Siebenbürgens Schlösser – zwischen Filmkulissen und Liebesgeschichten
Siebenbürgen hütet zahlreiche Adelssitze, die nicht nur durch ihre Architektur, sondern auch durch faszinierende Familiengeschichten bestechen. Im Kreis Mureș stehen zwei solcher Denkmäler, die uns ganz unterschiedliche Einblicke in die Vergangenheit geben: Das Bethlen-Schloss in Criș – ein Renaissancebau, der schon oft als Filmkulisse diente – und das Schloss Rhédey in Sângeorgiu de Pădure. Hier nahm eine Liebesgeschichte ihren Lauf, die den siebenbürgischen Adel mit dem britischen Königshaus verband.
Daniel Onea und Adina Olaru, 01.11.2026, 17:42
Siebenbürgen hütet zahlreiche Adelssitze, die nicht nur durch ihre Architektur, sondern auch durch faszinierende Familiengeschichten bestechen. Im Kreis Mureș stehen zwei solcher Denkmäler, die uns ganz unterschiedliche Einblicke in die Vergangenheit geben: Das Bethlen-Schloss in Criș – ein Renaissancebau, der schon oft als Filmkulisse diente – und das Schloss Rhédey in Sângeorgiu de Pădure. Hier nahm eine Liebesgeschichte ihren Lauf, die den siebenbürgischen Adel mit dem britischen Königshaus verband.
Unser erster Stopp ist das Dorf Criș, keine 20 Kilometer von der mittelalterlichen Burg in Schäßburg entfernt. Hier thront der Sitz der Adelsfamilie Bethlen. Eine festungsartige Anlage mit wehrhaften Mauern, Bastionen und einer spektakulären Bogenloggia im Stil der Siebenbürgischen Renaissance – durch aufwendige Restaurierungen frisch zu neuem Leben erweckt. Wer in den Räumlichkeiten genau hinsieht, entdeckt auf den gemeißelten Steinen das Familienwappen. Seine Entstehung ist ein Mix aus lokaler Legende und historischen Tatsachen aus dem Mittelalter, wie der Archäologe und Kastellan Levente Zólya erklärt:
„Die Legende besagt kurz gefasst, dass Familienmitglieder die menschenfressende Schlange aus den Sümpfen besiegt und anschließend das Schlangenwappen übernommen haben. Die Geschichte überschneidet sich in gewisser Weise mit der Legende. Die Familie führt dieses Wappen seit Mitte des 15. Jahrhunderts. Damals nahm das Familienoberhaupt Gergely an einem Feldzug von König Sigismund in Norditalien teil, wo er gegen die Armeen der Familien Sforza und Visconti kämpfte. Das Wappen der Familie Visconti zeigte eine sehr ähnliche Schlange, die ein Kind im Maul trug. Praktisch haben sie also die ‚menschenfressende Schlange‘ besiegt und ihr Wappen übernommen. Es ist eine wirklich interessante Geschichte.“
Diese authentische Architektur mit ihrem massiven Mauerwerk zieht seit Jahrzehnten auch Filmemacher an – von rumänischen Historiendramen wie „Mihai Viteazul“ bis hin zu Hollywood-Produktionen. Einige der eigens für die Dreharbeiten gebauten Kulissen sind im Gebäude erhalten geblieben und heute Teil des Rundgangs:
„Im Keller befindet sich ein Verlies, bei dem ich Sie einlade – bevor Sie sich umsehen –, zuerst einmal die Gitterstäbe anzufassen, um zu prüfen, aus welchem Material sie bestehen. Das ist eines der Geheimnisse dieses Schlosses. Hier fanden zahlreiche Dreharbeiten statt: Regisseur Sergiu Nicolaescu hat vier oder fünf Filme gedreht, die Projekte gingen auch nach dem Jahr 2000 weiter, und in diesem Gefängnis hielten die Universal Pictures Studios 2011 bei den Dreharbeiten zu ‚Werewolf: The Beast Among Us‘ Werwölfe gefangen. Ich bin überzeugt, dass dieses Schloss nie ein derartiges Gefängnis besaß, da es ein Familiensitz war und kein Komitatssitz, um Dutzende von Gefangenen einzusperren. Wir haben die Kulisse aber behalten, weil sie sehr faszinierend aussieht und die Besucher zum Nachdenken anregt.“
