Krieg in der Ukraine: ein Konflikt ohne klares Ende
In unserem Außenpolitik-Feature haben wir erneut den Krieg in der Ukraine und den Stand der Friedensverhandlungen unter die Lupe genommen und uns dabei mit zwei Experten unterhalten.
Corina Cristea und Sorin Georgescu, 06.03.2026, 17:30
Die explosive Lage im Nahen Osten hat die Aufmerksamkeit zuletzt weitgehend von der russischen Invasion in der Ukraine abgelenkt. Doch dieser Krieg, der inzwischen in sein fünftes Jahr geht, ist noch immer ohne Lösung. Moskau und Kiew scheinen vom ersehnten Frieden weiterhin weit entfernt. Mit der Pattsituation an der Front und der Rückkehr von Präsident Donald Trump ins Amt richtet sich der Fokus inzwischen stärker auf mögliche Verhandlungen – mit dem Ziel, beide Seiten zu einem Friedensabkommen zu bewegen.
Der Weg dorthin bleibt allerdings voller Ungewissheiten. Vier Jahre nach Beginn des Krieges blickte Mircea Geoană, damals stellvertretender NATO-Generalsekretär, bei Radio Rumänien auf die Situation zu Beginn der Invasion zurück:
„Wir wurden nicht völlig überrascht. Die Ukrainer haben nur etwas später als wir bei der NATO erkannt, dass Russland gewissermaßen den Rubikon überschritten hatte. Sehr wichtig war aber etwas anderes: Viele – auch bei uns in der NATO – waren nicht überzeugt, dass die Ukraine standhalten würde. Und schon gar nicht vier Jahre lang. Es ist ein langer Zyklus mit vielen Schäden, vielen Komplikationen und vielen Folgen. Und zu ihrem Verdienst haben die Ukrainer den schwierigen Anfang überwunden. Die Frage, die wir uns alle stellen, lautet: Wie lange wird dieser blutige Krieg noch dauern? Ein Krieg, der auf beiden Seiten so viele Opfer fordert und in der Ukraine Leben, Wirtschaft und zivile Infrastruktur zerstört.
Die ehrliche Antwort ist: Wir wissen es noch nicht. Zwar werden die Bemühungen um einen Waffenstillstand, eine Feuerpause und vielleicht sogar um Frieden derzeit mit einiger Intensität geführt. Wir sehen die Verhandlungen, wir sehen den Druck von Präsident Trump, und wir sehen auch, wie die Europäer versuchen, sich stärker in diese Gespräche einzubringen. Es ist durchaus möglich, dass dieser Krieg relativ schnell endet – oder dass er, Gott bewahre, noch länger weitergeht.“
Währenddessen knüpft Putin jedes mögliche Abkommen an territoriale Zugeständnisse der Ukraine – Bedingungen, die faktisch einer Kapitulation gleichkämen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wiederum sagt, sein Land sei zu echten Kompromissen bereit – aber nicht zu solchen, die die Unabhängigkeit und Souveränität der Ukraine infrage stellen würden. George Scutaru, Gründer und Präsident des New Strategy Center Romania, sieht im Verhalten des Kremls vor allem ein taktisches Spiel auf Zeit.
„Putin tut nur so, als wolle er ein Friedensabkommen. In Wirklichkeit verzögert er die Verhandlungen und versucht, den Pragmatismus der amerikanischen Regierung auszunutzen, um sie zu wirtschaftlichen Vereinbarungen zu drängen, die in verschiedenen Regionen der Russischen Föderation möglichst profitabel wären. Militärisch ist der Druck der russischen Armee sehr groß. Und selbst wenn Putin damit faktisch seine eigene Wirtschaft ruiniert, wird er in den kommenden Monaten nicht aufhören. Russland wird weiterhin militärischen Druck ausüben und ukrainische Städte bombardieren. In den dreißiger Jahren hat Stalin versucht, die Ukrainer durch Hunger zu töten. Putin versucht heute, Ukrainer durch Kälte zu töten. Er wird nicht aufhören, solange er glaubt, die europäische Unterstützung durch Desinformationskampagnen schwächen zu können – etwa indem er Parteien nutzt, die die Hilfe für die Ukraine untergraben. Und er wird den Krieg so lange weiterführen, wie er die finanziellen Mittel dazu hat.
Es gibt allerdings auch einige positive Signale: Die russische Wirtschaft hat ein großes Defizit, und die finanziellen Probleme nehmen zu. Im Januar hat Russland zum ersten Mal mehr Soldaten an der Front verloren, als es mobilisieren konnte. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, dann ist es gut möglich, dass Russland Anfang nächsten Jahres gezwungen sein wird, einen Schritt zurückzugehen – und nicht nur Gespräche über ein Kriegsende zu akzeptieren. Es könnte sogar zu einem Zusammenbruch der Russischen Föderation kommen, ähnlich wie damals in Deutschland gegen Ende des Ersten Weltkriegs.“
Eine klare Folge der russischen Offensive ist schon jetzt sichtbar: Wenn Moskau sich eigentlich „weniger NATO“ an seinen Grenzen gewünscht hatte, dann hat es – wie es der frühere NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg oft formulierte – genau das Gegenteil erreicht. Finnland trat 2023 dem Bündnis bei und verdoppelte damit praktisch die Länge der NATO-Grenze zu Russland. Schweden folgte 2024 – nach Jahrzehnten militärischer Neutralität. Auf dem Schlachtfeld hat sich das, was der Kremlchef 2022 noch als „spezielle militärische Operation“ bezeichnete, längst zu einem Abnutzungskrieg entwickelt – mit enormen militärischen, wirtschaftlichen und humanitären Folgen.
Eine Bilanz des Center for Strategic and International Studies schätzt, dass die gesamten militärischen Verluste – Gefallene, Verwundete und Vermisste – auf ukrainischer und russischer Seite zusammen zwischen 1,8 und zwei Millionen Menschen liegen könnten. Rund zwei Drittel der Opfer sollen dabei auf russischer Seite zu verzeichnen sein. Die Vereinten Nationen haben bislang mehr als 15.000 zivile Todesopfer bestätigt. Hinzu kommen fast sechs Millionen Ukrainer, die ins Ausland geflohen sind, sowie knapp vier Millionen Binnenvertriebene im eigenen Land.
Ein gemeinsamer Bericht der ukrainischen Regierung, der Weltbank, der Europäischen Union und der Vereinten Nationen schätzt wiederum die Kosten für den Wiederaufbau der Ukraine nach dem Krieg auf mehr als 500 Milliarden Euro innerhalb der kommenden zehn Jahre.