Von Waffenlieferungen zur Technologiepartnerschaft: Der Westen und die Ukraine
Die Unterstützung der Vereinigten Staaten und Europas hat es Kiew ermöglicht, seit mehr als viereinhalb Jahren einer weit größeren russischen Armee standzuhalten.
Corina Cristea, 18.09.2026, 18:22
Die Frage, die sich nun stellt, lautet: Wie tragfähig ist diese Unterstützung noch, und inwieweit kann sie den Verlauf des Krieges tatsächlich verändern? An der Front wird derzeit nicht nur um Territorium gekämpft, sondern auch ein beispielloser technologischer Wettlauf ausgetragen. Drohnen, künstliche Intelligenz, elektronische Kriegsführung, Langstreckenraketen – all das beeinflusst die Regeln der Auseinandersetzung. Und in diesem Wettlauf versucht die Ukraine, die westliche Unterstützung in einen entscheidenden Vorteil umzuwandeln. Dies unter Bedingungen, in denen das Land gleichzeitig dem Druck an der Front, den Bombardements auf seine Städte und einem systematischen Krieg gegen seine Energieinfrastruktur ausgesetzt ist.
Der Militäranalyst Radu Tudor über die westliche Unterstützung:
„Es handelt sich um eine militärische, finanzielle, logistische und wirtschaftliche Unterstützung, die zu 100 Prozent zugunsten der Ukraine erfolgt. Wir haben den klaren Beweis dafür, dass der Heldenmut der Ukrainer, die ihr Land und ihre territoriale Integrität verteidigen, ohne die massive westliche Unterstützung nicht so hätte verwirklicht werden können, wie es geschehen ist. Mehrere hundert Milliarden Euro und Dollar sind in die Ukraine geflossen, ein Land, das durch diesen blutigen russischen Invasionskrieg auf ukrainischem Boden schwer geprüft wurde. Als Wladimir Putin diesen illegalen Krieg vom Zaun brach, stellte er sich vor, er werde die Ukraine in drei Tagen erobern und besetzen. Nun, inzwischen sind mehr als viereinhalb Jahre vergangen, und die Ukraine hält nicht nur stand, sondern beginnt, Russland die eine oder andere schmerzhafte Lektion zu erteilen und moderne Waffensysteme auf die Beine zu stellen. Und der Westen musste den Schritt nach vorn machen, denn bislang folgte die geleistete Unterstützung einem Grundsatz, der, sagen wir, infrage gestellt werden kann – nämlich Russland nicht zu provozieren. Russland hat der Ukraine bereits immense Schäden in Höhe von Hunderten Milliarden zugefügt, es hat bereits einen Krieg entfesselt, der ganz Europa erschüttert, und die westlichen Staaten sagten: Wir werden keine Raketen mit größerer Reichweite liefern, sehr wirksame Raketen, die Ziele auf dem Territorium der Russischen Föderation treffen könnten. Nun, dieses Zögern des Westens hat auch zur Verlängerung des Krieges beigetragen, denn es ist klar, dass Putin diesen Krieg nicht beenden wird. Wenn die Ukraine aber über stärkere Verteidigungskapazitäten verfügt und die Fähigkeit besitzt, strategische Ziele auf dem Gebiet der Russischen Föderation zu treffen – eine Operation, die nach den internationalen Konventionen absolut zulässig und legal ist, denn ein überfallenes, angegriffenes Land hat das Recht, sich zu verteidigen –, dann könnten wir in kürzester Zeit sehr gute Nachrichten aus der Ukraine hören.“
Beim Treffen der sogenannten Koalition der Willigen in Kiew, das im August ausgerechnet am ukrainischen Unabhängigkeitstag stattfand, wurde versprochen, die Unterstützung für Kiew von einer Politik, die überwiegend auf Waffenlieferungen beruht, in eine langfristige industrielle und technologische Partnerschaft umzuwandeln. London wird sogar den Zugang zu klassifizierter Technologie ermöglichen, die für die Produktion der Marschflugkörper Storm Shadow in der Ukraine erforderlich ist, und Paris wird technische Informationen über die Rakete SCALP bereitstellen können, eine Waffe mit einer Reichweite von über 250 km.
