RRI Live!

Hören Sie Radio Rumänien International Live

Auf Pulsfühlung in Bukarest: Paradoxe der rumänischen Hauptstadt

Eine Gruppe rumänischer Wissenschaftler wollte die Lebensqualität in Bukarest nach 12 Schlüsselbereichen ermitteln. Doch die lückenhaften Daten von manchen Bezirksverwaltungen erschwerten ihre Arbeit und führten mitunter zu paradoxen Ergebnissen.

Auf Pulsfühlung in Bukarest: Paradoxe der rumänischen Hauptstadt
Auf Pulsfühlung in Bukarest: Paradoxe der rumänischen Hauptstadt

, 07.06.2017, 20:55

Wie gut kennen die Bukarester ihre Stadt? Stimmen ihre empirischen Beobachtungen mit den statistischen Daten der Stadt überein? Nehmen wir den chaotischen Verkehr als Beispiel. Das Verkehrschaos und die ständigen Staus zu Sto‎ßzeiten könnten zum Glauben verleiten, dass Bukarest eine überbevölkerte Stadt sei. Die Daten sagen aber etwas anderes. Laut Statistiken hatte Bukarest am 1. Januar 2016 offiziell 1.844.576 Einwohner. 1992 war die Rekordzahl von 2.067.545 erreicht worden.



Um eine genauere Beschreibung der Sachlage zu bieten, hat die Gemeinschaftsstiftung Bukarest“ eine Studie erstellt, die offizielle Informationen aus 12 Schlüsselbereichen der Stadt zusammenbringt, darunter: Demografie, Bildung, Sicherheit, Sozialschutz, Gesundheit, Kultur, Verkehr, Wohnbedingungen und das Gefühl der Zugehörigkeit zum Stadtbezirk. Die Studie Bucureşti: pulsul comunităţii“ (deutsch in etwa: Bukarest: Auf Pulsfühlung durch die Stadt“) wurde von einer Gruppe von Soziologen und Anthropologen durchgeführt, die die Daten des Statistikamtes und der lokalen Behörden der sechs Stadtbezirke zusammengetragen haben. Eine erste Schlussfolgerung war, dass die gefühlte und wirkliche Realität nicht übereinstimmen. Um die Kluft zwischen Arm und Reich bestimmen zu können, mussten Informationen von den Sozialschutzämtern aus jedem Bezirk gesammelt werden, was ein echtes Abenteuer war, sagt die Soziologin Valentina Marinescu, die an der Datenerhebung beteiligt war:



Es war sehr schwer, die Bukarester Bezirke zu vergleichen. Jeder Bezirk hat seine eigene Verwaltung. Einige sind gut organisiert, andere nicht. Von den letzten habe ich anstatt der verlangten Daten ein einziges Blatt Papier bekommen. Das sagt sehr viel über einen Verwaltungsapparat aus, der aus dem Geld der Steuerzahler bezahlt wird. Deshalb war es sehr schwierig, zu vergleichen, wie es um die Ein-Eltern-Familien, die Armen und Reichen der Stadt, um die Kinder, die Hilfe brauchen, oder um die Senioren und Rentner bestellt ist.“




Die mangelhafte oder lückenhafte Datenerhebung führte auch zu paradoxen Ergebnissen: Die Verwaltungen der Bezirke, die auf einem ersten Blick als reich wahrgenommen werden, also jene Stadtteile, wo reichere Einwohner leben, haben mehr Sozialempfänger als die ärmeren Bezirke. Die Soziologin Valentina Marinescu dazu:



Im ersten Jahresquartal 2016 wurde mehr als 50% der Gelder für Sozialhilfe im ersten Bezirk ausgezahlt. Wenn wir diese Daten mit den Daten von den anderen Bezirken vergleichen, dann können wir behaupten, dass die meisten Sozialhilfeempfänger Personen aus dem Stadtteil mit den meisten multinationalen Unternehmen kommen, und zwar aus Pipera. Vom 2. Bezirk haben wir überhaupt keine Daten bekommen. Im 6. Bezirk gibt es nur 108 Sozialfälle, im 5. Bezirk 112 und im dritten 548 Fälle. Es hängt eher davon ab, ob die Fälle gemeldet werden oder nicht und wie das Geld verwaltet wird.“




