Der goldene Maßstab der Moderne: Constantin Brâncuși 150 Jahre
Für die rumänische Kultur ist der 19. Februar 2026 ein Datum von besonderer Bedeutung, denn an diesem Tag jährt sich zum 150. Mal die Geburt von Constantin Brâncuși, einem Bildhauer von Weltrang.
Steliu Lambru, 23.02.2026, 20:44
Aus diesem Anlass haben wir den Kunstkritiker Erwin Kessler, Direktor des Nationalen Kunsmuseums Rumanien, eingeladen, zusammenzufassen, was Brâncuși so außergewöhnlich macht.
„Für uns ist Brâncuși groß, weil er Rumäne ist – und genau das ist ein Problem. Für die anderen ist Brâncuși groß, weil er aus Paris stammt, weil er zur Schule von Paris gehört. Die Schule von Paris ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die klassische Moderne, ein wesentlicher Teil der Avantgarde, jene Zeit, in der die Götter auf Erden wandelten. Man könnte sagen, er ist der Hephaistos unter den Göttern der Schule von Paris, er gehört dort zu dieser Riege. Für uns ist er Zeus, für die anderen ist er Hephaistos. Es gibt also zwei Arten von Größe oder zwei Arten, die Dimension Brâncușis zu messen: aus nationaler und aus internationaler Perspektive. Aus internationaler Sicht ist Brâncușis Größe keine nationale Größe. Aus nationaler Sicht hingegen ist seine internationale Größe eine nationale Größe.“
Auch wenn die Kunst ein freies Feld ist, gibt es auch hier Maßstäbe für Wert – so wie Gold ein Wertmaßstab in der materiellen Welt ist, betont Erwin Kessler.
„Wenn wir von Gold sprechen, von dem Metall Gold, dann besitzt es – wie übrigens auch andere Metalle –, vor allem aber dieses eine Merkmal: Es wurde von allen Menschen, überall auf der Welt, zu allen Zeiten als Wert anerkannt und geschätzt, ohne dass sich jemand mit jemandem darüber verständigt hätte. Es ist ein Maßstab des Wertes, ein Maßstab des Reichtums, vielleicht auch ein Maßstab der Schönheit.
Was Brâncuși betrifft, so hängt sein ‚goldener Anteil‘, seine Qualität als Wertmaßstab, neben dem konzeptuellen Beitrag, mit dem er sich in der Schule von Paris in Moderne und Avantgarde eingeschrieben hat, in hohem Maße von seinem strikt originellen Beitrag ab: der Skulptur in Stein und Holz, der taille directe, also der direkten Bearbeitung des Materials. Es handelt sich weniger um eine Revolution der Form als vielmehr – in sehr hohem Maße – um eine Revolution der Technik. Natürlich spielt die Form eine große Rolle, doch ebenso entscheidend ist bei ihm die Technik. Es ist eine perfekte Form, abstrakt, scheinbar streng geometrisch – in Wirklichkeit jedoch nicht streng geometrisch. Bei Brâncuși gibt es sehr viel Intuition.
Wir haben also diese perfekte Form, die einer Moderne im nahezu aseptischen Sinn entspricht. Diese perfekte Form wird jedoch nicht so erzeugt wie bei seinem guten Freund Marcel Duchamp, der ein stärkeres Konzept als Brâncuși entwickelt hat, nämlich das Readymade. Das bedeutet, ein streng industrielles Produkt zu übernehmen, das perfekt und präzise ist, weil es industriell gefertigt wurde. Der Künstler platziert es in einen anderen Kontext und macht es so zu Kunst, verleiht ihm Bedeutung. So weit ist Brâncuși nicht gegangen. Alles, was er getan hat, war Non-Readymade, Anti-Readymade, Hyper-Made.“
Brâncușis Exzellenz bedeutete Originalität – wie bei anderen großen Namen, so Erwin Kessler weiter.
„Brâncuși konnte und wollte nicht zum Readymade gelangen, weil er – und hier finden wir uns wieder in der sogenannten rumänischen spirituellen Matrix – extrem stark mit dem Handwerk verbunden war, mit allem, was die tatsächliche Herstellung der Werke bedeutet: von den Werkzeugen – es gibt Werkzeuge, die er selbst angefertigt hat, um mit ihnen seine Werke zu schaffen – über die Materialien, die er verwendete, bis hin zur körperlichen Anstrengung, mit der er direkt den Stein bearbeitete. Es war die Mühe, die er auf sich nahm, um die Werke zu schaffen, und anschließend die Mühe, sie so glänzend, so anziehend für das Auge – und dadurch auch für das Publikum – zu machen.“
In Rumänien befindet sich Brâncușis bekanntestes Werk in Târgu Jiu, erläutert Erwin Kessler.
„Das monumentale Ensemble von Târgu Jiu ist ein Auftragswerk, doch Brâncușis Wunsch, Monumente zu schaffen, reicht viel weiter zurück. Er hatte schon lange zuvor Grabmonumente geschaffen, etwa in Buzău für den Anwalt Stănescu, das er um 1914 ausliefert. Unmittelbar danach, ebenfalls 1914, äußert er den Wunsch, in Bukarest ein Monument zu schaffen; gleichzeitig wird er vom Bildungsminister Morțun gebeten, ein Denkmal für den Universitätsplatz zu realisieren. Es sollte Spiru Haret darstellen – allerdings nicht den Spiru Haret, den wir heute kennen.
Der Entwurf, den er für Spiru Haret, den Bildungsminister und Begründer des öffentlichen Bildungswesens, anfertigt, wird abgelehnt, und er wird dieses Monument niemals ausführen. Nach dem Krieg, um 1920, schlagen ihm seine Landsleute aus Peștișani und Hobița vor, ein Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten aus Peștișani zu errichten. Auch dieses realisiert er nicht, da sein Vorschlag abgelehnt wird.
Damit haben wir bereits zwei abgelehnte Projekte. In den 1930er Jahren schlägt er – eigentlich schlägt er sich selbst vor – eine große Säule in Bukarest vor. Auch dieses Projekt wird nicht gewünscht. Der Auftrag für das Monument in Târgu Jiu war ursprünglich nicht an ihn gerichtet. Zunächst war er seiner Schülerin Milița Petrașcu zugedacht, die bereits das Denkmal für Ecaterina Teodoroiu in Târgu Jiu geschaffen hatte, eine Art kleines Mausoleum. 1935 wird Brâncuși von Aretia Tătărescu, der Ehefrau von Gheorghe Tătărescu, nicht zufällig dem damaligen liberalen Ministerpräsidenten Rumäniens, vorgeschlagen. Diese liberalen Kreise unterbreiten ihm schließlich den Auftrag. Milița Petrașcu lehnt ab und schlägt Brâncuși vor – und er nimmt an.“
In der Geschichte der universellen Bildhauerei steht heute der Name eines Rumänen: Constantin Brâncuși. Man darf jedoch nicht vergessen, dass es sich um einen Rumänen handelt, der der ganzen Welt gehört.