Wer kämpft im Kriegsfall?
Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin - dieses Bonmot beschäftigt nicht nur Militärplaner sondern auch Soziologen. Russlands Krieg gegen Rumäniens Nachbarstaat Ukraine macht zwar an der Grenzen halt, aber die neue Sicherheitskonjunktur beeinflusst die Gesellschaft. Unlängst sagte der Generalstabschef, Rumänien müsse fit für alle Krisen sein, Kriege eingeschlossen. Doch wer soll im Ernstfall kämpfen?
Roxana Vasile, 28.01.2026, 18:24
Mitte Januar hat Rumäniens Präsident Nicușor Dan ein neues Gesetz zur Vorbereitung der Bevölkerung auf die Landesverteidigung unterzeichnet.
Die erste Umsetzungsphase ist für Februar bis März vorgesehen. Dem Gesetz nach können junge Menschen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren – Männer und Frauen mit ständigem Wohnsitz in Rumänien – freiwillig einen viermonatigen militärischen Grundausbildungsdienst absolvieren. Dabei lernen sie den Umgang mit verschiedenen Waffentypen und nehmen an Kursen zur Orientierung im Gelände, zur Dekontamination oder zur Ersten Hilfe teil. Unterkunft, Verpflegung und medizinische Betreuung werden bereitgestellt. Am Ende des Dienstes erhalten die Teilnehmenden zudem eine Aufwandsentschädigung in Höhe von drei durchschnittlichen Bruttomonatsgehältern. Für die Behörden ist jedoch entscheidend, dass die jungen Menschen nach den vier Monaten entweder an einer Auswahl teilnehmen können, um Berufssoldaten unter Vertrag bei der Armee zu werden, eine weiterführende Ausbildung im militärischen Bereich einschlagen oder als freiwillige Reservisten verbleiben.
Warum ein solches Gesetz in Rumänien notwendig war, das erklärt der Journalist und Militärexperte Ion Petrescu, Oberst a. D.: „Eine starke Armee bedeutet eine freie Gesellschaft, in der die Bürger ruhig ihrem beruflichen Weg nachgehen können, ihre Einkommen gesichert sind und sie eine optimistische Perspektive für ihre Familien haben. Die Armee ist das, was im ländlichen Raum – wenn Sie so wollen, in einem etwas gewagten, aber notwendigen Vergleich – der Wachhund im Hof eines umsichtig handelnden Bauern ist. Denn wie wir sehen, braucht es den Schutz der Grenzen von Staaten, die sonst Aggressionen ausgesetzt sein könnten, die man sich noch vor Kurzem nicht vorstellen konnte. Es handelt sich also um ein von Präsident Nicușor Dan ausgefertigtes Gesetz, das das nationalen Militärkorps stärkt und zugleich dem nationalen Interesse dient – damit Rumänien ein souveränes Land bleibt, seine territoriale Integrität gewahrt bleibt und es zugleich fähig ist, seinen Status als NATO-Mitglied und Mitgliedstaat der Europäischen Union zu sichern.“
Rumänien hat sowohl einen Mangel an aktiven Soldaten als auch an Reservisten. Die Reserve befindet sich zudem in einem natürlichen Alterungsprozess und besteht überwiegend aus Personen, die den bis 2007 verpflichtenden Wehrdienst abgeleistet haben, der damals ausgesetzt wurde. Staaten wie Polen haben mit der Abschaffung der Wehrpflicht früh erkannt, wie wichtig eine junge, erneuerte und kontinuierlich ausgebildete Reserve ist. In Rumänien hingegen spielte die Reserve seit 2007 kaum noch eine Rolle. Das aktuelle Gesetz zur Vorbereitung der Bevölkerung auf die Verteidigung – also zum schrittweisen Wiederaufbau der Reserve – ist daher zur allerhöchsten Zeit verabschiedet worden, mit einer Verzögerung, die einige Militärexperten als verantwortungslos bezeichnen – Oberst a. D. Ion Petrescu relativiert diese Sichtweise „Zum Zeitpunkt der Abschaffung der Wehrdienstpflicht hatten wir eben