Auch was die Bildung anbelangt, ist Bukarest in denkwürdiger Weise einzigartig. Obwohl die Infrastruktur besser als in anderen Städten ist, beträgt die Schulabbrecherquote circa 15%. Nur 53% der Schüler bestehen die Reifeprüfung. Valentina Marinescu hat eine Erklärung dafür:




Die Bukarester sind atypisch, was die Bildung betrifft. Man legt viel Wert auf eine nahtlose Ausbildung, mehr als in anderen Landesstädten. Es wäre interessant, eine weitere Studie zu machen, um zu sehen, wie viel Geld in Institutionen wie After-school oder Privatstunden investiert wird. Die Tatsache, dass in Bukarest nur 53% der Schüler die Reifeprüfung bestehen, bedeutet nicht, dass die Bukarester Schüler schwächer sind als die anderen, sondern dass in anderen Städten die Lehrer nicht so streng bewerten.“




Eng verbunden mit der Bildung ist natürlich die Kultur. Eine soziologische Studie aus dem Jahr 2015, die von den Autoren der Studie Bucureşti: pulsul comunităţii“ zitiert wird, zeigt, dass 54,2% der Bukarester das Theater bevorzugen; 35,1% gehen zu Popmusik- oder Tanzveranstaltungen, während 14,6% der Bukarester Einwohner an Folklore-Events teilnehmen. Die Realität sieht aber anders aus. 71,8% der Bukarester buchen nie eine Theaterkarte. Vlad Odobescu, Journalist und Anthropologe, gibt uns Einzelheiten über die kulturellen Lieblingsveranstaltungen der Einwohner der rumänischen Hauptstadt:



Das hei‎ßt nicht, dass sie am kulturellen Leben der Stadt nicht teilnehmen. In der letzten Zeit haben die Verwaltungen der Bezirke zahlreiche Freilicht-Events organisiert. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie kulturelle Veranstaltungen nennen kann, aber es ist eine Möglichkeit, die Bukarester in diese Richtung zu bringen. 40% der Einwohner verbringen ihre Freizeit in den Malls oder Hypermärkten. 1990 gab es 77 Kinos. Heute gibt es nur noch 17. Die Studie bezieht sich auf die staatlichen Kinosäle und berechnete auch jene im umliegenden Landkreis Ilfov mit.“




Bukarest bleibt eine dynamische Stadt, sagen die Forscher. Ihre Dynamik habe aber nichts mit der Jugend zu tun. Nur ein Viertel der Bukarester Einwohner sind jünger als 24 Jahre. Das ist bedeutend weniger als in anderen rumänischen Gro‎ßstädten. Wenn Bukarest keine junge Stadt (mehr) ist, so ist sie bestimmt eine sichere Stadt, lautet die Auffassung vieler Bukarester. Der Anthropologe Vlad Odobescu relativiert das gleich wieder:



Bukarest stellt sich in den letzten Jahren als eine sichere Stadt vor. Laut den Daten liegt die rumänische Hauptstadt unter diesem Gesichtspunkt vor Prag, Bratislava, Vilnius etc. Wenn wir Bukarest aber mit anderen rumänischen Städten vergleichen, dann ist ersichtlich, dass Klausenburg und Jassy sicherer sind. Um das zu bestimmen, werden einige Indikatoren verglichen: Straftaten wie Eigentumsdelikte und Übergriffe gegen Personen (Diebstahl und Raubüberfall), Sexualverbrechen und Verstö‎ße gegen die Stra‎ßenverkehrssicherheit.“




Empirisch wie objektiv lässt sich Bukarest nur schwer ergründen. Tatsache ist: Bukarest ist eine Stadt der Paradoxe. Aber vielleicht ist gerade das eine der Zutaten, die das Flair der rumänischen Hauptstadt ausmacht.

Sursa foto: Federația Băncilor pentru Alimente din România - FBAR / Facebook
Sozialreport – der rumänische Alltag Mittwoch, 25 März 2026

Lebensmittelbanken gegen Verschwendung

Ihr Netzwerk umfasst neun städtische Standorte – Bukarest, Cluj, Roman, Brașov, Oradea, Timișoara, Craiova, Constanța und Galați. Der...

Lebensmittelbanken gegen Verschwendung
Muncitori străini (foto Guilherme Cunha – Unsplash)
Sozialreport – der rumänische Alltag Mittwoch, 11 März 2026

Alternativen für illegal eingereiste Migranten

Im Zeitraum 2021–2024 wurden in Rumänien rund 340.000 neue individuelle Arbeitsverträge für Bürger von außerhalb der Europäischen Union...

