Dorina Lazăr – sechs Jahrzehnte Schauspielkunst und ein Leben für die Bühne
Dorina Lazăr ist bei der Gopo-Gala mit dem Preis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. Mehr als sechs Jahrzehnte steht sie auf der Bühne und vor der Kamera. Ihre Karriere reicht von populären Filmen der 70er und 80er Jahre bis zum rumänischen Autorenkino der 90er und 2000er Jahre. Im Gespräch blickt Dorina Lazăr auf ihre lange Laufbahn zurück – und erzählt, warum mit dem Alter nicht unbedingt mehr Freiheit, sondern auch mehr Verletzlichkeit kommt.
Corina Sabău und Alex Sterescu, 19.09.2026, 19:00
Dorina Lazăr begann ihre Bühnenkarriere 1961 am Bukarester Regionaltheater. Seit 1969 gehört sie zum Ensemble des Odeon-Theaters. Von 2003 bis 2017 leitete sie das Haus auch als Direktorin. Für ihre langjährige Tätigkeit wurde sie unter anderem vom französischen Kulturministerium mit dem Titel eines Ritters des Ordens der Künste und der Literatur ausgezeichnet.
Zu ihren bekanntesten Filmrollen gehört die Taxifahrerin Angela Coman in dem Film „Angela merge mai departe“ aus dem Jahr 1981. Für diese Rolle erhielt Dorina Lazăr den Preis als beste Schauspielerin des rumänischen Filmverbandes. 19Mehr als vierzig Jahre später kehrte die Figur noch einmal auf die Leinwand zurück. Regisseur Radu Jude verwendete in seinem Film „Erwarte nicht zu viel vom Ende der Welt“ von 2023 Ausschnitte aus dem Originalfilm und stellte die damalige Angela Coman der jungen Angela gegenüber, gespielt von Ilinca Manolache.
Wir haben Dorina Lazăr gefragt, ob mit dem Alter und der Erfahrung auch eine größere Freiheit beim Schauspiel kommt. Ihre Antwort fällt allerdings etwas anders aus: Sie spricht vor allem über Lampenfieber, Verletzlichkeit und die Angst, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.
„Mit dem Alter kommt auch die Angst, vielleicht sogar stärker als in jungen Jahren. Wenn man jung ist, fühlt man sich stark und unverwundbar. Man hat keine Angst davor, etwas zu vergessen oder auf der Bühne zu stolpern. Aber in jeder Phase der Karriere werden Schauspieler von denselben Ängsten und Gedanken begleitet.
Es gibt die berühmte Geschichte über Sarah Bernhardt. Vor einer Premiere saß sie mit einer jungen Schauspielerin in der Garderobe. Die junge Frau war sehr entspannt. Sarah Bernhardt fragte sie, ob sie keine Angst habe. Sie sagte nein. Darauf antwortete die große Schauspielerin: Wenn du einmal Lampenfieber hast, dann wirst du Schauspielerin.
Auch ich hatte bei dem Film von Radu Jude sehr großes Lampenfieber. Als ich jung war, fühlte ich mich beim Film sicherer und kannte die Filmteams. Diesmal habe ich nur mit jungen Leuten gearbeitet und kannte niemanden. Was mich tief beeindruckt hat, war diese außergewöhnlich gut vorbereitete Mannschaft. Auch die Schauspieler haben mich beeindruckt. Selbst wer nur zwei Sätze hatte, war völlig sicher. Alles war so gründlich vorbereitet und geprobt, dass es beim Dreh perfekt funktioniert hat.“
Wenn sie auf mehr als sechs Jahrzehnte im Beruf zurückblickt, spricht Dorina Lazăr weniger von einer einzelnen Rolle oder einem bestimmten Moment, der ihre Karriere geprägt hätte. Für sie ist Schauspiel vor allem ein langer Prozess – geprägt von Erfahrung, Arbeit und der Freude darüber, einen Lebenstraum verwirklicht zu haben.
„Man muss das Glück haben, ein solches Leben führen zu dürfen: zu arbeiten, unermüdlich zu arbeiten, und trotzdem keine Müdigkeit zu spüren. Eher hat man das Gefühl, in einem schönen Fluss zu leben, wie in einer Musik. Ein Leben, in dem man Vivaldi hört.
Ich glaube nicht, dass eine einzelne Rolle das eigene Verhalten grundlegend verändert. Aber es gibt natürlich Rollen, die einen prägen. Für mich war ‚Die Kunst der Konversation‘ nach dem Text von Ileana Vulpescu ein solcher Bezugspunkt – vor allem wegen der Wirkung, die das Stück beim Publikum hatte. Ich erinnere mich, dass nach den Vorstellungen Mütter mit ihren Kindern zu mir in die Garderobe kamen und mir erzählten: Was wir gerade auf der Bühne gesehen haben, ist uns selbst passiert. Ähnlich war es bei ‚Năpasta‘, der Verfilmung von Alexa Visarion nach dem Stück von I. L. Caragiale.
Und im Alter hat mir Gott noch ein Geschenk gemacht. Heute spiele ich in dem Stück ‚Unruhe‘ eine Schriftstellerin. Das Stück stammt von Iwan Wyrypajew und wurde von Bobi Pricop inszeniert. Alles daran ist für einen Schauspieler unglaublich interessant. Ich habe in meiner gesamten Karriere keinen so reichen, so vielschichtigen Text gespielt. Wir spielen das Stück seit drei Spielzeiten. Und jedes Mal, wenn ich den Text wieder lese, entdecke ich neue Bedeutungen und neue Möglichkeiten für die schauspielerische Interpretation.“
Zu ihrem filmischen Werk gehören zahlreiche bekannte rumänische Produktionen, darunter „Wege in der Schwebe“ (1979, Regie: Virgil Calotescu), „Standbild am Tisch“ (1980, Regie: Ada Pistiner), „Das Zeichen der Schlange“ (1982, Regie: Mircea Veroiu), „Liceenii – Die Schüler“ (1986, Regie: Nicolae Corjos), „Die Balance“ (1992, Regie: Lucian Pintilie) und „Gesegnet seist du, Gefängnis“ (2002, Regie: Nicolae Mărgineanu).
2013 übernahm die Schauspielerin eine der Hauptrollen in „București NonStop“, unter der Regie von Dan Chișu, und erweiterte damit die Bandbreite ihrer Figuren um einen weiteren Charaktertyp.
Mit dem Gopo-Preis für ihr Lebenswerk wird nun eine Schauspielerin geehrt, deren Karriere mehr als sechs Jahrzehnte rumänische Theater- und Filmgeschichte umfasst.