Banken – der Streit um den ROBOR
Die rumänische Wettbewerbsaufsicht hat unlängst zehn führende Banken mit Rekordstrafen belegt. Der Vorwurf: Die Institute sollen sich bei der Festlegung des Referenzzinssatzes ROBOR abgesprochen haben. Die betroffenen Banken streiten die Vorwürfe zwar ab, doch was bedeutet das für die vielen Menschen, die Kredite zurückzahlen müssen?
Roxana Vasile und Sorin Georgescu, 24.06.2026, 17:30
Rumäniens Einwohner gehören im Durchschnitt zu den ärmsten Bürgern der Europäischen Union. Trotzdem zahlen sie für Konsum- und Immobilienkredite oft deutlich höhere Zinsen als Kreditnehmer in anderen europäischen Ländern. Dafür gibt es mehrere Gründe: die vergleichsweise hohe Inflation, das größere Risiko, das Investoren der rumänischen Wirtschaft zuschreiben, und die höheren Finanzierungskosten, mit denen rumänische Banken selbst konfrontiert sind.
Anfang Juni sorgte jedoch eine Nachricht für Aufsehen, die mit diesen Faktoren nur indirekt zu tun hat. Das rumänische Wettbewerbs- und Kartellamt verhängte gegen zehn der größten Banken des Landes Geldbußen von insgesamt fast vier Milliarden Lei – umgerechnet mehr als 700 Millionen Euro. Die Banken sollen gegen Wettbewerbsregeln verstoßen und ihr Verhalten bei der Festlegung des ROBOR koordiniert haben.
Der ROBOR, die Abkürzung für „Romanian Interbank Offer Rate“, bezeichnet den Zinssatz, zu dem sich Banken in Rumänien untereinander kurzfristig Geld leihen. Für viele Kreditnehmer ist dieser Wert von zentraler Bedeutung. Denn bei variabel verzinsten Krediten setzt sich der Zinssatz aus einem festen und einem variablen Bestandteil zusammen. Steigt der ROBOR, steigen auch die monatlichen Kreditraten. Für viele Familien und Unternehmen hat dieser Referenzwert daher unmittelbare Auswirkungen auf den Alltag.
Der Vorsitzende des Kartellamts, Bogdan Chirițoiu, erklärt, wie die mutmaßliche Manipulation funktioniert haben könnte:
„Der ROBOR ist wichtig, weil er die Zinsen beeinflusst, die für Kredite gezahlt werden. Das Problem ist, dass er nicht auf tatsächlichen Transaktionen basiert. Deshalb werden reale Geschäfte durch hypothetische ersetzt. Genau das ist das sogenannte ROBOR-Fixing. Die Frage lautet also: Wenn Sie einer anderen Bank für neun Monate Geld leihen würden – zu welchem Zinssatz würden Sie das tun? Die entsprechenden Regeln sind europäisch und schreiben vor, dass die Meldungen der Banken unabhängig voneinander erfolgen müssen. Eine Bank darf sich also nicht daran orientieren, was andere Banken tun. Sonst besteht die Gefahr, dass sich die Institute gegenseitig beeinflussen und den Index höher treiben, als es gerechtfertigt wäre.
Genau das ist nach unseren Erkenntnissen geschehen. Zwischen den Banken wurden Informationen ausgetauscht, und dadurch wurde die Festlegung des ROBOR verzerrt. Wie groß der Einfluss war? Der ROBOR bewegt sich innerhalb einer Bandbreite, die von der Geldpolitik der Nationalbank vorgegeben wird. Er kann also nicht beliebig steigen oder fallen. Aber diese Bandbreite umfasst immerhin mehrere Prozentpunkte.“
Der Vorwurf, die Banken hätten sich durch den Austausch vertraulicher Informationen abgesprochen, löste erwartungsgemäß heftige Reaktionen aus – sowohl bei Kreditnehmern als auch in der Bankenbranche. Im rumänischen Parlament hat der sozialdemokratische Senator Daniel Zamfir inzwischen einen Gesetzesentwurf eingebracht. Er soll sicherstellen, dass Verbraucher entschädigt werden können, wenn ihnen durch solche Praktiken ein Schaden entstanden ist.
„Wenn eine staatliche Behörde – etwa der Wettbewerbsrat oder die Verbraucherschutzbehörde – feststellt, dass Kreditnehmer durch unlautere Wettbewerbspraktiken oder nachweisliche Fehler geschädigt wurden, dann müssen die Banken diese Fehler korrigieren. Sie müssen die vertraglichen Verpflichtungen auf Grundlage einer korrigierten Berechnungsformel neu berechnen und den nachgewiesenen Schaden vollständig ersetzen. Dies soll innerhalb von 45 Tagen nach Antrag des Verbrauchers geschehen.“
Die betroffenen Banken weisen die Vorwürfe zurück und haben angekündigt, gegen die Strafen vor Gericht vorzugehen. Sie betonen, alle geltenden Vorschriften eingehalten zu haben. Auch die Rumänische Nationalbank (BNR) fordert nähere Erläuterungen vom Wettbewerbsrat und weist den Vorwurf eines Kartells zurück.
Laut manchen Experten könnte die Affäre jedoch weitreichendere Folgen haben als nur die hohen Geldbußen. Alexandra Smedoiu, Vizepräsidentin des Finanzanalystenverbands CFA Romania, hält sogar eine grundlegende Debatte über die Zukunft des ROBOR für möglich.
„Es ist durchaus möglich, dass dieser Mechanismus noch einmal grundsätzlich überprüft wird – vielleicht sogar mit dem Ergebnis, dass er abgeschafft wird. Das würde allerdings bedeuten, dass es für mittel- und langfristige Kreditverträge keinen vergleichbaren Referenzwert mehr gäbe. Wahrscheinlich blieben dann nur noch sehr kurzfristige Referenzzinssätze bestehen.“
Nach Schätzungen von Experten könnten mehr als eine Million rumänischer Staatsbürger von einer möglichen Manipulation des ROBOR betroffen gewesen sein. Für viele wären höhere Kreditraten mit konkreten Einschränkungen verbunden gewesen: abgesagte Urlaube, aufgeschobene Renovierungen, geringere Rücklagen für die Kinder oder Investitionen in die Ausbildung.
Sollten die Banken ihre Verträge nicht freiwillig korrigieren und mögliche Schäden nicht ausgleichen, könnte eine Klagewelle folgen. Zehntausende, vielleicht sogar Hunderttausende Verfahren wären denkbar. Und nicht zuletzt steht das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Bankensystem auf dem Spiel.