Regenerativer Tourismus, eine neue Perspektive auf Siebenbürgen
Gemeinsam mit Cristian Cismaru vom Verein My Transylvania, einem Förderer des regenerativen Tourismus, erkunden wir bemerkenswerte lokale Initiativen, die ländliche Gemeinschaften revitalisieren.
Daniel Onea, 07.06.2026, 15:06
„Transylvanian Brunch“ ist ein Konzept, bei dem die lokale Gastronomie und vergessene Rezepte zum idealen Bindeglied zwischen Reisenden und Dorfbewohnern werden. „Țara Colibelor“ (Land der Hütten) wiederum ist eine Initiative, durch die alte Hirtenschutzhütten im subalpinen Bereich mithilfe von Freiwilligen und Touristen restauriert werden. Außerdem entdecken wir Oasen der Stille wie das malerische Dorf Șomartin und erfahren, wie die lokale Kultur durch gastronomische Bildung gefördert wird.
„Der «Transylvanian Brunch» entstand vor 19 Jahren und hat inzwischen eine gewisse Reife erreicht. Es ist eine Veranstaltung, die auf der Anziehungskraft der lokalen und saisonalen Gastronomie beruht und mit dem Ziel ins Leben gerufen wurde, Besucher in ländliche Gebiete zu locken. Unser Hauptziel ist es, lokale Gemeinschaften zu unterstützen und ihnen durch Ökotourismus eine Entwicklungschance zu bieten. Im Grunde handelt es sich um ein Gemeinschaftsmahl, bei dem die Teilnehmer von Dorfbewohnern zubereitete Speisen verkosten. Die Vorbereitungen beginnen einige Tage zuvor, und die Absicht ist, dass die Touristen beim Essen den Geschichten des Ortes zuhören. Die Veranstaltung gliedert sich in drei Teile: Die ersten zwei Stunden sind der Gastronomie gewidmet, in denen die Besucher alte Hochzeitsrezepte und lokale Spezialitäten entdecken. Es folgt die Erkundung der Denkmäler im Dorf und seiner Umgebung. Der letzte Teil besteht aus einem praktischen Workshop, bei dem die Teilnehmer ein traditionelles Handwerk erlernen und sich so eine authentische Erinnerung an den Ort schaffen. Das Essen ist das Element, das die Menschen in die Dörfer lockt, doch anschließend präsentieren wir ihnen die Geschichten der Natur- oder Geschichtsdenkmäler, die Schutz oder Restaurierung benötigen. So verwandelt sich aus einer rein gastronomischen Veranstaltung eine karitative.“
Jenseits der Hügelzone und der Veranstaltungen am Fuße der Dörfer steigt dieses Modell des gemeinschaftlichen Engagements auch in größere Höhen. Ein anschauliches Beispiel ist das Projekt, das gemeinschaftliches Engagement mit Nischentourismus und Bergsport verbindet.
„«Țara Colibelor» findet im subalpinen und alpinen Bereich des Kreises Sibiu statt, am Zusammentreffen des Lotrului-Gebirges mit dem Cindrel-Gebirge. Anders als die Veranstaltungen in der Hügelzone ist dies ein Projekt, das in erster Linie für die Gemeinschaft konzipiert wurde. Jedes Jahr renovieren Architekturstudenten im Rahmen einer Sommerschule das Dach einer Hütte. Das Wellblech, das sich überhitzt und die Landschaft beeinträchtigt, wird durch traditionelle Holzschindeln ersetzt. Der Dachboden wird zu einem Zimmer umgebaut, in dem Touristen auf jährlich mit frischem Heu gefüllten Matratzen schlafen können und einen angepassten Komfort genießen. Um diese Renovierungsarbeiten zu finanzieren, veranstalten wir einen Berglaufwettbewerb mit dem Namen «Burduf Challenge». Die Veranstaltung feiert das Markenprodukt der Region Râu Sadului: den Burduf-Käse. Rund um das Fest des Heiligen Elias bringen Pferde den ersten Burduf des Jahres vom Berg herunter, der den Teilnehmern im Dorf gereicht wird. Ein Teil der Startgebühr für den Wettbewerb fließt in die Renovierung der Hütten. So entsteht ein Ökosystem, in dem Wander- und Laufbegeisterte direkt zur Bewahrung des Bergkulturerbes beitragen.“
Die Wiederaufwertung des Bergkulturerbes geht Hand in Hand mit der Bewahrung uralter Rezepte. Die Gastronomie bleibt, wie wir von Cristian Cismaru, dem Förderer des Slow Tourism, erfahren, eine zentrale Säule der lokalen Identität, und ihre Erhaltung erfordert eine sorgfältige Dokumentation traditioneller Techniken.