Alternativen für illegal eingereiste Migranten
Foto: Simon Moog / unsplash.x„x„„com
Sozialreport – der rumänische Alltag Mittwoch, 04 März 2026

Hunde sind keine Ware

In Rumänien gibt es öffentliche und private Tierheime für herrenlose Hunde. Die privaten werden einerseits von NGOs betrieben, die sich bemühen,...

Hunde sind keine Ware
Debatte über Verbote sozialer Medien für Kinder erreicht auch Rumänien
Sozialreport – der rumänische Alltag Mittwoch, 25 Februar 2026

Debatte über Verbote sozialer Medien für Kinder erreicht auch Rumänien

Fast 80 Prozent der Kinder in Rumänien surfen ohne jede Einschränkung im Internet. Das geht aus einer soziologischen Studie der Organisation...

Debatte über Verbote sozialer Medien für Kinder erreicht auch Rumänien
Sozialreport – der rumänische Alltag Mittwoch, 18 Februar 2026

Jugendstrafrecht: Prävention oder eher härtere Strafverfolgung?

Derzeit liegt die Strafmündigkeit bei 14 Jahren. Der Vorschlag, die Grenze auf 13 Jahre zu senken, hat heftige Reaktionen ausgelöst. Auf der einen...

Jugendstrafrecht: Prävention oder eher härtere Strafverfolgung?
Sozialreport – der rumänische Alltag Donnerstag, 12 Februar 2026

Alina Dumitriu: Porträt einer Sozialaktivistin

„Also gut, schon als ich klein war, ging das eigentlich so los – ich erinnere mich, dass ich schwarze Kinder aus Afrika im Fernsehen gesehen...

Alina Dumitriu: Porträt einer Sozialaktivistin
Sozialreport – der rumänische Alltag Mittwoch, 04 Februar 2026

Künstliche Intelligenz in Rumänien: Nutzung, Chancen und digitale Transformation

Wir haben die Künstliche Intelligenz (KI) gebeten, zu beschreiben, wie sie funktioniert. Und hier, zusammengefasst, die Antwort, die sie gegeben...

Künstliche Intelligenz in Rumänien: Nutzung, Chancen und digitale Transformation
Sozialreport – der rumänische Alltag Mittwoch, 28 Januar 2026

Wer kämpft im Kriegsfall?

Mitte Januar hat Rumäniens Präsident Nicușor Dan ein neues Gesetz zur Vorbereitung der Bevölkerung auf die Landesverteidigung unterzeichnet. Die...

Wer kämpft im Kriegsfall?

Partner

Muzeul Național al Țăranului Român Muzeul Național al Țăranului Român
Liga Studentilor Romani din Strainatate - LSRS Liga Studentilor Romani din Strainatate - LSRS
Modernism | The Leading Romanian Art Magazine Online Modernism | The Leading Romanian Art Magazine Online
Institului European din România Institului European din România
Institutul Francez din România – Bucureşti Institutul Francez din România – Bucureşti
Muzeul Național de Artă al României Muzeul Național de Artă al României
Le petit Journal Le petit Journal
Radio Prague International Radio Prague International
Muzeul Național de Istorie a României Muzeul Național de Istorie a României
ARCUB ARCUB
Radio Canada International Radio Canada International
Muzeul Național al Satului „Dimitrie Gusti” Muzeul Național al Satului „Dimitrie Gusti”
SWI swissinfo.ch SWI swissinfo.ch
UBB Radio ONLINE UBB Radio ONLINE
Strona główna - English Section - polskieradio.pl Strona główna - English Section - polskieradio.pl
creart - Centrul de Creație Artă și Tradiție al Municipiului Bucuresti creart - Centrul de Creație Artă și Tradiție al Municipiului Bucuresti
italradio italradio
Institutul Confucius Institutul Confucius
BUCPRESS - știri din Cernăuți BUCPRESS - știri din Cernăuți

Mitgliedschaften

Euranet Plus Euranet Plus
AIB | the trade association for international broadcasters AIB | the trade association for international broadcasters
Digital Radio Mondiale Digital Radio Mondiale
News and current affairs from Germany and around the world News and current affairs from Germany and around the world
Comunità radiotelevisiva italofona Comunità radiotelevisiva italofona

Provider

RADIOCOM RADIOCOM
Zeno Media - The Everything Audio Company Zeno Media - The Everything Audio Company