Vogelberingung in Rumänien
Rumänien spielt eine entscheidende Rolle bei der Überwachung der europäischen Vogelzugrouten – auch wenn langfristige Projekte in diesem Bereich noch selten sind. An der rumänischen Schwarzmeerküste arbeitet derzeit die landesweit einzige Beringungsstation, die das ganze Jahr über aktiv ist. Hier erfassen Fachleute die Flugrouten, biometrischen Daten und die Bestandsentwicklung der Zugvögel, die diese Region durchqueren.
Daniel Onea und Adina Olaru, 17.08.2026, 17:32
Rumänien spielt eine entscheidende Rolle bei der Überwachung der europäischen Vogelzugrouten – auch wenn langfristige Projekte in diesem Bereich noch selten sind. An der rumänischen Schwarzmeerküste arbeitet derzeit die landesweit einzige Beringungsstation, die das ganze Jahr über aktiv ist. Hier erfassen Fachleute die Flugrouten, biometrischen Daten und die Bestandsentwicklung der Zugvögel, die diese Region durchqueren.
Emanuel Baltag leitet die Meeresbiologische Station „Professor Doktor Ioan Borcea“ in Agigea. Er erklärt, wie die Beringung technisch abläuft und wie dabei auf das Wohl der Tiere geachtet wird.
„Die Vogelberingung beginnt mit dem Fang. Um den Vögeln einen Ring ans Bein legen zu können, müssen wir sie erst einmal fangen, und das geschieht mit ornithologischen Netzen. Die Netze, die wir verwenden, bestehen aus einem speziellen Material, das ursprünglich in Japan entwickelt wurde. Vor allem ist das Material elastisch, damit der Vogel beim Fang nicht verletzt wird. Sie ähneln Fischernetzen, haben aber größere Taschen. Weil sie so fein sind, bemerken die Vögel sie nicht und fliegen hinein. Wir kontrollieren die Netze stündlich – oder je nach Wetterlage sogar halbstündlich – und holen die gefangenen Tiere heraus.“
Das Einfangen mag wie ein starker Eingriff wirken, doch die Auswirkungen auf die Vögel sind minimal. Ihre natürlichen Mechanismen helfen ihnen, das Ereignis schnell zu verarbeiten. Anders als der moderne Mensch gehen Vögel sehr effizient mit der Energie um, die in solchen Stresssituationen freigesetzt wird.
„Man muss unbedingt bedenken, dass der Stress, den Vögel empfinden, nicht mit menschlichem Stress vergleichbar ist. Stress ist ein evolutionärer Mechanismus, der uns handeln lässt, wenn wir in Gefahr sind. Er liefert uns praktisch die nötige Energie zum Weglaufen – oder im Fall der Vögel: um schneller wegzufliegen. Eigentlich ist das also ein sehr nützlicher Mechanismus. Bei Vögeln wird dieser Mechanismus zwar im Moment des Fangs ausgelöst, aber die freigesetzte Energie wird direkt nach der Freilassung wieder abgebaut.“
Diese Daten kontinuierlich zu sammeln, ist für die Erforschung der Artenvielfalt in Europa unerlässlich. Doch solche dauerhaften Projekte sind in Rumänien noch recht neu. Die Station in Agigea hat ihre Methoden nach den Vorgaben der europäischen Dachorganisation EURING standardisiert – und bleibt bislang ein einsamer Vorreiter in Sachen lückenloser Überwachung im Land.
„Wir sind die einzige Station in Rumänien, die das ganze Jahr über aktiv ist – und leider auch die erste ihrer Art. Zuvor gab es in Rumänien keine Initiativen zur kontinuierlichen Beringung. Seit 2019 nutzen wir exakt dasselbe Monitoring-Schema: Die Netze bleiben in der gleichen Anzahl und an denselben Standorten, damit die Daten von Jahr zu Jahr vergleichbar sind. Dass wir uns in der Region Dobrudscha, direkt an der Küste, befinden, ist ein riesiger Vorteil. Die Vögel sammeln sich in solchen Gebieten, die an geografische Barrieren wie das Schwarze Meer grenzen. Deshalb ist die Zahl der Tiere hier deutlich größer, besonders während der Zugzeiten.“
Die Daten und Messwerte, die täglich an der rumänischen Küste gesammelt werden, fließen direkt in die europäische Datenbank. Dank dieses beständigen Einsatzes können Forschende und politische Entscheidungsträger die Auswirkungen des Klimawandels auf die Ökosysteme deutlich erkennen. Sie erhalten so ein umfassendes Bild davon, wie sich die Arten anpassen, die auf ihrem Weg Osteuropa durchqueren.