Die „Colivă“ neu interpretiert
Die Colivă ist eine rituelle Speise, die in der rumänischen Kultur und Spiritualität tief verwurzelt ist. Ein Gericht aus gekochtem, gesüßtem und verziertem Weizen, das bei Beerdigungen und Gedenkfeiern einfach nicht fehlen darf. Durch die Brille der christlichen Lehre symbolisiert es die Verbindung zwischen Leben und Tod. Die Ursprünge der Colivă führen uns zurück in die ersten Jahrhunderte des Christentums und sind mit einem Wunder des Heiligen Theodor Tiro im vierten Jahrhundert verbunden. Er rettete damals die Christen, indem er ihnen riet, gekochten Weizen mit Honig zu essen, anstatt der auf den Märkten angebotenen, mit Opferblut besprengten Speisen.
Ana-Maria Cononovici und Adina Olaru, 18.06.2026, 17:36
Die Colivă ist eine rituelle Speise, die in der rumänischen Kultur und Spiritualität tief verwurzelt ist. Ein Gericht aus gekochtem, gesüßtem und verziertem Weizen, das bei Beerdigungen und Gedenkfeiern einfach nicht fehlen darf. Durch die Brille der christlichen Lehre symbolisiert es die Verbindung zwischen Leben und Tod. Die Ursprünge der Colivă führen uns zurück in die ersten Jahrhunderte des Christentums und sind mit einem Wunder des Heiligen Theodor Tiro im vierten Jahrhundert verbunden. Er rettete damals die Christen, indem er ihnen riet, gekochten Weizen mit Honig zu essen, anstatt der auf den Märkten angebotenen, mit Opferblut besprengten Speisen.
Im „Wörterbuch der rumänischen Sprache“ von August Scriban aus dem Jahr 1939 wird die Colivă so definiert: „Eine süße Speise – bestehend aus gekochtem Weizen, gemahlenen Nüssen und Zucker, Zimt und Ähnlichem – die vor allem für das Seelenheil der Verstorbenen bei Beerdigungen und Totengedenken gereicht wird.“
Im Laufe der Zeit ist die Colivă im orthodoxen Raum jedoch auch zu einem Dessert geworden, das man abseits von Gedenkfeiern isst. So haben sich neue Verwendungsmöglichkeiten für das Weizenkorn oder für sogenannte Arpacaș – also geschälte und polierte Weizengraupen – entwickelt. Schließlich ist Weizen eines der wichtigsten Getreide, die hierzulande angebaut werden.
In seinem Lokal in der Bukarester Altstadt veranstaltet Ovidiu Logican alle 40 Tage ein Event, das jedes Mal ein echter Hit ist: „Die große Colivă- und Weinverkostung“. Wir haben Ovidiu Logican gefragt, warum er sich ausgerechnet für die Colivă entschieden hat und wie man sie überhaupt neu erfinden kann:
„Wir glauben, dass heutzutage absolut alles neu interpretiert und erfunden werden kann. Wir sind von den Grundzutaten ausgegangen: Wir haben die Weizengraupen, das sind reine Kohlenhydrate. Rein theoretisch können wir also Reis, Nudeln, Grieß oder andere Weißmehlprodukte einfach durch diese Graupen ersetzen. Wir können jedes Gericht neu interpretieren, indem wir die Kohlenhydrate austauschen. Und beim süßen Teil können wir exotische Früchte, Schokolade, Schmand, Sahne, Eiscreme oder auch Eclair- und Windbeutelhüllen hinzufügen. Es gibt unglaublich viele Varianten; die einzige Grenze für das, was man aus der klassischen Colivă machen kann, ist unsere eigene Fantasie. Natürlich servieren wir jedes Mal auch die traditionelle Colivă, aber wir haben eben auch eine große Auswahl an Neuinterpretationen, die wir ‚herzhafte Colivă‘ und ‚süße Colivă‘ nennen.“
Ovidiu Logican hat uns das Menü eines solchen Abends genauer beschrieben:
„Wir hatten schon Colivă-Sushi, Colivă Quattro Formaggi oder auch marinierte Fleischbällchen aus Colivă. An anderen Abenden gab es Colivă-Krautwickel, den klassischen Bœuf-Salat mit Colivă oder auch Hefezopf mit Colivă. Diese Beispiele gehören zu den herzhaften Varianten. Bei den ‚süßen Coliven‘ gab es dann die traditionelle Variante, gefolgt von einem Colivă-Mousse mit Salzkaramell und zum krönenden Abschluss eine Torte mit einem Boden und einer Creme aus Colivă.“
Da das ein ziemlich provokantes Thema ist, haben wir uns gefragt: Wer nimmt eigentlich an so einem Event teil? Ovidiu Logican erzählte uns:
„Es sind ausschließlich Rumänen, sehr viele junge Leute. Anfangs sind sie oft noch ein bisschen skeptisch, aber am Ende gehen sie glücklich und zufrieden nach Hause, weil sie mal eine ganz andere Erfahrung gemacht haben. Es ist unser erfolgreichstes Event und jedes Mal restlos ausverkauft! Wir veranstalten auch andere klassische Abende: eine Pariser-Wurst-Verkostung, die Große Sarmale-Verkostung mit Krautwickel-Rezepten aus allen Kontinenten, dazu alle möglichen thematischen Ausflüge in die Weinregionen der Welt – Sizilien, Toskana, Bordeaux. Wir bieten sehr viele weinbasierte Erlebnisse mit ungewöhnlichen Kombinationen und Neuinterpretationen klassischer Rezepte. Es gibt auch ‚Champagner und Kaviar‘ – wir haben da wirklich viele spannende Events im Programm.“
Wer jetzt neugierig geworden ist, sollte einfach mal auf der Website vorbeischauen, sich durch die vielen Events scrollen und genau das buchen, was am besten zu ihm passt.
Ovidiu Logican hat mit uns auch darüber gesprochen, wie wichtig es ist, zu dem jeweiligen Colivă-Gericht den passenden Wein zu servieren:
„Für den ‚herzhaften Colivă‘-Teil starten wir eigentlich immer mit einem Schaumwein. Das passt wunderbar, besonders weil Schaumwein sehr gut mit fettigeren Speisen harmoniert. Wenn die salzige Colivă dann eher mild gewürzt ist, greifen wir zu etwas neutraleren, einfachen Rebsorten – einem Pinot Grigio oder einer rumänischen Crâmpoșie. Haben wir aromatischere Colivă-Gerichte, schenken wir auch einen aromatischeren Wein ein, zum Beispiel einen Sauvignon Blanc, eine Tămâioasă Românească oder einen Busuioacă-Rosé. Wenn wir dann später zu den süßen Coliven übergehen, wechseln wir zu einer Fetească Neagră oder zu italienischen Rotweinen wie Primitivo oder Amarone. Und ganz zum Schluss gibt es fast immer einen sehr aromatischen Wein, einen Portwein.“
Und weil bei all diesen kulinarischen Reisen auch das traditionelle Rezept bewahrt wird, möchten wir Sie daran erinnern: Die klassische Colivă wird in jeder rumänischen Familie nach einem altüberlieferten, bewährten Rezept zubereitet. Die einfachste Variante verwendet Arpacaș, also geschälten Weizen, weil der sehr schnell kocht. Bei einer gut gemachten Colivă müssen die Körner „aufblühen“, sich also öffnen. Die Graupen kochen in 15 bis 20 Minuten weich – genau wie Reis. Ganzer Weizen braucht hingegen über 40 bis 50 Minuten. Das Verhältnis von Graupen zu Wasser liegt bei 1 zu 3. Das heißt: Auf ein Kilo geschälten Weizen kommen drei Liter kaltes Wasser und eine kleine Prise Salz, um das Aroma zu verstärken. In die fertige Mischung kommen dann Zucker oder Honig, Zimt, zerbröselte Kekse und gemahlene Walnüsse. Zum Schluss wird das Ganze mit kleinen Liebesperlen, Kakaopulver oder Kaffeebohnen verziert. Und wer den gekochten, süßen Weizen besonders liebt, kann daraus jederzeit auch kleine, mit Sauerkirschen gefüllte Pralinen machen.