Die Ereignisse von Tatarbunar 1924
Anfang Herbst des Jahres 1924, im Monat September, ereigneten sich Vorfälle in der Ortschaft Tatar-Bunar, im Süden der Republik Moldau, auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Bewaffnete Gruppen, die aus der Sowjetunion kamen, überquerten illegal den Dnjestr, besetzten die Ortschaft Tatar-Bunar, hissten die rote Fahne und erkannten die Souveränität des rumänischen Staates nicht mehr an.
Steliu Lambru, 01.06.2026, 23:23
Die damalige Presse und der rumänische Staat bezeichneten dies als terroristische Aktionen, während Historiker von einem „Aufstand“, einer „Rebellion“ oder von „bewaffneten Aktionen“ sprachen.
Die Ereignisse von Tatarbunar im Herbst 1924 sind ein typischer Fall von Staatsterrorismus. Sie sind auch beispielhaft dafür, wie sich ein Teil der Zivilbevölkerung einer staatsfeindlichen Bewegung anschließt, ohne über alle Informationen zu verfügen. Tatarbunar ist ein Beispiel dafür geblieben, wie sich die bilateralen Beziehungen entwickeln können, wenn zwei Nachbarländer einander nicht anerkennen und nicht respektieren.
In der Nacht vom 15. auf den 16. September 1924 bemächtigte sich eine Gruppe von einigen Dutzend bewaffneten Personen, die aus der Sowjetunion über die Grenze am Fluss Dnjestr gekommen waren, der Gemeinde Tatarbunar. Die Telefonleitungen wurden gekappt, an allen Zugängen der Gemeinde wurden Wachposten aufgestellt, rote Fahnen wurden gehisst. Bewaffnete Banden begannen, die örtliche Bevölkerung zu terrorisieren, und errichteten Sowjetbehörden. Die Regierung in Bukarest entsandte die Armee, und die Rebellion wurde innerhalb weniger Tage niedergeschlagen. Einige Hundert Rebellen wurden getötet und weitere 120 gefangen genommen. In dem darauf folgenden Prozess wurden 287 Personen angeklagt und 85 zu Strafen zwischen 6 Monaten und 6 Jahren verurteilt. Zwei Verurteilungen lauteten auf 15 Jahre und eine auf lebenslange Haft. Die Rebellion wurde auch von der Sozialistischen Partei Rumäniens verurteilt.
Wie kam es dazu? Diese Frage beantwortete der Militärhistoriker Petre Otu:
„Ich beziehe mich insbesondere auf den innenpolitischen und vor allem internationalen Kontext, der die Ereignisse vom September und Oktober 1924 bedingte. Alles geht vom Jahr 1918 aus, von der Vereinigung Bessarabiens mit Rumänien, vom Eingreifen der rumänischen Armee im Januar 1918 zur Unterstützung des Landesrats (Sfatul Țării), dessen Authentizität von Gegnern angezweifelt wurde, aber auch von einigen, die nicht unbedingt Gegner, sondern neutral waren. Sowjetrussland – die Sowjetunion entstand erst später, Ende 1922 – erkannte die Vereinigung Bessarabiens mit Rumänien in keiner Form an. In Paris wurde Sowjetrussland nicht eingeladen und nahm nicht an der Friedenskonferenz teil. Eingeladen wurde jedoch eine Delegation der russischen Emigration, die gegen die Anerkennung der Vereinigung Bessarabiens mit Rumänien agierte.“
Wie es die Ideologie verlangte, strebte die Sowjetunion die Ausweitung der Revolution auf die ganze Welt an.
„Im Feuer der russischen Revolution, der Machtübernahme durch die Bolschewiken , wurde die These der Weltrevolution geboren. Der Hauptideologe war Trotzki, aber auch andere sowjetische Führer. Sie sagten, dieser imperialistische Krieg müsse sich in einen Bürgerkrieg verwandeln und von dort in einen Krieg der Revolution, und die Revolution müsse sich über den ganzen Erdball ausbreiten. In diesem Kontext entstand zwischen dem 2. und 6. März 1919 die Dritte Internationale, die als eine kommunistische Weltpartei galt, die dazu bestimmt war, das Proletariat – mit den gebotenen Anführungszeichen – zum endgültigen Sieg der bolschewistischen Revolution zu führen. Und wir wissen heute von den Revolutionen in Deutschland und Ungarn, von sozialen Bewegungen in Frankreich und in anderen Ländern. Die Folgen des Krieges waren schrecklich, selbst für die Sieger, nicht nur für die Besiegten. Und die Internationale nahm sich vor, einen hybriden Krieg – der Begriff ist heute sehr geläufig – gegen die Länder Mittel-, Ost- und sogar Westeuropas zu führen.“
Die sowjetische Aggressivität trat während der gesamten Jahre 1920 bis 1930 weiter zutage, auch wenn die Diplomatie zu einem gewissen Zeitpunkt der Ruhe Platz machte.
„Diese Schübe setzten sich in vielen Ländern fort. Und ich möchte sagen, dass die Ereignisse von Tatarbunar und vom Monat Oktober, gefolgt von der Schaffung einer moldauischen Republik links des Dnjestr als Druckmittel gegen Rumänien, die vorletzten Zuckungen der Dritten Internationale waren. Der letzte Impuls fand in den baltischen Ländern statt; in Estland versuchte man 1924, das, was wir eine Revolution nennen könnten, herbeizuführen. In der Folge ging Stalin, der nach Lenins Tod die Macht übernahm, zur Formel des Sozialismus in einem einzigen Land über, das heißt: Wir festigen uns zunächst, und danach sehen wir weiter. Gegen Mitte des vierten Jahrzehnts ging die Sowjetunion von einer vehementen Infragestellung des Vertrags der Pariser Friedenskonferenz zu einer Verteidigerin des territorialen Status quo über.“
Petre Otu suchte auch nach einer Erklärung für den sogenannten „Raumhunger“ der Russen:
„Ich habe mich gefragt, woher diese außergewöhnliche Neigung des Russischen Reiches zu einem kleinen Stück Land rührt, das Bessarabien heißt. Es gibt eine ältere Theorie, die besagt, dass dort, wo der Russe seinen Fuß hinsetzt, er nie mehr weggeht. Die zweite Theorie hängt jedoch auch mit der Geopolitik zusammen. Es gibt gewisse strategische Korridore des Vordringens von Westeuropa nach Osteuropa – wobei Westeuropa von Paul Valéry und anderen als eine Art Halbinsel Asiens betrachtet wird. Da ist der nördliche Korridor, der baltische Korridor, der mitteleuropäische Korridor, über den sowohl Napoleon als auch Karl XII. kamen, über den auch die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg kam, der Donau-Korridor und der maritime Korridor durch die Meerengen. Das Gebiet Bessarabiens bildet zusammen mit dem Gebiet von Belarus und einem Teil Polens jene Verschiebungselemente, die den Transfer von einer Richtung in die andere ermöglichen. Und so erklärt sich diese Neigung zu Bessarabien auch aus geopolitischer Sicht.“
Die Ereignisse von Tatarbunar aus dem Jahr 1924 gehören der Vergangenheit an, doch sie haben auch in der Gegenwart starke Nachhall. Dies deshalb, weil die Vergangenheit nicht nur Vergangenheit ist – sie ist auch Gegenwart.