Auf dem Weg zur NATO 3.0
Die 1949 gegründete NATO sollte ursprünglich die sowjetische Expansion eindämmen und Westeuropa verteidigen. Nach dem Kalten Krieg entwickelte sich das Bündnis zu einem Akteur regionaler und globaler Stabilität. Trotz tiefgreifender Veränderungen blieb der Kernauftrag jedoch immer derselbe: kollektive Verteidigung. Galt die NATO 1.0 als antikommunistisches Bündnis des Kalten Kriegs und die NATO 2.0 nach 1991 als Organisation internationaler Einsätze und des Kampfs gegen den Terrorismus, so beginnt nun eine neue Phase: die der NATO 3.0. Hintergrund sind der Krieg in der Ukraine, technologische Machtkämpfe, Cyberangriffe, künstliche Intelligenz und wirtschaftlicher Druck. Die Allianz steht vor einer strategischen Neuaufstellung.
Corina Cristea, 23.05.2026, 12:09
Über Jahrzehnte gingen viele westliche Staaten davon aus, dass große konventionelle Kriege der Vergangenheit angehören. Verteidigungsausgaben wurden gekürzt, die Energieabhängigkeit von Russland nahm zu. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine vor mehr als vier Jahren änderte sich die Sicherheitslage in Europa jedoch grundlegend. Der Krieg zeigte, dass Panzer, Artillerie, Munition und klassische Logistik weiterhin entscheidend sind. Gleichzeitig wurde deutlich, dass moderne Kriege längst nicht mehr nur an der Front geführt werden. Satelliten, Drohnen, Cyberangriffe, Online-Propaganda und gezielte Desinformation spielen inzwischen eine ebenso wichtige Rolle.
Die Allianz passt sich deshalb erneut an eine radikal veränderte Sicherheitslage an. Vom Nordpolarkreis bis zum Schwarzen Meer betrachten die NATO-Staaten Verteidigung zunehmend als integriertes Gesamtsystem ohne getrennte Fronten oder regionale Bedrohungen. Diese strategische Kontinuität gilt als entscheidend, um Russland abzuschrecken und zu überwachen. In der Abschlusserklärung des jüngsten B9-Gipfels in Bukarest sorgte deshalb vor allem der Begriff NATO 3.0 für Aufmerksamkeit. Gemeint ist eine Allianz, die weiterhin auf die strategischen Garantien der USA angewiesen bleibt, sich zugleich aber stärker auf eine europäische Säule stützt, erläutert der Sicherheitsexperte Claudiu Degeratu:
„Ich glaube, wir stehen erst am Anfang dieser Veränderung. Zunächst muss die strategische Richtung geklärt sein – also die europäische Vision, die die Allianz in diese Phase 3.0 anleiten soll. Das ist nicht einfach, denn es geht nicht nur um Fähigkeiten und militärische Präsenz an der Ostflanke. Seit 2015 stand das B9-Format vor allem für Solidarität. Eine europäische Säule darf deshalb die transatlantischen Beziehungen nicht schwächen. Entscheidend ist vielmehr, wie sich die europäische Säule mit der transatlantischen Partnerschaft in Einklang bringen lässt. Darin liegt der eigentliche Kern des Wandels – zusätzlich zu den Sicherheitsgarantien und der strategischen Stabilität, die die Vereinigten Staaten Europa weiterhin bieten. Nun wird sich zeigen, ob der stärkere europäische Beitrag zu mehr Solidarität führt oder ob zunächst ein schwieriger Übergang beginnt, an dessen Ende die Europäer bei strategischen Fragen auf Augenhöhe mit den USA mitreden.“
Das neue strategische Gleichgewicht bedeutet für die europäischen Staaten mehr Verantwortung, höhere Verteidigungsausgaben, größere Rüstungsproduktion, bessere militärische Infrastruktur und schnellere Einsatzfähigkeit. Für Länder an der Ostflanke wie Polen, Rumänien oder die baltischen Staaten ist dieser Wandel besonders wichtig. Sie gelten nicht länger nur als Empfänger von Sicherheit, sondern werden selbst zu zentralen Akteuren der europäischen Abschreckung und Verteidigung.
Bei der gemeinsamen Pressekonferenz nach dem Bukarester B9-Gipfel erläuterten Präsident Nicușor Dan und NATO-Generalsekretär Mark Rutte ebenfalls das Konzept NATO 3.0. Nicușor Dan erinnerte daran, dass die NATO während des Kalten Kriegs gegründet worden sei, als die Sowjetunion Europa bedrohte. Nach 1990 habe Russland nicht mehr als Gefahr gegolten, weshalb sich die Allianz neu ausgerichtet habe. Nun sei Russland erneut zur Bedrohung geworden, weshalb die NATO ihre Prioritäten wieder angepasst habe.
Die höheren Verteidigungsausgaben bedeuteten laut Dan nicht, dass künftig Europa und die USA sich jeweils nur selbst verteidigen. Die NATO arbeite auf Grundlage gemeinsamer und ständig aktualisierter Protokolle. Die Verpflichtung zu Verteidigungsausgaben von 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zeige bereits, dass sich das Bündnis in Richtung NATO 3.0 bewege.
Mark Rutte erklärte seinerseits, die NATO 3.0 bedeute „ein stärkeres Europa und eine stärkere NATO – gemeinsam mit den Vereinigten Staaten, sowohl nuklear als auch konventionell“. Die Europäer müssten allerdings mehr Verantwortung für die konventionelle Verteidigung übernehmen. Rutte bezeichnete den NATO-Gipfel in Den Haag als einen der größten außenpolitischen Erfolge von US-Präsident Donald Trump, weil sich dort alle Verbündeten zunächst auf zwei Prozent Verteidigungsausgaben geeinigt hätten.
Inzwischen bewege man sich in Richtung 3,5 Prozent und später möglicherweise fünf Prozent, um die europäischen Verteidigungsausgaben an jene der USA anzugleichen. Ziel sei es, Verteidigungslücken zu verhindern. Wenn Europa mehr Aufgaben übernehme, könnten sich die Vereinigten Staaten stärker auf andere Regionen wie Asien konzentrieren, betonte der NATO-Generalsekretär.