Ich glaube, dieser Schritt hätte schon längst getan werden müssen, sagt der Militäranalyst Radu Tudor:
„Die westlichen Staaten hätten in die Hilfe von Hunderten Milliarden, die sie der Ukraine gewährt haben, auch den Technologietransfer einbeziehen müssen. ‚Du, Ukraine, produzierst deine eigenen Waffen, um dich zu verteidigen, aber wir liefern dir die leistungsfähigste Technologie‘ – und genau das haben sie auch gefordert. Ich glaube, ein Transfer westlicher Technologie an die Ukraine würde eher nicht zu einer Verlängerung des Krieges führen, sondern im Gegenteil zu seiner Verkürzung. Wenn es der Ukraine schon in ihrem jetzigen Zustand gelingt, strategische Ziele zu treffen, dann könnte sie, sobald sie über leistungsfähige westliche Technologie und Raketen verfügt, Russland in sehr kurzer Zeit in die Schranken weisen. Und Putin versteht leider nur die Sprache der Stärke; angesichts des riesigen Gefälles und der Fähigkeiten der Ukraine könnte er sich also gezwungen sehen, eine Friedenslösung zu suchen – einen Frieden, den wir uns alle wünschen. Den wünschen sich in erster Linie die Ukrainer, aber an ihrer Seite am allermeisten auch wir, im euroatlantischen Raum.“
Waren in den ersten beiden Jahren der Invasion die Vereinigten Staaten der wichtigste Lieferant moderner Waffen für die Ukraine, so sieht das Bild 2026 anders aus. Europa ist zur Hauptstütze der Unterstützung für Kiew geworden, während der Zugang der Ukraine zu bestimmten amerikanischen Systemen weiterhin unverzichtbar bleibt, insbesondere im Bereich der Luftabwehr. Und genau in diesem Bereich liegt auch eine der größten Schwachstellen, warnt Radu Tudor:
„Ich glaube, die größte Verwundbarkeit der Ukrainer liegt derzeit bei den Raketenabwehrsystemen. Was wir jeden Tag sehen, nämlich das unfassbare Massaker, das die Russen an Zivilisten in Kiew, aber auch in vielen anderen Städten anrichten, hat auch damit zu tun, dass die Ukraine ihre Waffen und Munition zur Raketenabwehr aufgebraucht hat. Daher rührt die nachdrückliche Forderung von Wolodymyr Selenskyj an die Vereinigten Staaten, aber auch an andere Staaten: Gebt uns Patriot-Systeme. Mit 30 Patriot-Systemen könnte die Ukraine ihr gesamtes Territorium gegen die von Russland abgefeuerten Marschflugkörper und Hyperschallraketen schützen. Da diese Kapazität ebenso fehlt wie ein hinreichend klar ausgeprägter Wille der westlichen Staaten, diese Systeme abzugeben, bleiben sie auf Lager. Rumänien hat in dieser Hinsicht ein Beispiel gegeben: Von den sieben angeschafften Systemen haben wir eines an die Ukraine gespendet. Natürlich gibt es auch andere Staaten mit weit stärkeren Volkswirtschaften als der unseres Landes, die diese Geste machen könnten. Deutschland hat drei Systeme abgegeben, die Niederlande eines – das waren sehr willkommene Gesten, aber wenn jeder NATO-Mitgliedstaat eine solche Geste machen könnte, wäre die Ukraine zu 100 Prozent geschützt.“
Auf der anderen Seite bietet die Ukraine dem Westen in dieser Gleichung etwas, das sich auf keinem Übungsgelände simulieren lässt: die Erfahrung eines realen Krieges hoher Intensität – und die von den ukrainischen Soldaten gelernten Lektionen werden nun in den NATO-Mitgliedstaaten gelehrt.