Kunst für alle
Der Alltag von Menschen mit Behinderungen ist oft von unzähligen Hürden geprägt – seien es physische Barrieren, fehlende Hilfsangebote oder schlichtweg soziale Ausgrenzung. Ein einfacher Kinobesuch oder ein Abend im Theater ist ein Vergnügen, das in Rumänien leider noch längst nicht für alle selbstverständlich ist. Doch genau hier kommt gerade etwas ins Rollen: Immer mehr Kinofilme werden mittlerweile barrierefrei angepasst.
Ana-Maria Cononovici und Adina Olaru, 30.04.2026, 17:34
Der Alltag von Menschen mit Behinderungen ist oft von unzähligen Hürden geprägt – seien es physische Barrieren, fehlende Hilfsangebote oder schlichtweg soziale Ausgrenzung. Ein einfacher Kinobesuch oder ein Abend im Theater ist ein Vergnügen, das in Rumänien leider noch längst nicht für alle selbstverständlich ist. Doch genau hier kommt gerade etwas ins Rollen: Immer mehr Kinofilme werden mittlerweile barrierefrei angepasst.
Die treibende Kraft dahinter ist unter anderem Ligia Soare. Sie ist Kulturmanagerin bei der Vereinigung „Animest“, hat über 20 Jahre Erfahrung in der Organisation von Filmfestivals und arbeitet als Übersetzerin für audiovisuelle Medien. Sie erinnert sich an die Anfänge:
„Wir wollen, dass die Filme auf unserem Festival wirklich für möglichst viele Menschen zugänglich sind. Wenn wir alle einladen, soll das auch eine ernst gemeinte Einladung sein. Also haben wir uns gefragt: Wer sind eigentlich die Menschen, die wir bisher nicht ins Kino einladen konnten, weil es schlichtweg Barrieren gibt? Um das zu ändern, habe ich vor einigen Jahren eine Ausbildung zur audiovisuellen Übersetzerin speziell für Gehörlose gemacht. Dabei habe ich festgestellt, dass es in einigen wenigen Ländern bereits seit Jahrzehnten erprobte Methoden für barrierefreies Kino gibt.“
Eine einheitliche europäische Norm gibt es in diesem Bereich allerdings noch nicht. Dafür aber ein engagiertes internationales Netzwerk. Ligia Soare erzählt von einem Projekt, das Kinos in fünf Ländern – Tschechien, der Slowakei, Slowenien, Kroatien und Rumänien – miteinander verbindet und sich inzwischen auch an blinde Zuschauer richtet:
„Aus unserer Zusammenarbeit mit dem Institut Français in Bukarest ist das europäische Projekt ‚Kino ohne Barrieren‘ entstanden. Seit 2024 gibt es nun in fünf europäischen Kinos monatliche Vorführungen, die speziell für gehörlose und blinde Menschen angepasst sind.
Parallel dazu haben wir eng mit Schulen für gehörlose Kinder zusammengearbeitet, um genau zu verstehen, was sie brauchen. Konkret heißt das: Für Gehörlose braucht ein Film erweiterte, deskriptive Untertitel. Diese geben nicht nur die Dialoge wieder, sondern blenden auch wichtige Geräusche ein oder den Namen der sprechenden Person, wenn diese gerade nicht im Bild zu sehen ist. Doch weil für viele Gehörlose nicht die Lautsprache, sondern die Gebärdensprache die eigentliche Muttersprache ist, gehen wir noch einen Schritt weiter: Wir lassen den Film von Dolmetschern übersetzen, nehmen das im Studio auf und binden den Gebärdensprachdolmetscher direkt als festen Teil in das Videobild des Films ein.“
Das schöne Ergebnis dieser Arbeit: Bei solchen Vorführungen können hörende und gehörlose Menschen ganz selbstverständlich gemeinsam im selben Kinosaal sitzen und den Film genießen. Doch wie funktioniert das Kinoerlebnis für blinde Zuschauer?
„Für blinde Menschen nutzen wir die klassische Audiodeskription. Das bedeutet, eine zusätzliche Stimme beschreibt alles Wichtige, was auf der Leinwand passiert – immer dann, wenn die Charaktere gerade nicht sprechen. Das Manuskript dafür wird von speziell geschulten Übersetzern geschrieben und anschließend von einer blinden Testperson auf Genauigkeit geprüft – denn sie wissen am besten, ob alle relevanten Details erfasst wurden. Schließlich wird der Text von einem Schauspieler eingesprochen, mit dem Film synchronisiert und als fertige Tonspur abgemischt.“
Im Kino können sich die blinden Besucher diese Bildbeschreibung dann ganz diskret über kabellose Kopfhörer oder eine Smartphone-App direkt ans Ohr holen.
Das Ziel all dieser Bemühungen ist klar: Das kulturelle Angebot muss stetig wachsen. Denn trotz all dieser fantastischen Initiativen ist die Chancenungleichheit in der Gesellschaft nach wie vor riesig, betont Ligia Soare abschließend.
„Oft werden wir gefragt: ‚Haben Gehörlose oder Blinde nicht eigentlich wichtigere Probleme als Kino?‘ Natürlich haben sie auch andere Bedürfnisse. Aber Kultur bietet ein soziales Auffangnetz und einen echten Grund, unter Leute zu kommen. Inzwischen kommen gehörlose und blinde Kinder aus Bukarest zu uns, für die es völlig normal wird, Teil des kulturellen Lebens zu sein.
Wir wollen mit der Kultur ein Signal senden und zeigen: Diese Menschen brauchen auf allen Ebenen unserer Gesellschaft Angebote, die auf sie zugeschnitten sind. Es reicht nicht, nur ins Kino gehen zu können. Sie sollten Zugang zu Tanz, Theater, Oper und Museen haben. Ich als Hörende habe diesen Luxus: Ich kann frei entscheiden, wo ich hingehe. Gehörlose und blinde Menschen haben diesen Luxus der freien Wahl im Moment leider noch nicht.“