Rumäniens Diaspora zwischen Rückkehrhoffnung und wirtschaftlicher Realität
Aufgrund der globalen Migration leben Hunderte Millionen Menschen in einem anderen Land als dem, in dem sie geboren wurden. Dabei handelt es sich überwiegend um Erwachsene im Erwerbsalter, aber auch um Studierende, ganze Familien, Flüchtlinge, Asylsuchende sowie Menschen, die durch Konflikte oder Katastrophen vertrieben wurden. Das Phänomen ist immer ausgeprägter: Während 2020 rund 275 Millionen internationale Migranten gezählt wurden, lag ihre Zahl vier Jahre später bereits bei über 304 Millionen. Migration ist dabei weder auf eine bestimmte Region noch auf eine einzelne Bevölkerungsgruppe beschränkt. Migranten stammen aus Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika und weiteren Weltregionen und der Anteil der Frauen ist nahezu ebenso hoch wie jener der Männer.
Corina Cristea, 16.01.2026, 13:37
Bei der Bewertung des Ausmaßes von Migration müsse jedoch, so Professor Tudorel Andrei, Präsident des Nationalen Instituts für Statistik (INS), immer auch die zugrunde liegende Definition berücksichtigt werden. Entscheidend seien die Schwelle von zwölf Monaten Aufenthaltsdauer und die Tatsache, dass es in der amtlichen Statistik zwei Konzepte gebe: internationale Migration nach Staatsangehörigkeit und internationale Migration nach Geburtsland.
„Wenn wir diese Aspekte nicht berücksichtigen, gelangen wir zu unterschiedlichen Interpretationen von Zahlen, die inoffiziell sind und weder von den Statistikämtern noch von Eurostat, der OECD oder den Vereinten Nationen getragen werden. Die drei internationalen Organisationen berechnen regelmäßig sowohl den Migrationsfluss als auch den Bestand, da die nationalen Statistiken aufgrund der europäischen Regelungen verpflichtet sind, jedes Jahr den Fluss zu berechnen, nicht aber den Bestand. Der Bestand ist eine Schätzung auf Grundlage von Daten anderer nationaler Statistikämter.“
Rumänien liegt jedenfalls weiterhin weit oben im weltweiten Vergleich der Länder mit hohen Auswanderungsraten. Nach jüngsten Eurostat-Daten leben mehr als drei Millionen Rumänen legal in anderen EU-Staaten. Fachleute gehen jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl höher ist, da die amtlichen Erfassungen unvollständig sind. Dieses Ausmaß spiegelt jahrelange Abwanderung wider, die meist aus dem Wunsch nach besseren Lebensbedingungen erfolgte. Für die Mehrheit war Westeuropa das Ziel. Vor allem nach Italien, Spanien, Deutschland und Großbritannien zog es Rumänen. Eine große Rolle spielten dabei die Arbeitskräftenachfrage, die bestehenden rumänischen Gemeinden im jeweiligen Land und wirtschaftliche Chancen – sowie die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU.
Zugleich zeigen die Daten, dass sich das Profil der Auswanderer in den vergangenen Jahren verändert hat. Das Durchschnittsalter liegt inzwischen etwas höher, bei rund 35 Jahren, und der Anteil von Personen mit Hochschulabschluss ist auf etwa 40 Prozent gestiegen, sagt Tudorel Andrei: „Wir haben zwei Kategorien. Einige verlassen das Land aus unterschiedlichen wirtschaftlichen und kulturellen Gründen, kehren aber dann heim. Es gibt aber auch Rumänen, die ihren Wohnsitz für immer verlegen, und deren Zahl liegt im Jahresdurchschnitt bei über 25.000. Der Höchststand wurde 2022 erreicht, damals haben mehr als 50.000 das Land endgültig verlassen, und 2024 lagen die vorläufigen Daten bei rund 29.000.“
Studien und Berichte zeigen zudem, dass ein Teil der ausgewanderten Rumänen im Ausland für die gefundenen Arbeitsplätze überqualifiziert ist. Und auffällig ist, dass die rumänische Emigration der letzten Jahre zu etwa 55 Prozent aus Frauen besteht, während der globale Trend ausgeglichener ist. Gleichzeitig zeichnet sich zunehmend eine Rückkehrbewegung ab. Allein im vergangenen Jahr sind fast 220.000 Menschen zurückgekehrt, entweder dauerhaft oder um das Leben in Rumänien zeitweilig erneut auszuprobieren. Eine aktuelle Umfrage der Organisation Repatriot zeigt, dass 29 Prozent der Rumänen in der Diaspora eine endgültige Rückkehr erwägen, insbesondere jene in Israel, Irland, Italien, Spanien, Portugal, den Niederlanden und Großbritannien.
Dennoch bleibt die Bilanz instabil: Während einige zurückkehren, wandern andere weiter aus, angezogen von finanzieller Sicherheit und besseren Perspektiven im Ausland. Das Ergebnis ist eine Diaspora, die insgesamt ihre Größe bewahrt und zwischen Rückkehrhoffnung und wirtschaftlicher Realität pendelt, so der Chef des Nationalen Instituts für Statistik, Tudorel Andrei: „Die Tendenz geht zur Rückkehr. Aber intern gibt es sehr viele Menschen, die in der Regel in asiatischen Ländern geboren sind und nach Rumänien einwandern. Nach den jüngsten Daten sind im Jahr 2024 fast 290.000 Einwanderer nach Rumänien gekommen, ein Teil davon Rumänen, die aus Spanien, aus Großbritannien oder aus Deutschland zurückgekehrt sind. Rund 65 bis 70 Prozent der Eingereisten sind Rumänen. Interessant ist die hohe Zahl von Kindern, die im Ausland von mindestens einem Elternteil rumänischer Herkunft geboren wurden und die in Rumänien registriert sind. Im Zeitraum 2014–2024 wurden über 370.000 Kinder im Ausland geboren und auch in Rumänien registriert.“
Das bedeute, so Andrei weiter, dass es zumindest eine kulturelle Bindung zwischen den ausgewanderten Rumänen und den Herkunftsorten gebe und diese vermutlich eine der wichtigen Motivationen für eine spätere Rückkehr ins Land darstelle.