Europa der zwei Geschwindigkeiten: die wahre Lösung für die Umsetzung einer gemeinsamen EU-Politik?
Das Konzept eines Europas der zwei Geschwindigkeiten ist keineswegs neu und zählt zu den umstrittenen Zukunftsvisionen der Europäischen Union. Die Realität zeigt, dass sich die Mitgliedstaaten nicht im gleichen Tempo entwickeln.
Corina Cristea, 13.02.2026, 19:59
Vorgesehen wäre die Bildung eines Kerns – hauptsächlich bestehend aus den entwickelten westeuropäischen Ländern –, der in Bereichen wie wirtschaftlicher, fiskalischer oder militärischer Integration schneller voranschreitet, während andere Staaten in einem äußeren Kreis verbleiben und sich langsamer integrieren. Befürworter eines Europas der zwei Geschwindigkeiten argumentieren, dieses Modell sei notwendig, um Entscheidungsblockaden zu vermeiden. Angesichts einer Europäischen Union mit 27 Staaten, die unterschiedliche Interessen und Entwicklungsniveaus aufweisen, gestalte sich die rasche Verabschiedung gemeinsamer Politiken bisweilen schwierig. Indem man jenen Ländern, die dazu bereit sind, ein schnelleres Vorangehen ermögliche, könne die Union effizienter, wettbewerbsfähiger und besser an globale Herausforderungen angepasst werden.
Kritiker warnen hingegen vor einer zunehmenden Fragmentierung. Ein Europa der zwei Geschwindigkeiten berge die Gefahr, die Unterschiede zwischen Ost und West sowie zwischen wohlhabenderen und weniger entwickelten Ländern weiter zu vertiefen. Vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass „Europa, um in einer zunehmend unberechenbaren geopolitischen Lage zu bestehen, stärker und widerstandsfähiger werden muss und der Status quo keine Option mehr ist“, ist die Debatte jüngst vom deutschen Bundesfinanzminister Lars Klingbeil neu angestoßen worden.
Er schlägt die Bildung eines Kerns aus sechs Staaten vor, die in Schlüsselbereichen schneller voranschreiten sollen – mit dem Ziel, Wirtschaft und strategische Autonomie der Union zu stärken sowie Souveränität, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit der EU auszubauen. Gemeint sind die wirtschaftlich stärksten Länder der Union: Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Polen und die Niederlande. Der Diplomat Ovidiu Dranga, ehemaliger Botschafter Rumäniens: „Die Idee, die Frage der Wettbewerbsfähigkeit zur Diskussion zu stellen, halte ich für begrüßenswert. Sie ist jedoch nicht das einzige Thema, das im Zusammenhang mit einem Europa mehrerer Geschwindigkeiten angesprochen werden muss. Wir müssen auch an die Sicherheit denken und an weitere Dimensionen, die Europa in einem künftigen, äußerst harten Wettbewerb relevanter machen würden – einem Wettbewerb, in dem sich die Rahmenbedingungen nahezu von Jahr zu Jahr verändern.
Ein resilienteres Europa bedeutet ein Europa, das sich der Risiken, mit denen wir derzeit alle konfrontiert sind, stärker bewusst ist – und vor allem seiner Position gegenüber einigen wichtigen globalen Akteuren, allen voran in den Beziehungen zu den USA. Ein resilientes Europa heißt meiner Meinung nach nicht ein von Amerika abgekoppeltes Europa. Im Gegenteil: Es bedeutet ein Europa, das sensibler auf die Entwicklungen in den USA und auf die Positionierungen der aktuellen US-Administration in Fragen der globalen Sicherheit reagiert.“ Wie Reuters unter Berufung auf ein Schreiben des deutschen Bundesfinanzministers Lars Klingbeil an seine fünf Amtskollegen in den genannten Ländern berichtet, umfasst der deutsche Vorschlag einen Vierpunkteplan: die Vertiefung der Kapitalmarktunion, die Stärkung des Euro, eine bessere Koordinierung der Verteidigungsinvestitionen sowie die Sicherung des Zugangs zu Rohstoffen.
Demnach soll die Koalition der Länder den Aufbau einer Spar- und Investitionsunion beschleunigen, um europäischen Unternehmen bessere Finanzierungsbedingungen zu bieten. Der zweite Punkt zielt auf die internationale Rolle des Euro als stabile, auf Berechenbarkeit und Rechtsstaatlichkeit gegründete Reservewährung. Zugleich spricht sich der deutsche Finanzminister für einen Abbau der Bürokratie und eine Stärkung der Souveränität im Zahlungsverkehr aus.
Im Bereich der Verteidigung plädiert er für eine engere Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten und für eine klare Verankerung der Verteidigung als Priorität im nächsten Mehrjährigen Finanzrahmen der EU – mit dem Ziel, „die Verteidigung zu einem Wachstumsmotor“ der Wirtschaft zu machen. Darüber hinaus müssten die Anstrengungen zur Sicherung der Lieferketten für kritische Rohstoffe durch ein verstärktes strategisches Engagement mit internationalen Partnern intensiviert werden. „Eine Diskussion über ein Europa der zwei Geschwindigkeiten ist in ihrer Bedeutung vergleichbar mit der Debatte über die EU-Verfassung, die leider einmal gescheitert ist, weil sie in einigen wichtigen Mitgliedstaaten beim Volksentscheid keine Mehrheit fand.
Ich glaube nicht, dass wir an diesem Punkt sind. Das heißt, ich glaube nicht, dass es in den meisten Mitgliedstaaten eine kritische Masse gibt, die eine Entscheidung für ein Europa mehrerer Geschwindigkeiten herbeiführen könnte. Wir müssen uns entscheiden, welches Europa wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren haben wollen: Ein wettbewerbsfähiges Europa, ein stärker integriertes Europa als bisher, das ein globaler geopolitischer Akteur der Spitzenklasse ist? Oder geben wir uns mit einer Rolle zufrieden, die nicht unbedingt sekundär, aber auch nicht vorrangig ist, in dem globalen geopolitischen Wettbewerb, in dem wir Europäer manchmal vielleicht denken, dass es besser ist, in einem neu konzipierten, ausgewogenen Tandem mit den USA zu agieren?“ Vorerst, so fügt Ovidiu Dranga hinzu, sei es schwer zu sagen, inwieweit die Idee eines Europas der zwei Geschwindigkeiten tatsächlich umgesetzt werden kann.