Debatte über Verbote sozialer Medien für Kinder erreicht auch Rumänien
Die Digitalisierung hat die Entwicklung von Kindern und ihres Umfelds neurologisch, psychologisch, sozial und kulturell geprägt - und zwar über Generationen hinweg. Nicht die Geräte an sich bestimmen jedoch ein bestimmtes Verhalten, sondern die Entscheidungen darüber, wie ein Kind seine Zeit verbringt, worauf es seine Energie richtet, mit wem und wie es online in Kontakt tritt und wie es sich selbst wahrnimmt.
Roxana Vasile, 25.02.2026, 13:17
Fast 80 Prozent der Kinder in Rumänien surfen ohne jede Einschränkung im Internet. Das geht aus einer soziologischen Studie der Organisation Salvați Copiii – Rettet die KInder – hervor. Mehr als ein Drittel der 12- bis 14-Jährigen hat öffentliche Profile in sozialen Netzwerken. Das erleichtert den Kontakt mit Fremden – fast die Hälfte wurde online von Unbekannten angesprochen, ein Drittel berichtet von Belästigungen oder unangenehmen Kontakten. Über zwei Drittel der Kinder sind mit belastenden Inhalten konfrontiert worden, doch nur fünf Prozent haben sich an einen Erwachsenen gewandt. Werbung für Alkohol, Tabak oder Medikamente erreicht die meisten Kinder, vor allem ältere Jugendliche. Gefährliche sogenannte Challenges sind für 60 Prozent sichtbar, ein Teil macht sogar mit. Zwei von zehn rumänischen Kindern zwischen 11 und 15 Jahren zeigen zudem Entzugserscheinungen, wenn ihnen der Zugang zu Handy oder anderen Geräten genommen wird.
Was ist zu tun? Ein von Abgeordneten der Liberalen Partei eingebrachter Gesetzentwurf sieht vor, Medien- und Digitalbildung als Pflichtfach in der Mittel- und Oberstufe einzuführen. Ziel ist es, Kompetenzen für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Netz zu vermitteln. Laut dem Abgeordneten Ionuț Stroe gehört Rumänien zu den letzten EU-Staaten ohne ein solches Fach im Lehrplan: „Wir haben alle möglichen mit künstlicher Intelligenz bearbeiteten Clips gesehen, die den Sinn vieler Ereignisse oder Realitäten, in denen wir leben, stark verfälschen. Falsche Nachrichten ohne jede Quelle werden verbreitet und lösen bestimmtes Verhalten aus. Wir haben Herausforderungen für Kinder gesehen, die sich stark verbreiten und leider zum Trend werden. Wir haben Betrugsfälle und falsche Konten gesehen, die versuchen, sie zu ködern, ihnen persönliche Daten zu stehlen oder viele andere Dinge, die interessant für Leute sind, die diese Technologien für ganz andere Zwecke nutzen.“
Parallel zur digitalen Bildung will die Europäische Kommission die Regeln zur Verantwortung von Plattformbetreibern verschärfen. Denn die Probleme betreffen die ganze EU. Im Europäischen Parlament wurde bereits ein Maßnahmenplan der Brüsseler Exekutive debattiert. Nicu Ștefănuță, Vizepräsident des EU-Parlaments, sprach sich dafür aus, Cybermobbing als Straftat einzustufen: „Eine Altersgrenze für soziale Netzwerke ist etwas, das man immerhin abwägen sollte. Die Franzosen haben das nicht ohne Grund getan. Soziale Netzwerke sind mit einem Algorithmus gemacht, der abhängig macht. Also müssen wir überlegen, was wir in der Schule verbieten – wir verbieten dort bereits Alkohol, wir verbieten das Rauchen… Vielleicht sollte auch das Handy nicht jeden Tag Teil der Schule sein, ebenso wenig die sozialen Netzwerke!“
In Bukarest gehen die Meinungen noch auseinander. Die Organisation Salvați Copiii fordert ein vollständiges und ausnahmsloses Verbot sozialer Netzwerke für Kinder unter 13 Jahren. Für 13- bis 15-Jährige soll der Zugang nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Eltern möglich sein, sagt George Roman, Programmdirektor der Organisation: „Es braucht ein Verbot unter 13 Jahren, aber technisch gut umgesetzt. Und bei 13- bis 15-Jährigen reden wir nicht nur von einer einfachen Zustimmung, sondern von einer ‚nachgewiesenen elterlichen Zustimmung‘. Das heißt, die Eltern müssen sicherstellen, dass es eine Lösung zur elterlichen Kontrolle auf dem Telefon gibt, die das Kind nicht nur vor Netzwerken schützt, sondern generell vor vielen anderen Seiten, die nicht als soziale Medien organisiert sind, Seiten mit missbräuchlichem Material, mit extremer Gewalt, die Kinder zum Ansehen pornografischer Inhalte für Erwachsene oder sogar zur Produktion solcher Materialien gegen Geld einladen. Wir sprechen also von einem deutlich stärkeren Schutz für 13- bis 15-Jährige, mit der Zustimmung, bestimmte Netzwerke zu nutzen, nachdem die Behörden überprüft haben, dass die Eltern all diese Sicherheitsaspekte im Blick haben.“
Politisch unterstützt auch der Leiter des Departements für Notfallsituationen, Raed Arafat, eine Einschränkung des Zugangs für Kinder und Jugendliche. Es gehe nicht um Zensur, sondern um den Schutz ihrer psychischen Gesundheit: „Kinder stehen unter massivem Einfluss. Wir müssen verstehen, dass wir in sozialen Netzwerken körperliche Gewalt sehen, dass Kinder dort Mobbing, psychischer Gewalt, Angriffen durch Mitschüler ausgesetzt sein können, stigmatisiert werden, unter Stress stehen – und das tut ihnen überhaupt nicht gut.“ Kindheit und Jugend dürften nicht dem Profit digitaler Plattformen geopfert werden, fügt Arafat hinzu. Ihm widerspricht Innenminister Cătălin Predoiu. Ein Totalverbot würde Frust und übermäßige Neugier erzeugen. Die Lösung könne nur in einer soliden Erziehung liegen. Kinder müssten lernen, Falschinformationen, Manipulation, Hassrede und toxisches Verhalten im Netz zu erkennen.
Egal wie die Lösung im Endeffekt aussehen wird, müsse die Sicherheit von Minderjährigen im Internet zur politischen Priorität werden. Nötig seien kohärente Maßnahmen zur Prävention, digitale Bildung und klare Eingriffe, die der heutigen Realität entsprechen. Ebenso müssten soziale Plattformen Verantwortung übernehmen – durch wirksame Sicherheitsregeln, Moderation schädlicher Inhalte und funktionierende Meldemechanismen. Entscheidend ist, dass das Wohl des Kindes an erster Stelle steht.