule: Wie die Sexualaufklärung an Spitzfindigkeiten und Prüderie scheitert

sexualkunde in der schule: wie die sexualaufklärung an spitzfindigkeiten und prüderie scheitert Obwohl Rumänien EU-weit Spitzenreiter ist, wenn es um ungewollte Schwangerschaften und minderjährige Mütter geht, schaffen es Zivilgesellschaft und Politik nicht, sich auf eine vernünftige Sexualaufklärung in der Schule zu einigen.

Das Nationale Institut für Statistik hat in letzter Zeit eine Reihe von beunruhigenden Daten veröffentlicht. Demnach entfielen von den gemeldeten 200.000 Geburten im Jahr 2019 mehr als 700 auf Mädchen unter 15 Jahren und fast 18.000 auf Mütter zwischen 15 und 19 Jahren. Eine der Ursachen für dieses Problem ist der Mangel an Sexualaufklärung, obwohl diese in einem Wahlfach mit der Bezeichnung „Erziehung zur Gesundheit“ enthalten ist. Der Kurs wird schon seit vielen Jahren unterrichtet, und zwar bereits in der 1. Klasse. In einigen Fällen werden solche Kurse auch von Fachleuten unterrichtet, die für verschiedene Vereine arbeiten: z.B. „Youngsters for Youngsters“. Seit fast 30 Jahren engagiert sich der Verein für die Gesundheitserziehung der Schüler in Rumänien.

 

„Bei den Programmen von »Youngsters for Youngsters« arbeiten wir mit Gymnasiasten aus dem klaren Grund, dass wir einen solchen Mangel in unserem nationalen Bildungssystem decken müssen“, sagt Vereinschefin Adina Manea. „Es ist ja am Gymnasium, im Alter von 15, 16, 17 oder so, dass die Jugendlichen ihr Sexualleben beginnen, also ist es wichtig, dass sie all diese Dinge wissen, bevor sie anfangen, Sex zu haben. Aber wir sprechen mit ihnen auch über Selbsterkenntnis und Kommunikation, wir sprechen über Werte, über Entscheidungen, über verantwortungsvolle Verhaltensmuster, darüber, wie wir kommunizieren... Dann sprechen wir das Thema Verhütung an und natürlich die HIV-Prävention und was mit den AIDS-bezogenen Themen passiert“, fügt Adina Manea hinzu.

 

 

Der Rechtsrahmen ist seit 2014 in Kraft, aber relativ wenige Kinder besuchen die Kurse. 2019 haben sich gerade einmal 140.000, also 4,6 % aller Schüler dafür angemeldet. Und ebenfalls 2019 wurde dem Parlament eine Initiative zur Änderung des Gesetzes über den Schutz und die Förderung der Rechte des Kindes vorgelegt, das von 2004 stammt. Präsident Iohannis weigerte sich, die novellierte Fassung auszufertigen und schickte es ans Parlament zurück. Im Großen und Ganzen zielen die Änderungen auf die Ersetzung des Begriffs „Sexualerziehung“ durch den Begriff „Gesundheitserziehung“ ab. Die Zustimmung des Erziehungsberechtigten soll zudem zwingend erforderlich sein, damit Schulen Programme zur Gesundheitserziehung durchführen können. Adina Manea von „Youngsters for Youngsters kritisiert die Initiative:

 

„Die Einführung eines solchen Passus zur zwingenden Zustimmung der Eltern ist eine Überregulierung. Das Bildungsministerium hat für alles, was in der Schule passiert, spezifische Methoden, die alles regeln“, sagt Manea – es gibt Lehrpläne, die sowohl die Pflichtfächer, als auch die Wahlfächer regeln, somit auch den Gesundheitskurs. Die Schulen arbeiten auch mit Vereinen zusammen, die sie aber überprüfen und gut kennen und denen sie vertrauen. Niemand von außerhalb der Schule kann dort ohne das Einverständnis der Eltern unterrichten kann, egal worum es geht.

 

Adina Manea und andere Vertreter der Zivilgesellschaft geben zu bedenken, dass im Kurs auch auch Themen wie Schwangerschaft und Infektionsprävention behandelt werden, was auch für die Eltern nützlich sein kann.

 

„Die Erwachsenen, also die Eltern der Kinder oder Schüler, haben selbst nicht genug Informationen, die sie an ihre Kinder weitergeben können. Das ist statistisch belegbar. Und ein Argument ist, dass die Aufklärung grundsätzlich in der Familie stattzufinden hat – was auch gut so ist! Das sollte durchaus in der Familie gemacht werden! Aber dort, wo die Familie das nicht kann, nicht in der Lage ist, das zu tun, oder einfach nicht da ist für das Kind, was sollen wir da machen?“, fragt Manea.

 

 

„Sexualerziehung“ durch „Hygieneerziehung“ zu ersetzen, könnte durchaus sinnvoll sein, meint Iulian Cristache, der Vorsitzende des Elternvereinsverbandes:

 

„Es ist wahr, dass der Begriff Sexualerziehung bei den Eltern eine gewisse Zurückhaltung hervorruft, und auch wir vom Verband teilen die Überzeugung, dass es besser wäre, von Gesundheitserziehung zu sprechen, die in der Tat ein Modul zur Sexualerziehung enthalten sollte. Keine Frage, Sexualerziehung muss sein, aber sie sollte natürlich altersgerecht unterrichtet werden. Sexualerziehung in der Grundschule zu unterrichten, ist eine Sache, das für die Mittelstufe zu tun, ist etwas anderes, während es in der Oberstufe wiederum eine ganz andere Sache ist. Aber alles in allem brauchen wir auf jeden Fall Sexualerziehung, denn wir haben sehr viele Mädchen, die Kinder kriegen. Leider sind wir diesbezüglich absolute Spitze in Europa, und wir brauchen diese Art von Bildung wirklich.“

 

 

Beim Verfahren für die Gesetzesänderung wurde die Elternvereinigung nicht herangezogen, erzählt Iulian Cristache, obwohl es sehr viele Eltern gebe, die Sexualerziehung als Tabuthema betrachten, was keineswegs normal sei. Verständlich also, dass die Menschen skeptisch seien. Das Problem könnte aber auch einfacher gelöst werden, meint Cristache. Das derzeitige Wahlfach Gesundheitserziehung sollte viel stärker gefördert werden.

 

„Wenn die Eltern darüber nicht informiert werden und der Schulleiter die Wahlfächer weiterhin nur als Mittel zur Lehrerauslastung sieht, können wir leider nichts dagegen tun. Die wichtigste Voraussetzung ist, dass man dieses existierende Modul der Sexualerziehung unterrichtet. Wir haben den Lehrplan geprüft und gesehen, dass er sehr gut an die aktuellen Bedürfnisse angepasst ist. Ich glaube also nicht, dass es noch wesentliche Änderungen gibt, die vorgenommen werden müssen. Und was das neue Projekt angeht: Ja, im Lehrerkollegium sollten in der Tat Profis sitzen, die diese Dinge unterrichten können. Es gibt die Biologielehrer, aber es sollten auch ausgebildete Krankenschwestern dabei sein, es sollten auch Ärzte aus den Familienplanungsbüros dabei sein. Wir brauchen Fachleute, damit die Informationen richtig weitergegeben werden, ohne dass sie verfälscht werden“, fordert der Verband der Elternvereine.


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Publicat: 2021-03-31 17:30:00
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