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Alina Dumitriu: Porträt einer Sozialaktivistin

Auch die Zivillgesellschaft braucht Profis - sie heißen in ihrer Fachsprache Aktivisten. Viele von ihnen gehen in dieser Rolle auf. Jedes Mal, wenn man mit Alina Dumitriu spricht, kaut sie an verschiedenen Ideen zu irgendeinem Thema. Ob Gewalt gegen Tiere, Opfer sexualisierter Gewalt, die Ausweitung von Nachbarschaftsparks in Bukarest, der Zugang zu HIV-Medikamenten in Apotheken oder Fragen rund um Arbeitsmigranten – Alina ist immer mit Problemlagen beschäftigt und scheint keinen Tag abzuschalten.

Alina Dumitriu
Alina Dumitriu

, 12.02.2026, 08:04

„Also gut, schon als ich klein war, ging das eigentlich so los – ich erinnere mich, dass ich schwarze Kinder aus Afrika im Fernsehen gesehen habe, Ceaușescus Fernsehen hat uns ja ab und zu solche Bilder gezeigt, vermutlich damit wir sehen, dass es anderswo schlimmer ist als bei uns. Ich habe zehn Jahre im Kommunismus gelebt, bin heute knapp 47, und ich sah im Fernsehen Kinder mit Rachitis, ganz dünn, na ja. Und wenn meine Eltern mich fragten, was ich werden will, wenn ich groß bin, sagte ich, ich will den schwarzen Kindern helfen, die ich im Fernsehen gesehen habe? Das ist bei mir hängen geblieben, und ich wollte wirklich freiwillig helfen.“

Inzwischen ist Alina Dumitriu jedoch eher mit dem eigenen Land beschäftigt. Derzeit, sagt sie, gebe es in Rumänien bereits so viele große Probleme, dass sie nicht für längere Zeit verreisen könne. Mit 16 schloss sich Alina Dumitriu einer Kollegin ihrer Mutter an, die neben ihrer Arbeit bei einer Privatbank die Aktivitäten einer Nichtregierungsorganisation koordinierte. So begann sie, mit Mädchen zu arbeiten, von denen sie zunächst glaubte, sie seien Waisen. Bald stellte sich heraus, dass sie zwar Eltern hatten, diese ihre Kinder jedoch in staatliche Obhut gegeben hatten. Später wurde sie eingeladen, an einer informellen Schule Kunst zu unterrichten – für Jugendliche, die mit HIV infiziert waren:

„Das war 1992 oder jedenfalls um die Zeit. Das Thema war ein Tabu: Wie viele Kinder waren infiziert, über welchen Zeitraum, da sagt jeder etwas anderes. Jedenfalls gab es im Kommunismus eine Kohorte von Babys, die mit HIV infiziert wurden. 14.000 Säuglinge waren das, ein weltweit einmaliger epidemiologischer Unfall. Und ich habe sofort gesagt: Ich will das machen. Außerdem hatte ich das Kunstgymnasium Tonitza abgeschlossen und war leidenschaftlich an Psychologie und Psychotherapie interessiert; ich habe unglaublich viel gelesen – während andere Kinder Belletristik lasen, las ich Jung und Freud, das war mein Steckenpferd. Das Konzept der Kunsttherapie fand ich jedenfalls sehr gut und ich habe angefangen, noch mehr darüber zu lesen und versucht, das einzubringen, damit es nicht nur reine Zeichen- und Malstunden waren.“

So begann Alina Dumitriu, persönliche Gespräche mit den institutionalisierten Jugendlichen zu führen, die Opfer des epidemiologischen Unfalls waren. Dabei merkte sie, wie groß die Kluft war zwischen ihrem tatsächlichen Leben und dem, was sie glaubten, zu erleben. 
Vor allem, sagt Alina, waren alle überzeugt, sie hätten AIDS und würden sterben:

„Als ich anfing, über das Virus zu lesen, wurde mir klar, dass sie eigentlich nicht im AIDS-Stadium waren, sondern im HIV-Stadium, und dass sie praktisch gesund waren, sie waren nur Träger eines Virus. Nach einigen Jahren hat sich auch der Umgang mit HIV in der Fachliteratur geändert. Was Menschen hatten, womit sie lebten, war eine chronische, langfristig behandelbare Erkrankung, also keine Krankheit. Aber sie wurden in den 80er-Jahren in Krankenhäusern infiziert, auf nosokomialem Weg. Danach hatten sie keine Behandlung. Rund 4.000 von ihnen sind, so viel ich weiß, gestorben. Über diesen Zahlen will niemand reden oder darüber, was der Staat diesen Kindern angetan hat.“

Alina Dumitriu erzählt, dass sich viel um Kooperation dreht. In den 20 Jahren ihrer Arbeit mit Patienten aus vulnerablen Gruppen und mit Drogenkonsumenten war ihr der Arzt Cătălin Apostolescu eine echte Stütze gewesen. Er habe sie vor 21 Jahren ermutigt, die Vereinigung Sens Pozitiv zu gründen, die Menschen mit HIV sowie Gruppen mit hohem Infektionsrisiko unterstützt. Doch ist Alina Dumitriu leistet auch klassische Bürgerrechtsarbeit und ist als Influencerin in sozialen Medien unterwegs. Auf Instagram folgen ihr mehr als 14.000 Menschen. Wie sieht ihr Alltag aus?

„Vor allem drehe ich viele Aufrufe zum Handeln. Ich bitte die Leute zu reagieren, Beschwerden zu verschicken. Und sie tun das auch und dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Es gab einen Fall, in dem jemand bei mir auf der Seite einer anderen Person mit Rachepornografie drohte. Ich habe mich mit einer Juristin beraten, und es war tatsächlich eine Straftat; die Polizei sagte mir allerdings nein. Aber es wurden 200 Anzeigen bei der Polizei geleistet. (…) Es ist eine Gemeinschaft, da kommen Menschen, die wirklich etwas tun wollen. Es stört sie, was in diesem Land passiert, und ja, sie wollen Teil der Veränderung sein, sie wollen selbst diese dringend nötige Veränderung sein – sie wollen aktiv mitmachen.“

Alina ist überzeugt, dass Influencer eine große Verantwortung gegenüber ihrem Publikum tragen. Kürzlich habe sie eine Meldung aus der rumänischen Presse übernommen, die sich später als Falschmeldung herausstellte. Sie habe sofort einen weiteren Beitrag veröffentlicht und den Fehler eingeräumt. Viele Gestalter, sagt sie, täten das nicht. Auf die Frage, wie schwer es sei, in Rumänien Vollzeit-Aktivistin zu sein, antwortet Alina, dass Menschen in diesem Bereich häufig psychische Erkrankungen entwickeln. Sie selbst lebt mit diagnostiziertem sekundärem traumatischem Stress – eine Erkrankung, die nicht heilbar ist, sondern nur medikamentös kontrolliert werden kann. Besonders gefährdet seien Menschen, die in der pädiatrischen Onkologie oder mit Drogenkonsumenten arbeiten, da in beiden Bereichen die Sterblichkeit sehr hoch sei. Dennoch habe sie mit der Zeit gelernt, ihre Gefühle gut zu steuern. Würde sie die Zeit zurückdrehen können, sagt sie, würde sie nichts ändern.

Foto: Military_Material / pixabay.com
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