Rumänien von innen
„Das Land verlassen, aber niemals Rumänien“ – so lautet der Untertitel eines neuen Dokumentarfilms, der genau dieser Frage nachgeht: Was passiert mit unserer Identität, wenn wir unsere Heimat verlassen? Verändern wir uns? Passen wir uns an? Wie bauen wir uns ein neues Leben in der Ferne auf? Antworten sucht das Projekt „Rumänien von innen“, aus dem der gleichnamige Film hervorgegangen ist. Ende September feierte die Doku an der University of East London in den Royal Docks ihre internationale Premiere.
Ana-Maria Cononovici und Adina Olaru, 16.10.2026, 10:39
„Das Land verlassen, aber niemals Rumänien“ – so lautet der Untertitel eines neuen Dokumentarfilms, der genau dieser Frage nachgeht: Was passiert mit unserer Identität, wenn wir unsere Heimat verlassen? Verändern wir uns? Passen wir uns an? Wie bauen wir uns ein neues Leben in der Ferne auf? Antworten sucht das Projekt „Rumänien von innen“, aus dem der gleichnamige Film hervorgegangen ist. Ende September feierte die Doku an der University of East London in den Royal Docks ihre internationale Premiere.
Octav Dafinoiu ist einer der Köpfe hinter „Rumänien von innen“. Er hat das Projekt ins Leben gerufen und den Film als einer von zwei Koordinatoren geleitet. Gegenüber Radio Rumänien International erklärte er:
„Alles begann mit zwei Leitfragen: ‚Was macht die Rumänen zu dem, was sie sind?‘ und ‚Warum verlieben sich so viele Ausländer in Rumänien?‘ Durch meine Leidenschaft für Psychologie hatte ich die Intuition, dass es einen rumänischen Identitätscode gibt, der bislang kaum erforscht ist. Wir sind in Etappen vorgegangen: Zunächst haben wir ein acht-dimensionales Modell unserer Identität entworfen, das sich auf die Theorien weltbekannter Forscher und aktuelle internationale Studien zu Migration und Identität stützt. Dann folgte die Forschungsphase, in der über 100 im Ausland lebende Rumänen unseren Fragebogen beantwortet haben. Zu den Erkenntnissen gehörte auch, was unsere Landsleute in der Ferne stark macht: Es sind der Glaube und der Zusammenhalt zwischen den Generationen. Die Sehnsucht und die Hürden der Auswanderung erleben wir alle, aber den Unterschied machen unsere inneren Ressourcen. Auf Basis dieser Studienergebnisse haben wir einerseits den Dokumentarfilm aufgebaut – von der Auswahl der Protagonisten bis hin zu den Fragen beim Dreh. Und andererseits entstand die Plattform romaniadininterior.ro, ein lebendiges Archiv, in dem jeder Rumäne seine Geschichte erzählen kann.“
Iulian Costin war an vielen Aspekten der Dokumentation beteiligt: Er kümmerte sich um Regie, Produktion, Drehbuch, Design und Branding. Außerdem führte er einige der Interviews mit den Protagonisten. Dabei hat er hautnah gespürt, wie groß das emotionale und kulturelle Gepäck ist, das wir mit uns tragen, wenn wir Rumänien den Rücken kehren. Was nehmen wir also mit auf die Reise? Dazu Iulian Costin:
„Wir nehmen Dinge mit, die in keinen Koffer passen: Erinnerungen, Gewohnheiten, die Sprache, in der wir aufgewachsen sind, und die Sehnsucht nach denen, die zu Hause geblieben sind. Genau hier setzt ‚Rumänien von innen‘ an. Premiere feierten wir am 25. September in Partnerschaft mit der University of East London – einer Institution mit tiefen historischen Wurzeln. Warum gerade diese Uni? Weil sie schon 1898 der Arbeiterklasse und den gesellschaftlich Ausgegrenzten den Zugang zu höherer Bildung ermöglichte. Diese Offenheit für die Menschen verleiht unserer Partnerschaft eine besondere Bedeutung.
Im Film beleuchten wir zwei Seiten: Erstens das Rumänien, das wir in uns tragen, und zweitens das Rumänien, das wir in unseren neuen Gemeinschaften aufbauen. Also das, was wir bewahren, und das, was wir weitergeben. Ein kleines Beispiel von den Dreharbeiten: ‚Buni Flori‘ – Oma Flori –, die Protagonistin unseres Films, hat eine außergewöhnliche Geschichte. Um ihrer Familie zu helfen, ging sie aus Rumänien zunächst nach Italien und dann nach Großbritannien. Sie erzählt, wie sie Rosenzweige und Liebstöckel aus Rumänien mitbrachte und sich mitten in Großbritannien einen echten rumänischen Garten anlegte. Mit der Zeit wurde sie zur ‚Oma‘ der englischen Gemeinde Gravesend. Andere Familien suchten sie immer öfter auf. Als sie dann Englischkurse besuchen musste und dort auf Menschen aus völlig unterschiedlichen Kulturen traf, brachte sie kurzerhand traditionelle Krautwickel – unsere Sarmale – und Cozonac-Hefekuchen mit. Buni hat Rumänien also durch Fürsorge, guten Geschmack und ganz einfache Dinge mit anderen geteilt. Jeder Protagonist trägt Rumänien auf seine ganz eigene Weise weiter.“
Ein Boxer, der mit der rumänischen Flagge in den Ring steigt, oder eine Arztfamilie, deren Kinder zu Hause ganz selbstverständlich Rumänisch sprechen – das sind nur zwei weitere Beispiele dafür, wie das Land in den Menschen der Diaspora weiterlebt.
Roxana Petrescu ist die Kreativdirektorin von „Rumänien von innen“. Für sie ist das Projekt vor allem ein Dialog zwischen den Ausgewanderten und den Daheimgebliebenen:
„Für mich hat ‚Rumänien von innen‘ ein enorm wichtiges Anliegen: Es geht darum, wie wir die rumänische Diaspora heute betrachten und darstellen wollen. Oft sprechen wir über die Diaspora nur in nackten Zahlen. Wir möchten aber über diese Statistiken hinausblicken und uns fragen: Was passiert mit unserer Identität, wenn wir fern der Heimat leben und in andere Kulturen eintauchen? Hinter dem Wort ‚Diaspora‘ stehen Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen gegangen sind, die sich in anderen Ländern ein neues Leben aufgebaut haben, aber weiterhin etwas zutiefst Rumänisches in sich tragen. Und diese Identität bleibt nicht starr – sie bereichert sich, sie wandelt sich und bekommt durch die neuen Erfahrungen eine ganz neue Bedeutung.
Genau hier setzt die Kraft des Storytellings an: Eine gut erzählte Geschichte vermag, was Statistiken oft nicht schaffen. Sie bringt uns der Erfahrung des anderen näher, schafft Empathie und hilft uns, Lebensrealitäten zu verstehen, die wir vielleicht selbst nie durchlebt haben. Und das ist womöglich die wichtigste Botschaft dieses Projekts: Rumänien ist nicht nur der Ort, von dem wir aufbrechen. Es gibt auch ein Rumänien, das wir in uns tragen – in unserer Sprache, in den Erinnerungen, Werten, Traditionen und in unserer Art, die Welt zu sehen. Wir wünschen uns sehr, dass der Film bald auch in Rumänien gezeigt wird und gemeinsam mit den Geschichten dieser Menschen immer weitere Kreise zieht.“
Unterstützt wird das Projekt vom staatlichen Departement für die Rumänen in aller Welt. Die Macher planen bereits, in Zukunft noch weitere Dokumentarfilme dieser Art zu produzieren.