„Wir haben zwei wesentliche Themen dokumentiert: «Die Geschichte des Brotes» und «Die Geschichte des Käses». Ziel war es zu zeigen, dass die Natur die Grundzutaten liefert, aber das menschliche Engagement und die lokale Kultur den Mehrwert schaffen. Wir haben ein eng begrenztes Gebiet erforscht und alle dort vorhandenen Brotsorten dokumentiert, von den gewöhnlichen bis zu jenen, die nach uralten Rezepten mit verschiedenen Sauerteigarten zubereitet werden, mit dichter Konsistenz und dunkler Farbe. Diese Geschichten haben wir im Internet veröffentlicht, um die Bemühungen jener Menschen hervorzuheben, die die natürlichen Zutaten respektieren und aufwerten.“
Diese Herangehensweise, bei der der Besucher nicht nur ein stiller Zuschauer ist, sondern zum aktiven Teil der Gemeinschaft wird, definiert eine neue Art zu reisen, die bei internationalen Touristen zunehmend geschätzt wird, sagt Cristian Cismaru vom Verein My Transylvania.
„Wir fördern dieses Konzept intensiv und nennen es «regenerativen Tourismus». Indem man an einer karitativen Veranstaltung zur Restaurierung einer Wehrkirche oder an einem Sportwettbewerb zur Renovierung einer Hütte teilnimmt, trägt der Tourist physisch zur Bewahrung der Region bei. Handwerke – sei es Holzverarbeitung, Schindelherstellung, Käseproduktion oder andere manuelle Tätigkeiten – werden als fester Bestandteil des touristischen Erlebnisses präsentiert. Der Tourist passt sich dem lokalen Rhythmus an: Kommt er abends an, kann er beim Melken der Schafe helfen; kommt er tagsüber, kann er beim Mähen mitmachen. Es ist ein Paradigmenwechsel, und ausländische Touristen sind für diese Aktivitäten oft sehr aufgeschlossen, obwohl wir sie noch immer eher als Routinearbeit betrachten, nicht unbedingt als Freizeitbeschäftigung.“
Neben der Arbeit Seite an Seite mit den Einheimischen bietet Siebenbürgen auch den perfekten Rückzugsort für alle, die völlige Abgeschiedenheit suchen, an Orten, die der Massentourismus noch nicht erreicht hat.
„Ich schätze sehr jene Gegenden, in denen die Stille erhalten geblieben ist, wo es keinen starken Verkehr gibt und wo der Massentourismus noch nicht angekommen ist. Ich empfehle Ihnen herzlich ein Dreieck von Dörfern im Bereich des Hârtibaci-Plateaus: Șomartin, Săsăuș und Veseud. Um dorthin zu gelangen, muss man es wirklich wollen. Vor Ort hat man stets die Panorama des Făgăraș-Gebirges im Hintergrund und ist von Wehrkirchen umgeben. Man findet eine tiefe Stille, die einen dazu einlädt, den Vögeln zu lauschen und den Duft der Wiesen zu spüren. Es ist ein Ort, den ich jederzeit empfehle. Wir heißen Sie herzlich willkommen in unseren Dörfern, wo die Menschen die Dinge noch mit eigenen Händen und mit Freude und Können verrichten. Unsere Aufgabe ist es lediglich, sie dabei zu begleiten, sich den Besuchern gegenüber zu öffnen. Wir hoffen, dass unsere Sehenswürdigkeiten den Aufwand der Reise wert sind. Einmal hier angekommen, werden Sie das erleben, was wir «Zeitdehnung» nennen. Hier vergeht die Zeit anders. Wir heißen Sie herzlich willkommen!“
Tourismus gewinnt also eine neue Dimension, wenn der Respekt vor der Natur, vor dem Kulturerbe und vor der menschlichen Arbeit zur Priorität wird. Eine Reise in die siebenbürgischen Dörfer ist nicht nur eine einfache Flucht aus dem städtischen Alltag, sondern eine Rückkehr zu grundlegenden Werten und eine unmittelbare Möglichkeit, zur Zukunft der Gemeinschaften beizutragen.