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Eine Analyse der Armut in Rumänien

Mehr als ein Viertel der Rumänen ist armuts- und ausgrenzungsgefährdet – sie gehören damit, zusammen mit Bulgaren und Griechen, zu den am stärksten exponierten Bevölkerungsgruppen in der Europäischen Union.

Foto: Emil Kalibradov / unsplash.com
Foto: Emil Kalibradov / unsplash.com

, 27.05.2026, 21:43

Kürzlich veröffentlichte die Regierung in Bukarest über das Ministerium für Entwicklung, Öffentliche Arbeiten und Verwaltung eine detaillierte Analyse jeder einzelnen Verwaltungseinheit – eine der bisher umfassendsten Bestandsaufnahmen auf lokaler Ebene. Dem Dokument zufolge sind die höchsten Armutswerte in der Moldau, im Süden und in Zentralsiebenbürgen zu verzeichnen, wo fehlende Infrastruktur, eingeschränkte Mobilität und ein niedriges Bildungsniveau zur Vertiefung sozialer Verwundbarkeit beitragen. In diesen Regionen sind die Menschen gleichzeitig mit schlechten Straßen konfrontiert, die sie isolieren, mit schwer erreichbaren Schulen und Krankenhäusern sowie mit wenigen und schlecht bezahlten Arbeitsplätzen. Jeder Faktor verstärkt den anderen und schafft eine Abwärtsspirale, aus der ohne Unterstützung kaum ein Entkommen möglich ist.

Hinzu kommt der eklatante Kontrast zwischen ländlichen Gebieten und großen städtischen Zentren. Anders gesagt: Wird ein Rumäne in der Nähe einer Großstadt geboren oder lebt er dort, sind seine Chancen auf ein würdiges Leben unvergleichlich größer, als wenn er in einem abgelegenen Dorf – etwa im Nordosten des Landes – wohnt. Der Soziologe Vladimir Ionaș erklärt:

„Es gibt Länder wie Rumänien, in denen die Investitionen und alle öffentlichen Politiken der letzten 35 Jahre vorwiegend die Bevölkerung in den großen Städten zum Ziel hatten. Der ländliche Raum und die Kleinstädte wurden vergessen. Mit der Deindustrialisierung nach 1990 rutschten diese kleinstädtischen Zentren immer tiefer in die Armut. Die Abwanderung der Bevölkerung in andere EU-Länder hat dazu geführt, dass in diesen Gebieten überwiegend ältere Menschen und Kinder zurückgeblieben sind. Daher auch die sehr hohen Anteile von Kindern in Rumänien, die in Armutsgefährdung leben – und die öffentlichen Maßnahmen der Regierungen der letzten 30 Jahre zur Verbesserung ihrer Lebenssituation tendierten gegen null. Leider muss man sagen: Ernsthafte Diskussionen in Rumänien darüber, wie der Staat Kindern echte Unterstützung bieten, die Geburtenrate fördern, das demographische Problem lösen und armutsgefährdeten Menschen helfen kann – diese Diskussionen haben keine Ergebnisse gebracht.“

Obwohl mehr als ein Viertel der Bevölkerung armuts- oder ausgrenzungsgefährdet ist, weist Rumänien offiziell eine relativ niedrige Arbeitslosigkeit auf. Dieses Paradox erläutert ebenfalls Vladimir Ionaș:

„Wenn wir uns die offiziellen Daten ansehen und diese äußerst niedrige Arbeitslosenquote feststellen, müssen wir berücksichtigen, dass darin nur jene Personen erfasst sind, die tatsächlich als arbeitslos registriert sind oder sich unmittelbar nach dem Bezug von Arbeitslosengeld befinden. Dabei haben wir im ländlichen Raum und in Kleinstädten eine riesige Anzahl von Menschen, die faktisch beschäftigungslos sind, sich aber selbst versorgen. Daher auch die im Vergleich zu allen anderen europäischen Ländern sehr hohe Zahl an Kleinbetrieben und Kleinbauern in Rumänien. Das ist eine kulturelle Gegebenheit aus der Zeit vor 1990, die im rumänischen Landraum noch immer tief verwurzelt ist.“

