Schäßburg – eine transsilvanische Märchenburg
Im Universum der Reiseziele gibt es nur wenige Orte, denen es gelingt, ihre Authentizität trotz rasanter Modernisierung zu bewahren. Sighișoara (dt. Schäßburg) jedoch scheint das Geheimnis eines perfekten Gleichgewichts gefunden zu haben.
Daniel Onea und Sorin Georgescu, 23.11.2025, 17:30
Die mittelalterliche Festungsstadt ist weit mehr als ein Freilichtmuseum – sie lebt und atmet im Rhythmus des 21. Jahrhunderts, ohne auch nur einen Augenblick ihre reiche Geschichte zu vergessen. Ihre Lebendigkeit verdankt sie Tag für Tag vor allem ihren Menschen. Und in Sighișoara ist einer dieser Menschen selbst zum Wahrzeichen des Ortes geworden: Dorin Stanciu, der Turmwächter und Trommler der Zitadelle. Seit 20 Jahren ist seine Präsenz untrennbar mit der Seele der Stadt verbunden.
Für Dorin Stanciu ist Sighișoara „das mittelalterliche Juwel Rumäniens“, eine Destination, die man Schritt für Schritt, Zunft für Zunft entdecken muss. Er erzählt die Geschichte der Stadt nicht nur – er verkörpert sie. Für ihn ist die gesamte Festung ein vielschichtiges Museum, das den Handwerkszünften gewidmet ist, die ihre Entwicklung geprägt haben.
„Schäßburg wird natürlich von nahezu jedem Rumänien-Reisenden mindestens einmal besucht, doch wir laden alle ein, zehnmal wiederzukommen. Es ist das mittelalterliche Juwel unseres Landes – eine Destination, die man in ihrer Tiefe erkunden sollte, durch ihre Zünfte und ihre Handwerkskunst. Unbedingt sehenswert ist der Stundturm, das einzige vertikal angelegte Geschichtsmuseum des Landes. Und natürlich das Zunfthaus, das Kartenhaus, die Klosterkirche und die Bergkirche. Eigentlich ist die ganze Festung ein einziges Museum. Sie ist die am besten erhaltene der sieben transsilvanischen Wehrburgen und zeigt einen echten ‘technologischen Fluss’ der alten Zünfte: Fleischer, Gerber, Kupferschmiede, Zinngießer, Kürschner, Lederer, Weber, Schneider, Schuhmacher, Schlosser, Böttcher und viele mehr. Schäßburg ist ein ganz besonderer Ort – und wir sollten diese außergewöhnliche Geschichte bewahren und weitertragen.“
Doch der Zauber der Stadt liegt nicht nur im Stein, sondern auch in der besonderen menschlichen Begegnung. Der Trommler ist nicht einfach ein Stadtführer – er ist Gastgeber. Seine Begrüßung der Gäste in Dutzenden von Sprachen, von Hebräisch bis Japanisch, ist längst ein Erlebnis für sich. Es ist nicht nur eine nette Anekdote, sondern ein Akt der Gastfreundschaft, der Barrieren verschwinden lässt und sofort Nähe schafft. Es ist ein Ausdruck des weltoffenen Geistes einer Stadt, die seit Jahrhunderten Menschen aus aller Welt empfängt.
„Die Touristen sind immer begeistert, wenn ich sie begrüße. Ich heiße sie in 60 Sprachen willkommen – ein einzigartiger Moment in Rumänien und vielleicht sogar weltweit. Kommen Besucher aus Israel, spreche ich sie in ihrer Sprache an, ebenso die Gäste aus Japan. Dadurch entsteht eine besondere Energie. Menschen aus allen Ecken der Welt kommen hierher – und nehmen etwas von der Energie des ‘lebendigen Trommlers’ mit, einer historischen Figur, die einst vier Funktionen zugleich hatte: Feuerwehrmann, Hornist, Nachtwächter und eben Trommler.“
Die Vergangenheit wird in Schäßburg nicht nur erzählt – sie wird lebendig. Eine neue Initiative bringt jeden Samstagabend Figuren in mittelalterlichen Kostümen zusammen, die den traditionellen Rundgang des Nachtwächters nachstellen und, wie im 17. Jahrhundert, den Ruf „Ruhe!“ durch die Gassen hallen lassen. Touristen dürfen sich der Wache anschließen und werden so selbst zu Akteuren der Geschichte. Diese lebendige Tradition verbindet sich mit den Legenden der Stadt. Als zertifizierter Stadtführer versteht es der Trommler, eine Führung durch die Festung in ein Abenteuer zu verwandeln – mit Geschichten wie jener über die berühmte Schülertreppe, die Besucher jeden Alters fesseln.
Diese Vitalität wird ergänzt durch die Vision der lokalen Verwaltung, die den Ausgleich zwischen dem Leben der Einheimischen und den Erwartungen der Gäste wahrt. Ioana Curuți-Popa, Pressesprecherin der Lokalverwaltung, beschreibt eine Stadt, die nicht nur für die sommerliche Hochsaison lebt. Das ganze Jahr über werden Veranstaltungen geplant: vom Weihnachtsmarkt und der Silvesterfeier auf dem Burgplatz über die Einrichtung einer Eisbahn am Fuß der Zitadelle bis hin zu den Vorbereitungen für die 31. Ausgabe des berühmten „Mittelalterfestivals Sighișoara“.
„Wir möchten vor allem, dass sich alle Besucher bei uns wohlfühlen – wie zu Hause. Gleichzeitig achten wir darauf, ein wichtiges Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen der Einheimischen und den Erwartungen der Gäste zu erhalten. In den kommenden Wochen wird der Burgplatz erneut zum Treffpunkt für Einheimische und Besucher, wenn vom 1. Dezember bis 4. Januar der Weihnachtsmarkt eröffnet – mit stimmungsvollen Kulissen und warmer Atmosphäre. Außerdem feiern wir zum ersten Mal seit vielen Jahren den Jahreswechsel wieder mit einer Open-Air-Party, ebenfalls auf dem Burgplatz. Am Fuß der Zitadelle wird eine Eisbahn aufgebaut, auf die sich viele bereits freuen. Und natürlich blicken wir schon auf den Sommer, wenn wir vom 24. bis 26. Juli die 31. Ausgabe des Mittelalterfestivals feiern.“
Der Weihnachtszauber von Sighișoara bleibt dabei ganz authentisch. Selbst der Weihnachtsmann passt sich der lokalen Tradition an und kommt – ganz originell – auf Schlittschuhen, um Geschenke zu verteilen. Doch wichtiger als Lichter, Dekorationen und der Trubel der Geschenke ist die Atmosphäre, die Besucher wie Einheimische gleichermaßen zur Ruhe kommen lässt.
So erweist sich Schäßburg als ganzjährige Destination, die in jedem Monat fasziniert. Ob Sie sich vom einzigartigen Stadtbild anziehen lassen, von den lebendigen Geschichten des Trommlers, von den Werkstätten der Handwerksmeister oder von der warmen Winterstimmung – die Festung bietet ein seltenes Erlebnis: das Gefühl, dass die Zeit für ein paar Tage langsamer läuft und der Besucher Teil der Geschichte wird. Besonders im Winter entfaltet Schäßburg eine neue Magie. Wenn Nebel über die steilen Dächer zieht und Schnee das Kopfsteinpflaster bedeckt, wirkt die Zitadelle wie einem Märchen entsprungen.