Neben der Festung war das Anwesen in Criș früher auch für seine Gärten berühmt. Alte Bilder belegen einen weitläufigen Park, in dem sogar exotische Pflanzen wuchsen. Auch hierzu weiß Kastellan Levente Zólya mehr:
„Rund um das Schloss erstreckt sich ein fast drei Hektar großer Park. Zum Glück sind einige der ursprünglichen Bäume des englischen Landschaftsgartens aus dem 19. Jahrhundert erhalten geblieben. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wurde ein Gärtner vom Wiener Kaiserhof hergebracht – was beweist, dass dies kein gewöhnlicher Garten war. Auf einem Foto aus jenem Bereich sind Palmen und Bananenbäume zu erkennen. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft haben, diese in unserem Klima zu züchten, aber der Gärtner verstand sein Handwerk zweifellos hervorragend. Ich weiß auch, dass es hinter dem Schloss eine Orangerie gab.“
Wir bleiben im Kreis Mureș und wechseln ins Tal der Kleinen Kokel, nach Sângeorgiu de Pădure. Im Gegensatz zur Anlage in Criș hatte das hiesige Schloss Rhédey nie eine militärische Funktion. Es war von Anfang an als komfortabler Adelssitz des 19. Jahrhunderts gedacht. Heute tauchen Besucher dort mithilfe von Hologrammen, Virtual Reality und Multimedia-Installationen in die Ausstellung „Die Geheimnisse der Residenz Rhédey“ ein. Im Mittelpunkt der 12 thematischen Säle steht das Schicksal der Gräfin Claudia Rhédey. Ihre Liebe zu Herzog Alexander von Württemberg sprengte einst die gesellschaftlichen Konventionen der Zeit. Schlossführer Peter Gaspar blickt auf die Anfänge dieser Geschichte zurück:
„Claudia Zsuzsanna Rhédey wurde am 17. September 1812 hier im Schloss geboren, der damaligen Sommerresidenz der Familie – der Hauptsitz befand sich in Cluj. Sie wurde in der reformierten Kirche gegenüber getauft, konfirmiert und ist in der Krypta darunter beigesetzt. Sie war eine sehr schöne junge Frau, die eine exquisite Erziehung genoss. Im Alter von 17 Jahren erkrankte sie in Cluj schwer. Die dortigen Ärzte retteten ihr das Leben, aber die Eltern beschlossen, sie zur vollständigen Genesung nach Wien zu bringen, wo damals die besten Ärzte Europas praktizierten. Die Wiener Ärzte verschrieben ihr Ausritte, und bei einem dieser Ritte bemerkte sie laut ihrem Tagebuch einen interessanten Mann: Alexander von Württemberg, einen der Prinzen des Königreichs Württemberg in Deutschland. Es war Liebe auf den ersten Blick, und sie wollten heiraten. Doch die Familie des Prinzen hielt die Familie Rhédey für nicht ebenbürtig und widersetzte sich der Heirat.“
Trotz des anfänglichen Widerstands heirateten die beiden im Jahr 1835. Claudia Rhédey erhielt den Titel einer Gräfin von Hohenstein, den Thronanspruch in Württemberg verloren ihre Kinder jedoch. Das Leben der Gräfin endete bereits 1841 im Alter von nur 29 Jahren tragisch durch einen Reitunfall. Über ihre Nachkommen ging die Familie aus Sângeorgiu de Pădure dennoch in die europäische Geschichte ein: Ihre Enkelin, Mary of Teck, wurde als Ehefrau von George V. Königin von Großbritannien und ist die Urgroßmutter des heutigen britischen Monarchen, König Charles III. – der Sângeorgiu de Pădure sogar schon besucht hat, um seinen siebenbürgischen Wurzeln die Ehre zu erweisen.
Beide Schlösser sind heute für die Öffentlichkeit zugänglich und laden dazu ein, die Architektur, die Legenden und die adelige Geschichte Siebenbürgens hautnah zu entdecken.