Neben der allgemeinen Armut analysiert der Regierungsbericht auch ein in der öffentlichen Debatte weniger beachtetes Phänomen: die Energiearmut – also den Anteil der Bevölkerung, der sich einen Mindestenergieverbrauch, vor allem im Winter, nicht leisten kann. Die Analyse zeigt einen hohen Grad an Energiearmut insbesondere in den ländlichen Gebieten entlang des Karpatenbogens. Dort verbringen Zehntausende Rumänen die Winter in schlecht beheizten Wohnungen, geben einen Großteil ihres Einkommens für Holz oder andere Energiequellen aus oder ertragen schlicht die Kälte.

Das wichtigste nationale Sozialhilfeprogramm für Personen und Familien in finanzieller Not ist das Mindesteinkommen zur sozialen Inklusion. Viele rumänische Familien stocken damit ihr monatliches Einkommen auf – ohnedies eine bescheidene Hilfe –, doch dort, wo die Armut besonders groß ist, sind sie ausschließlich auf staatliche Unterstützung angewiesen, um von Monat zu Monat zu überleben. Dass es Ortschaften ohne einen einzigen Bezieher dieses Mindesteinkommens gibt, ist kein Zeichen dafür, dass die Dinge gut laufen; in manchen Fällen bedeutet es vielmehr, dass Menschen, die Anspruch auf Hilfe hätten, diese nicht erhalten – weil sie nicht wissen, dass es sie gibt, weil sie keinen Zugang zu den zuständigen Behörden haben und weil lokale Behörden sie nicht darauf hinweisen.

Überhaupt wurden öffentliche Maßnahmen in Rumänien zugunsten von durch Armut benachteiligten Menschen – unabhängig von ihrem Alter – gerade in schwierigen Zeiten, in Phasen der Austerität, oft bis hin zur vollständigen Abschaffung im Namen von Haushaltseinsparungen zurückgefahren. Der Soziologe Vladimir Ionaș nennt Beispiele:

„Rumänien hat es nie gewusst oder nie gewollt – die politische Klasse, die Entscheidungsträger –, den Schulbesuch mit der Auszahlung des Kindergeldes oder jeglicher staatlicher Hilfe zu verknüpfen, eben um Kinder zu ermutigen, täglich zur Schule zu gehen. Die Unterstützung, die durch eine warme Mahlzeit gewährt wurde, hatte für viele Bewohner im ländlichen Raum und in Kleinstädten eine sehr große Wirkung – aber auch hier hat der Staat sehr oft gemeint, das sei ein Bereich, in den er eingreifen kann, wenn er ein wirtschaftliches oder finanzielles Problem hat. Ich glaube, die Diskussionen – und ich habe gesehen, dass auch die Europäische Kommission diese beiden Kapitel stark betont – sollten in der nächsten Zeit genau auf alles ausgerichtet sein, was die Unterstützung betrifft, die Staaten Kindern bieten können: Einerseits sind wir uns bewusst, dass eines der größten Probleme auf europäischer Ebene das demographische Problem ist, insbesondere die Geburtenrate. Es müssen also öffentliche Maßnahmen kommen, die dieses Kapitel fördern und Kindern helfen. Und zweitens: Menschen mit Behinderungen – denn auch hier gibt es ein großes Problem!“

Kurz gesagt ist das Bild in Rumänien recht düster: Entvölkerung und rasche Überalterung; hohe geographische Mobilität und Konzentration rund um die großen städtischen Zentren oder Anschwellen der Diaspora; große Ungleichheiten bei der Beschäftigung und soziale Verwundbarkeit. Zurückgelassen werden Kinder, ältere Menschen, arbeitsfähige Personen mit geringer Schulbildung sowie Menschen mit Behinderungen – sie alle geraten in einen Teufelskreis der Armut, aus dem ohne gut durchdachte Sozialpolitiken ein Entrinnen immer schwieriger wird.

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