Andere Dörfer, andere (Oster-)Sitten
Das orthodoxe Osterfest liegt nun gerade hinter uns. Wie wir auch an diesem vergangenen Wochenende wieder sehen konnten, verschmelzen bei diesem christlichen Frühlingsfest vielerorts kirchliche Traditionen mit jahrhundertealten lokalen Bräuchen. Oft haben diese Wurzeln im alten Bauernkalender oder im engen Zusammenleben der Dorfgemeinschaften. Wie ein altes rumänisches Sprichwort sagt: „So viele Haushalte, so viele Bräuche“.
Ana-Maria Cononovici und Adina Olaru, 16.04.2026, 17:46
Das orthodoxe Osterfest liegt nun gerade hinter uns. Wie wir auch an diesem vergangenen Wochenende wieder sehen konnten, verschmelzen bei diesem christlichen Frühlingsfest vielerorts kirchliche Traditionen mit jahrhundertealten lokalen Bräuchen. Oft haben diese Wurzeln im alten Bauernkalender oder im engen Zusammenleben der Dorfgemeinschaften. Wie ein altes rumänisches Sprichwort sagt: „So viele Haushalte, so viele Bräuche“.
Silvia Szakcs-Mikes vom Frauenverein in Sântămăria Orlea hat uns mit einem gewissen Schmunzeln erzählt, wie diese Traditionen im Hațeger Land – in der Region Țara Hațegului – auch an diesen Feiertagen wieder gepflegt wurden:
„Wir versuchen, diese Bräuche wieder aufleben zu lassen, denn vieles ist im Laufe der Zeit verloren gegangen. Wir wollen sie vor allem der jungen Generation weitergeben. Schon mit dem Palmsonntag und der Karwoche beginnt ja eine Zeit der Frömmigkeit, in der wir dem Glauben vielleicht ein Stück näher sind. Viele Traditionen haben hier ihren Ursprung, aber es gibt auch weltliche Bräuche in dieser Woche.
Ein Beispiel hierfür ist ein Brauch am ‚Gründonnerstag‘. Dieser Brauch findet eigentlich in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag statt. Die jungen Burschen des Dorfes ziehen auf einen Hügel und entzünden ein riesiges Feuer. Früher war das der Moment, in dem quasi die ‚schmutzige Wäsche‘ des Dorfes gewaschen wurde. Man rief laut in die Nacht hinein: Fleißige Mädchen wurden gelobt, solche mit weniger gutem Benehmen ermahnt, und sogar Heiratsabsichten wurden dort verkündet. Es war im Grunde eine öffentliche Jahresbilanz des Dorflebens! Die Mädchen versteckten sich währenddessen in den Gassen und lauschten, was die Burschen über sie riefen. Das machen wir heute noch – natürlich mit gewissen Auflagen, die Feuerwehr ist wegen des Feuers immer dabei. Aber die Tradition lebt weiter und wird schon von den kleinsten Kindern begeistert aufgenommen.“
Doch auch direkt an den Osterfeiertagen, die wir gerade hinter uns haben, ging es ziemlich sportlich zu, fügt Silvia Szakcs-Mikes hinzu:
„Ein weiterer Brauch findet direkt am Ostersonntag statt. Wenn alle aus der Kirche kommen und zu Mittag gegessen haben, bilden die jungen Männer zwei Mannschaften: auf der einen Seite die Ledigen, auf der anderen die Verheirateten. Und dann gibt es – jedes Jahr um Punkt 13 Uhr, das ist uns heilig! – ein Fußballspiel zwischen den beiden Gruppen. Die Verlierer müssen danach natürlich eine Runde spendieren.
Am Ostermontag gibt es dann noch etwas Besonderes: das sogenannte ‚Wettrennen um die Hostie‘, das ‚Alergatul prescurii‘. Mittags gibt der Pfarrer an der Kirche ein geweihtes Brot heraus. Das ganze Dorf, ob Jung oder Alt, versammelt sich am Dorfausgang. Zuerst werden ganz traditionell die bemalten Eier aneinandergeschlagen, die Kinder haben dafür kleine Körbchen dabei. Dann wird ein schön gedeckter Tisch aufgebaut, mit einem Stuhl und einem Krug Wasser. Einer aus dem Dorf wird auserwählt, sich dorthin zu setzen und das geweihte Brot zu essen.
