Das Ökodukt – Eine Brücke für die Wildnis
Daniel Onea und Adina Olaru, 29.09.2026, 14:28
Der Ausbau der Straßeninfrastruktur ist wirtschaftlich notwendig, bedeutet aber gleichzeitig eine enorme Herausforderung für die Natur. Die Lösung für dieses Problem heißt: Ökodukt, im Deutschen meist Grünbrücke genannt. Ihre Hauptaufgabe ist es, die Zerstückelung natürlicher Lebensräume zu verhindern, die Artenvielfalt zu erhalten und natürlich das Risiko von Wildunfällen zu reduzieren.
Offiziellen Daten der rumänischen Straßenverkehrsbehörde zufolge gibt es in Rumänien bereits einige funktionierende Ökodukte – darunter die Grünbrücken auf den Autobahnen A1 und A10. Derzeit befinden sich weitere solcher Bauwerke in der Planungs- oder Bauphase. Zu den wichtigsten laufenden Projekten zählen die sogenannten „Bärentunnel“ auf dem zweiten Bauabschnitt der A1 sowie drei geplante Ökodukte auf dem Gebirgsabschnitt der A8. Doch der Bau dieser Wildtierkorridore wird oft durch Bürokratie und mangelnden ökologischen Weitblick erschwert. Professor László Rakosy, Forscher an der Babeș-Bolyai-Universität in Cluj, kritisiert vor allem den Umgang mit den Umweltverträglichkeitsprüfungen:
„Man kann keine Großinvestition ohne eine Umweltverträglichkeitsprüfung tätigen. Es gibt leider genug Politiker, die glauben, alles zu wissen – auch, welche Pflanzen und Insekten in einem bestimmten Gebiet leben sollten. Und es finden sich bedauerlicherweise auch zugelassene Gutachter, die nur sehr oberflächliche Studien durchführen und dann fälschlicherweise zu dem Schluss kommen, dass ein Projekt die Artenvielfalt gar nicht beeinträchtigt. Niemand fordert ja, dass keine Infrastruktur mehr gebaut wird. Im Gegenteil. Aber wir müssen immer die schonendsten Varianten wählen. Wenn es mehrere Optionen gibt, sollten wir nicht automatisch die billigste nehmen und dabei die Natur unwiederbringlich zerstören. Wir sollten uns für die Lösung entscheiden, die die Natur schützt, auch wenn das zusätzliche Kosten verursacht.“
Doch selbst wenn der politische Wille und die finanziellen Mittel vorhanden sind, müssen Grünbrücken strategisch klug geplant werden, um wirklich effektiv zu sein. Professor Rakosy nennt das Beispiel eines europäischen Projekts, an dem er selbst als Experte beteiligt war:
„Ich habe nach den 90er Jahren in Deutschland und Österreich an einigen großen Infrastrukturprojekten mitgearbeitet. Eines davon war der Bau einer Brücke über drei Autobahnen am Dreiländereck von Österreich, Slowenien und Italien – die sogenannte ‚Bärenbrücke‘. Sie kostete rund drei Milliarden Euro und war dafür gedacht, Bären aus Slowenien und Norditalien den Übergang nach Österreich zu ermöglichen. Die Brücke ist breiter als eine Autobahn, man hat extra Felsen herangeschafft und Bäume gepflanzt, sodass sie praktisch zu einer natürlichen Fortsetzung des Berges wurde. Bis heute ist dort offenbar kein einziger Bär hinübergegangen, aber der Übergang wird von allen möglichen anderen Tieren rege genutzt: von Hirschen, Rehen oder Luchsen. Ich war damals als Experte vor Ort und habe die Artenvielfalt der Schmetterlinge vor und nach dem Bau evaluiert.“
Der Bau von Ökodukten ist also weit mehr als nur die bloße Erfüllung europäischer Umweltrichtlinien. Er ist eine unverzichtbare Investition in ein langfristiges Zusammenleben von Mensch und Natur. Auch wenn die eigentlichen Zieltierarten solche Korridore nicht immer exakt wie geplant nutzen, retten diese Bauwerke unzähligen anderen Spezies das Leben und verhindern ihre genetische Isolation. Ihre richtige Integration in Straßenbauprojekte sichert ein fragiles ökologisches Gleichgewicht, das durch den rasanten Ausbau der Infrastruktur ständig bedroht ist.