andere Zustände, und es gab eine Tendenz zur Entspannung der militärischen Lage in Europa. Die Realität hat gezeigt, dass diese demokratische Entwicklung in Mittel- und Westeuropa nicht von ähnlichen Maßnahmen im Osten begleitet wurde, wo eine nukleare Supermacht, also Russland, weiterhin aus einer alten, sowjetisch geprägten Perspektive auf ihre Nachbarstaaten blickt. Wir können nicht gleichgültig sein. Allein schon, weil wir in Europa leben und uns an unseren Grenzen Nachbarn wünschen, die konstruktiv in eine gemeinsame Zukunft der internationalen Zusammenarbeit schauen. Derzeit erleben wir andernorts geopolitische Monologe mit sichtbaren Folgen.“
Nach Ansicht des Militärexperten könnte ein militärischer Ausbildungsdienst für viele junge Rumänen den Schritt aus einer Phase der Unsicherheit in eine Situation bedeuten, in der sie spüren, dass ihre Fähigkeiten und Kenntnisse zählen, wie Petrescu verdeutlicht: „Die Realität des Schlachtfelds zeigt, dass der Einsatz von Drohnen zu einer Konstante geworden ist, ebenso der Einsatz junger Menschen mit Computerkenntnissen. Wir erleben also auch eine Verlagerung militärischer Auseinandersetzungen in den Bereich der elektronischen Kriegsführung. Es braucht geschulte Köpfe, engagierte Köpfe, um sich in speziellen Einheiten für elektronische Kriegsführung und zur Abwehr von Maßnahmen einzubringen, die auf die Erzeugung von Verwirrung abzielen – wie wir es in anderen Ländern gesehen haben. Der Beitrag der jungen Menschen zu diesem nationalen Einsatz wird in einem neuen Rahmen stattfinden, in dem zählt, was sie heute wissen und was sie hinzulernen können, damit sie sich als nützlich für ihre Kampfgruppe, für das Korps und letztlich für die Verteidigung Rumäniens empfinden. Das sind keine großen Worte!“
Offen bleibt jedoch, wie viele junge Menschen – Männer wie Frauen zwischen 18 und 35 Jahren – tatsächlich bereit sein werden, sich für dieses Verteidigungsprogramm anzumelden. Die in den vergangenen Jahren durchgeführten Meinungsumfragen liefern sehr unterschiedliche Ergebnisse. Laut dem „Sicherheitsbarometer Rumäniens“, das 2022 vom Labor für die Analyse des Informationskriegs und der Strategischen Kommunikation (LARICS) und der Rumänischen Akademie erstellt wurde, antwortete auf die Frage „Was würden Sie tun, wenn Rumänien angegriffen würde?“ nur etwa ein Drittel der Befragten, dass sie sich nach ihren Möglichkeiten an der Verteidigung beteiligen würden. Ein weiteres Drittel würde zunächst abwarten, wie sich die Lage entwickelt, und das restliche Drittel würde fliehen oder sich gemeinsam mit der Familie verstecken. Von denen, die erklärten, das Land nicht verteidigen zu wollen, sagten die meisten, dies sei Aufgabe der Militärs. Andere verwiesen auf familiäre Verpflichtungen oder erklärten, sie würden nicht in den Krieg ziehen, um – Zitat – „das Vermögen der Korrupten und Schlauen zu verteidigen“. Ein Jahr später, 2023, gaben laut einer Umfrage von INSCOP Research über die Hälfte der Rumänen – 50,5 Prozent – an, für ihr Vaterland kämpfen zu wollen, fast 20 Prozent würden auswandern und mehr als 11 Prozent sich verstecken, bis der Krieg vorbei sei. Die jüngste Umfrage zu diesem Thema, durchgeführt von Avangarde und Anfang dieses Jahres veröffentlicht, zeigt schließlich, dass die Hälfte der Rumänen die Wiedereinführung des verpflichtenden Wehrdienstes befürwortet, während die andere Hälfte diese Idee ablehnt. Zudem sind fast drei Viertel – 74 Prozent – überzeugt, dass Rumänien im Falle eines Angriffs von der NATO verteidigt werde.