Rumänien – Zufluchtsort für den Europäischen Nerz
Das Donaudelta ist das letzte große Refugium für den Europäischen Nerz, eine Säugetierart, die im restlichen Europa fast vollständig verschwunden ist. Dieses seltene und scheue Tier hat sich perfekt an die rumänische Wasserlandschaft angepasst. Über seine einzigartigen Merkmale spricht Mihai Marinov, Ökologe am Nationalen Forschungs- und Entwicklungsinstitut „Donaudelta“:
Adina Olaru und Daniel Onea, 02.11.2026, 17:49
Das Donaudelta ist das letzte große Refugium für den Europäischen Nerz, eine Säugetierart, die im restlichen Europa fast vollständig verschwunden ist. Dieses seltene und scheue Tier hat sich perfekt an die rumänische Wasserlandschaft angepasst. Über seine einzigartigen Merkmale spricht Mihai Marinov, Ökologe am Nationalen Forschungs- und Entwicklungsinstitut „Donaudelta“:
„Der Europäische Nerz sieht aus wie ein Spielzeug. Wenn man ihn zum ersten Mal sieht, kann man kaum glauben, dass ein so schönes Tier existiert. Am ehesten lässt er sich mit dem Marder, dem Wiesel, dem Hermelin oder dem Iltis vergleichen, aber der Nerz ist wirklich etwas ganz Besonderes – fast wie ein Plüschtier. Die Weibchen wiegen zwischen 400 und 600 Gramm, die Männchen bringen 500 bis zu 1.200 Gramm auf die Waage. Während die Art in anderen Teilen der Welt vor allem Molche und Frösche frisst, bevorzugt sie im Donaudelta eindeutig Fisch. Der macht etwa 60 bis 70 Prozent der Ernährung aus. Der Nerz ist ein Opportunist und frisst auch Amphibien, gelegentlich kleine Vögel und Wirbellose, aber die Hauptnahrungsquelle bleibt der Fisch, den es im Delta noch im Überfluss gibt. Eine weitere Besonderheit ist das Anlegen von Vorräten. Da der Nerz an harte Winter angepasst ist, hortet er zwischen 7 und 15 Kilogramm Nahrung in seinem Bau. Diese riesige Menge sichert sein Überleben für zwei bis drei Monate – über Januar, Februar und März hinweg.“
Dass das Donaudelta zum exklusiven Schutzraum für den Europäischen Nerz geworden ist, ist seine Rettung, macht ihn aber gleichzeitig extrem verwundbar. Mihai Marinov warnt vor den massiven Bedrohungen für dieses zunehmend fragile Ökosystem:
„Große Wasserflächen und Fischteiche wurden in landwirtschaftliche Nutzflächen umgewandelt. Das zerstört den natürlichen Lebensraum und dezimiert die Bestände. Dazu kommen die gravierenden Auswirkungen des Klimawandels. Mittlerweile fallen die Höchststände der Überschwemmungen genau in die Zeit der Jungenaufzucht. Früher, als die Jungen im April oder Mai geboren wurden, zog sich das Wasser bis Juni oder Juli zurück, und die Baue blieben intakt. Eine weitere große Gefahr geht von rücksichtslosem Tourismus aus. Bei botanischen Bestandsaufnahmen entlang der Touristenrouten haben wir festgestellt, dass Schilfinseln und natürliche Uferstreifen schlichtweg verschwinden. Wo vor zehn Jahren noch fester Boden und Baue von Nerzen oder Fischottern waren, ist heute gar nichts mehr. Diese Zerstörung wird von riesigen Booten mit extrem starken Motoren verursacht. Deren Wellenschlag wäscht die Ufer regelrecht weg. So verliert die Art ihren überlebenswichtigen Lebensraum – den Ort für die Fortpflanzung, die Aufzucht der Jungen und für die Baue, in denen sie ihre Wintervorräte versteckt.“
Damit das Donaudelta ein sicheres Refugium bleibt, muss sofort gehandelt werden. Strikte Geschwindigkeitsbegrenzungen für Boote, der Schutz der natürlichen Ufer und ein verantwortungsvoller Tourismus sind unverzichtbare Schritte. Ohne diese Maßnahmen droht die letzte Kernpopulation des Europäischen Nerzes endgültig zusammenzubrechen.