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Kommunisten sahen in der Mathematik ein Allheilmittel

Die Königsdisziplin stand unter einem starken ideologischen Einfluss

Kommunisten sahen in der Mathematik ein Allheilmittel
Kommunisten sahen in der Mathematik ein Allheilmittel

, 01.10.2018, 17:09

Mathematik gilt zu Recht als eines der abstraktesten Wissensgebiete, und ohne einen soliden mathematischen Hintergrund kann man kein guter Fachmann für Wissenschaft und Technologie sein. Die rumänische Schule der Mathematik hatte hervorragende Vertreter und die Universität Bukarest verfügte schon seit ihrer Gründung im Jahr 1864 über eine Fakultät für Physik, Mathematik und Naturwissenschaften. Das kommunistische Regime aber hatte den Mathematikern eine viel wichtigere Rolle zugedacht, als ihnen eigentlich naturgemä‎ß zukam. Die Besessenheit des Kommunismus mit Naturwissenschaften machte die Mathematik zum Eckpfeiler des Bildungssystems zwischen 1945 und 1989. Als Elite-Domäne wurde die Mathematik in einem erzwungenen Tempo ideologisiert, aber ihr intensives und umfangreiches Studium brachte nicht die wirtschaftliche und soziale Entwicklung, die das Regime erwartet hatte.



Der 2016 verstorbene Mathematiker und Professor Solomon Marcus bestand 1944 das Abitur und meldete sich anschlie‎ßend zum Studium an der Fakultät für Mathematik an. In einem Gespräch mit dem Zentrum für Mündliche Geschichte von Radio Rumänien erinnerte sich Marcus im Jahr 1998 an die Entdeckung der Mathematik als persönliche Leidenschaft und Laufbahn.



Ich kam im Sommer 1944 zur Mathematik, es war ein hei‎ßer Sommer, als ich in einer Stadt in der Moldau lebte und die Front des Krieges sehr nahe gekommen war. Ich dachte, es sei besser, dem Weg meiner persönlichen Neugier zu folgen, denn in diesem Moment des Chaos war es unmöglich, sich vorzustellen, welche soziale Perspektive eine bestimmte Schule oder Universität gerade bot. Nach einem Jahr an der Fakultät für Mathematik erkannte ich, dass diese Fakultät eine glückliche Fügung meines Lebens war. Ich war sehr froh, das Glück gehabt zu haben, mein berufliches Steckenpferd zu finden“, erzählte Solomon Marcus vor 20 Jahren.




Vor der Etablierung des Kommunismus 1945 hatte sich die Politik aus dem Leben und der Karriere der Wissenschaftler weitgehend ferngehalten. Solomon Marcus lernte bei Professoren mit unterschiedlichen politischen Orientierungen: Dan Barbilian sympathisierte mit den rechtsradikalen Legionären, Octav Onicescu hatte mit Mussolinis Faschismus geflirtet, Gheorghe Vrânceanu war ein gro‎ßer Liberaler, Miron Nicolescu und Simion Stoilow waren Sozialisten, Nicolae Ciorănescu stammte von der konservativen Bauernpartei und Mihail Neculce schlie‎ßlich war Kommunist.



Marcus erinnert sich hingegen traurig an die Umstände, unter denen Simion Stoilow starb, einer der besten rumänischen Mathematiker der Nachkriegszeit.



Simion Stoilow starb 1961 auf den Treppen des Hauptquartiers des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, wohin er oft pilgerte, um Ungerechtigkeiten aller Art wiedergutzumachen: Damals wurden von Universitäten viele junge Dozenten vertrieben, Lehrer wurden ausgeschlossen, Reisen ins Ausland verboten, Menschen durften nicht befördert werden. Ich war eines der Opfer: Bei uns wurde ja 1953 die sowjetähnliche sogenannte »Aspirantur« eingerichtet. Fünf Leute haben die Prüfungen für den Mathematik-Abschluss gemacht und wir alle haben sie bestanden. Nach dem Bestehen der Prüfung erhielt ich jedoch ein Dokument des Bildungsministeriums, in dem mir mitgeteilt wurde, dass ich keinen Anspruch auf diese Aspirantur in der Rumänischen Volksrepublik hatte. Klar, es war ein Problem mit meiner Personalakte. Aber warum hatten sie das nicht von Anfang an gesagt? Ihre Strategie war folgende: Wir tun fürs Erste gar nichts, vielleicht fällt der Kandidat ja durch und wir müssen ihn dann nicht mehr ablehnen, weil er Personalprobleme hat.“




Die Ideologie, sagte Professor Marcus weiter, zerstörte das gesamte Umfeld eines guten akademischen Zusammenlebens. Obwohl die Wirkung der Ideologie Mitte der sechziger Jahre nachlie‎ß, blieb sie ein Trauma, von dem sich die Mathematik erst nach 1989 befreien konnte. Solomon Marcus erinnerte sich an eine Begegnung mit dem Mathematiker Dan Barbilian auf einer Parteisitzung.



Ich war im gleichen Ideologieunterricht mit dem gro‎ßen Mathematiker und Dichter Dan Barbilian alias Ion Barbu. Als Anekdote sind heute all diese Situationen lustig, aber damals waren sie echte Dramen. Dieser Mann war völlig verängstigt, er lebte schrecklich angespannt“, erzählt Solomon Marcus.




Barbilian steckte in einem Mathematiker-Dilemma. Hielt er den Mund auf der Sitzung, hätte man offensichtlich interpretiert, dass er nicht am ideologischen Leben teilnehmen möchte. Meldete er sich zu Wort, riskierte er, etwas zu sagen, das gegen die Parteilinie verstie‎ß. Jemand erwähnte Lenins Formel Kommunismus ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes“ und Barbilians Hand schoss sofort hoch. In diesem Satz gibt es eine nichtkommutative Addition, dozierte er. Was sollte das eigentlich hei‎ß? In der nichtkommutativen Addition sind die Begriffe nicht austauschbar, a + b ist also nicht dasselbe ist wie b + a, meint Marcus: Barbilian wollte einfach nur sagen, dass die Begriffe in Lenins Satz nicht austauschbar sind, dass also zuerst die Sowjetmacht kommt, dann die Elektrifizierung.



Doch die Leute verstanden nicht, was er wollte. Der Diskussionsleiter rätselte verzweifelt, ob Barbilian jetzt doch etwas gegen Lenin gesagt hatte — eine bessere Umschreibung der Relation zwischen Kommunismus und Mathematik geht wohl nicht.

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