Hörspiel beleuchtet brisanten Mordfall
„Die Schuldigen“ heißt eine neue Produktion des Hörspielensembles von Radio România. Ausgangspunkt ist ein Verbrechen, das die rumänische Gesellschaft erschüttert hat. Im Januar 2026 wurde der 15-jährige Mario Berinde in der Gemeinde Cenei im Kreis Timis von zwei Jugendlichen im Alter von 13 und 15 Jahren ermordet.
Corina Sabău, 07.11.2026, 10:18
Die Täter hatten die Tat nach Angaben der Ermittler offenbar bereits Wochen zuvor geplant. Sie töteten den Jungen mit einer Axt und einem Messer, verbrannten anschließend seine Leiche und verscharrten sie in einem Garten. Ein dritter Jugendlicher half ihnen, Spuren zu beseitigen. Im September 2026 wurde der 15-jährige Haupttäter zu 15 Jahren Unterbringung in einer Jugendhaftanstalt verurteilt. Das Hörspiel beleuchtet die Welt der Jugendlichen und der Erwachsenen aus verschiedenen Blickwinkeln und versucht, die Ereignisse zu verstehen. Die Produktion von Ilinca Stihi hat auch international Aufmerksamkeit erregt: Nach der Nominierung für den Prix Europa hat es „Die Schuldigen“ bis ins Finale des Prix Italia in der Kategorie Radio & Podcast Drama geschafft. Im Mittelpunkt steht unter anderem die gestörte Kommunikation zwischen den Generationen und der Einfluss des Internets. Für Ilinca Stihi, Autorin und Regisseurin des Hörspiels, bestand die Herausforderung zunächst darin, den nötigen Abstand zu finden, um den Fall und vor allem die damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme betrachten zu können.
„Am Anfang der Inszenierung lagen die Ereignisse noch nicht lange zurück und sie hatten mich sehr stark bewegt. Ich war froh, dass es mir relativ schnell gelungen ist, eine gewisse Distanz zu gewinnen. Doch was ich zunächst für die größte Herausforderung gehalten hatte, erwies sich nur als die erste von mehreren. Ich habe mich sehr darüber gefreut, dem Publikum Dialogimpulse zu geben. Das war eines meiner Ziele, als ich mit der Arbeit an dieser Produktion begann. Gemeinsam mit dem gesamten Team haben wir dafür unter großem Zeitdruck gearbeitet. Wir wollten verhindern, dass ein Ereignis mit so weitreichenden Folgen für die Gesellschaft zu schnell in Vergessenheit gerät. Zumal es um ein Thema geht, anhand dessen sich viele soziale Probleme ansprechen lassen.“
Während der Journalismus die Fakten aufzeigen und die Schuldigen benennen kann, will das Theater einen Schritt weitergehen und nach den Ursachen und den Fragen dahinter suchen. Das ist einer der Gedanken, auf denen die Produzentin des Hörspiels, Oana Cristea Grigorescu, besteht.
„Egal ob Bühnenstück oder Hörspiel: Nach einem Theaterstück für ein möglichst breites Publikum soll man mit einigen Fragen zurückbleiben. Sie sollten dazu führen, dass man der Versuchung eines vorschnellen Urteils widersteht. In der rumänischen Gesellschaft, besonders in den sozialen Netzwerken, hat sich eine aggressive Ausdrucksweise eingebürgert. Dabei geht es nicht unbedingt um Anonymität, sondern vielmehr um eine indirekte Form der Kommunikation, bei der wir dem anderen nicht gegenüberstehen. Diese Distanz scheint es uns immer leichter zu machen, auf Empathie zu verzichten und Situationen in Schwarz und Weiß zu sehen, ohne zu versuchen, sie in Zusammenhänge einzuordnen. Vielleicht sollte Kunst gerade das tun: uns herausfordern, Fragen aufwerfen, über die wir weiter nachdenken. Sie soll uns helfen, uns in die Figuren hineinzuversetzen und zu verstehen, was einen Menschen dazu gebracht hat, auf eine bestimmte Weise zu handeln oder eine bestimmte Entscheidung zu treffen.“
Um diese unterschiedlichen Welten zusammenzubringen, hat Regisseurin und Drehbuchautorin Ilinca Stihi auch eine Sprache entwickelt, die von Jugendlichen erzählt, ohne sie aus der Distanz oder von oben herab zu betrachten. Dieser sprachliche Wandel betrifft ihrer Ansicht nach aber nicht nur den Wortschatz. Die Art, wie wir im Internet kommunizieren, verändert auch unsere Beziehungen, unsere Gefühle und sogar unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit, glaubt Ilinca Stihi:
„Ich wollte den Dialog in einer neuen Form schreiben. Meine Ausgangsfrage war ganz konkret: Wie klingt eine Dialogszene, wenn man sie in die Online-Welt überträgt? Wie können diese körperlosen Stimmen eine Entwicklung des Dialogs und eine Steigerung der Spannung erzeugen können. Denn genau das war ihre dramaturgische Aufgabe: eine Steigerung und eine Entwicklung der Ereignisse zu schaffen. Dabei fand ich eine Funktion besonders interessant fand: die Zeitangaben, die den Nachrichten beigefügt sind. Wir gehen von zehn Stunden auf acht Stunden herunter und kommen schließlich bei Abständen von wenigen Minuten an. Dieser Rhythmus trägt dazu bei, die Spannung aufzubauen.“
„Die Schuldigen“ versucht also nicht, einen Extremfall zu erklären. Vielmehr richtet das Hörspiel den Blick über das Urteil hinaus auf die Kommunikation zwischen den Generationen, den Einfluss des Internets und die Verantwortung der Erwachsenen, einer Welt nahe zu bleiben, die sie manchmal nicht mehr verstehen. Das Hörspiel kann online auf der Internetseite des Hörspielensembles von Radio Rumänien angehört werden.