Gleichzeitig laufen die jungen Burschen eine Art Staffelrennen. Der Staffelstab ist dabei symbolisch ein Johannisbeerzweig. Die große Frage ist dann: Schaffen es die Läufer, rechtzeitig am Tisch anzukommen, bevor das Brot komplett aufgegessen ist? Wenn ja, haben die ledigen Burschen gewonnen. Sind sie zu langsam, siegen die Verheirateten am Tisch. Und auch hier gilt: Wer verliert, muss dem ganzen Dorf einen ausgeben.“
Wir verlassen das Hațeger Land und blicken in die Bukowina. Auch hier greifen religiöse Rituale und volkstümliche Bräuche der symbolischen Erneuerung tief ineinander. Ostern geht ja bekanntlich die längste Fastenzeit des Jahres voraus – ganze sieben Wochen lang. Wie genau der Einstieg in diese strenge Fastenzeit in der Region gefeiert wird, weiß Aurel Prepeliuc, Ethnograf am Bukowina-Dorfmuseum in Suceava:
„Der Vorabend der Fastenzeit ist im Grunde ein nächtliches Fest, eine richtige Entladung von Energie. Da wird kulinarisch noch einmal richtig über die Stränge geschlagen, und je nach Dorf gibt es auch rituelle Zaubereien. Aber all das muss am nächsten Tag – am ersten Tag der Fastenzeit, der sogenannten ‚Spolocania‘ – wieder gereinigt werden. Alle, die am Vorabend übertrieben haben, müssen nun durch ein Ritual: Man konsumiert Alkohol, manchmal sogar in rauen Mengen, um symbolisch jeden Rest der verbotenen, tierischen Speisen wegzuspülen. Der Alkohol gilt hier sozusagen als rituelles Desinfektionsmittel.“
Aurel Prepeliuc kennt aber noch weitere, sehr farbenfrohe lokale Bräuche aus der Bukowina:
„Besonders der Gründonnerstag ist voller Rituale – viele davon mit magischen, vorchristlichen Wurzeln. Es gab das ‚Ritual der Ahnen‘, bei dem Speisen im Gedenken an die Verstorbenen verteilt wurden. Man entzündete Reinigungsfeuer, teilweise sogar direkt an den Gräbern. Und dann gab es eine faszinierende Gestalt: die ‚Joimărița‘, eine Art fiktive Todesgöttin. Man glaubte, sie bestrafe Frauen, die mit dem Hanfspinnen im Rückstand waren, oder junge Männer, die ihre Zäune nicht rechtzeitig repariert hatten. Im Grunde war das ein Instrument der sozialen Kontrolle: Die Dorfgemeinschaft sorgte so dafür, dass alle ihre landwirtschaftlichen und häuslichen Pflichten rechtzeitig erledigten und niemand später zur Last fiel.
Übrigens: Den Brauch, dass junge Mädchen am Ostermontag mit Parfüm besprüht werden, gibt es auch in der Bukowina. Den haben wir vor allem von den katholischen Minderheiten in der Region übernommen, wie den Deutschen, Polen und Slowaken.“
Auch wenn die Bräuche von Region zu Region sehr unterschiedlich sind – das Festessen, das an diesem Wochenende in Rumänien auf den Tischen stand, war überall erstaunlich ähnlich. Es gab rote oder bunt bemalte Eier, den traditionellen Lamm-Drob – eine Art Hackbraten –, saure Lamm-Ciorbă, Lammbraten und in Weinblätter gewickelte Sarmale. Zum Nachtisch durften der süße Käsekuchen „Pască“ und der Hefezopf „Cozonac“ nicht fehlen.
Nur in der Region Dobrudscha, am Schwarzen Meer, sah der österliche Speiseplan ein wenig anders aus. Dort dominierte – wie sollte es anders sein – der Fisch das Fest: Ob Fisch-Drob, Fisch-Sarmale, saure Fischsuppe oder gebratener Fisch mit den verschiedensten Beilagen.
Wir hoffen, Sie hatten ein schönes und genussvolles Osterfest, ganz gleich, mit welchen Bräuchen Sie es verbracht haben!