Häusliche Gewalt: Wenn Schutz nötig wird
In den ersten sieben Monaten dieses Jahres musste die Polizei im nordostrumänischen Kreis Neamț mehr als 3 300 Mal wegen häuslicher Gewalt oder entsprechender Konflikte einschreiten. Insgesamt wurden 3.359 Fälle registriert. Fast zwei Drittel davon ereigneten sich auf dem Land.
Ion Puican und Sorin Georgescu, 23.09.2026, 17:30
Knapp 3 200 Meldungen von häuslicher Gewalt gingen über den Notruf 112 ein. In 990 Fällen stellte die Polizei eine Straftat fest. 348 davon ereigneten sich in Städten, 642 im ländlichen Raum. Die Polizei führte insgesamt mehr als 3 200 Gefährdungsbeurteilungen durch. In 803 Fällen wurde eine unmittelbare Gefahr festgestellt. 476 vorläufige Schutzanordnungen wurden erlassen. 438 davon bestätigte die Staatsanwaltschaft, 127 wurden in endgültige Schutzanordnungen umgewandelt. 43 Tatverdächtige wurden elektronisch überwacht. Bei 40 Personen ist diese Maßnahme derzeit noch aktiv. Außerdem registrierte die Polizei 200 Verstöße gegen Schutzanordnungen.
Über die Situation im Kreis Neamț haben wir mit der Polizeikommissarin Nicoleta Tablan vom Referat für öffentliche Ordnung gesprochen.
„Wir sprechen tatsächlich von mehr als 3 300 Fällen, in denen die Polizei in den ersten sieben Monaten dieses Jahres wegen Konflikten oder häuslicher Gewalt einschreiten musste. Hinter jedem einzelnen Einsatz stehen jedoch Menschen, stehen Familien – und oft auch Opfer, die in ständiger Angst leben. Wir dürfen diese Zahlen deshalb nicht nur als Statistik betrachten. Sie sind ein klares Zeichen dafür, dass häusliche Gewalt nach wie vor ein reales Problem ist und dass sowohl das schnelle Eingreifen der Polizei als auch die Prävention in solchen Situationen von großer Bedeutung sind.
Dass die Opfer Hilfe suchen und die Polizei einschalten, ist für uns ein positives Zeichen. Es bedeutet, dass Fälle von Gewalt in der Familie nicht mehr in demselben Maße hinter verschlossenen Türen verborgen bleiben. Es bedeutet aber auch, dass die Opfer Vertrauen in die Polizei und in die Schutzmaßnahmen haben, die durch vorläufige Schutzanordnungen getroffen werden können.“
Die Situation im Kreis Neamț steht dabei nicht für sich allein. Auch landesweit sind die Zahlen hoch. Nach Angaben der rumänischen Polizei gab es in den ersten sechs Monaten dieses Jahres fast 73 000 Einsätze wegen häuslicher Gewalt. Mehr als die Hälfte davon entfielen auf den ländlichen Raum. Im Kreis Neamț ist häusliche Gewalt besonders häufig in ländlichen Gemeinden festzustellen. Doch woran liegt das? Polizeikommissarin Nicoleta Tablan hat eine Antwort darauf:
„Ich glaube, es ist sehr wichtig, hier nicht zu verallgemeinern. Häusliche Gewalt gibt es sowohl auf dem Land als auch in den Städten. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass wir es in ländlichen Gebieten manchmal mit kleineren Gemeinden zu tun haben und mit einer größeren finanziellen Abhängigkeit. Hinzu kommen fehlende Arbeitsplätze oder auch die Entfernung zu bestimmten Hilfsangeboten. All das kann dazu führen, dass ein Opfer das Gefühl hat, keine andere Möglichkeit zu haben. In manchen Fällen weiß das Opfer nicht, wohin es gehen oder wo es Unterstützung finden kann. Deshalb ist es sehr wichtig, dass die Menschen wissen: Der erste Schritt kann ganz einfach sein – nämlich um Hilfe zu bitten. In einer akuten Notsituation muss die 112 gewählt werden.“
Eine unmittelbare Gefahr wurde im Kreis Neamț in 803 Fällen festgestellt. Doch was bedeutet „unmittelbare Gefahr“ konkret? Polizeikommissarin Nicoleta Tablan erklärt:
„Eine unmittelbare Gefahr bedeutet, dass die Polizei bei der Beurteilung der Situation feststellt, dass tatsächlich und unmittelbar die Gefahr besteht, dass das Opfer Gewalt ausgesetzt wird oder dass die Situation eskaliert. Die Beurteilung wird von den Polizisten vor Ort vorgenommen und ist keineswegs oberflächlich. Sie analysieren die konkreten Umstände, das Verhalten des Täters, etwaige Drohungen, Gewalthandlungen und alle anderen Faktoren, die auf eine Gefahr für das Opfer hindeuten können.
In diesem Moment hat die Sicherheit der gefährdeten Person absolute Priorität. Auch bei der Gefährdungsbeurteilung wird alles aus dieser Perspektive betrachtet. Stellt die Polizei eine solche Gefahr fest, geht es zunächst darum, die Gefahr abzuwenden und das Opfer zu schützen. Je nach konkreter Situation und Ergebnis der Beurteilung erlässt die Polizei eine vorläufige Schutzanordnung und ordnet damit die gesetzlich vorgesehenen Maßnahmen an.
Auch das Opfer wird über seine Rechte und die Möglichkeiten informiert, die es in dieser Situation hat. Wichtig ist: Der Einsatz endet nicht einfach mit dem Wegfahren des Polizeiteams. Der Fall wird dokumentiert und je nach Situation werden weitere gesetzliche Maßnahmen zum Schutz des Opfers eingeleitet.“
476 vorläufige Schutzanordnungen hat die Polizei im Kreis Neamț erlassen. In 200 Fällen wurden die darin festgelegten Maßnahmen verletzt. Wie wirksam ist eine solche Schutzanordnung tatsächlich?
„Eine Schutzanordnung ist ein sehr wichtiges Instrument für die Sicherheit des Opfers. Sie legt klare Einschränkungen für den Täter fest. Jeder Verstoß dagegen muss der Polizei unverzüglich gemeldet werden. Die 200 Fälle, in denen gegen die Maßnahmen der vorläufigen Schutzanordnungen verstoßen wurde, zeigen, wie wichtig es ist, dass ein Opfer einen solchen Verstoß nicht ignoriert, sondern in jedem einzelnen Fall sofort die Polizei verständigt.“
Und was ist mit Menschen, die in einer gewalttätigen Beziehung leben? Menschen, die vielleicht gerade zuhören und nicht wissen, ob sie tatsächlich die 112 anrufen sollen? Wir haben diese Frage zum Schluss noch einmal der Polizeikommissarin Nicoleta Tablan gestellt.
„Hilfe muss gesucht werden, wenn Gewalt oder Drohungen im Spiel sind oder wenn man um die eigene Sicherheit oder die Sicherheit der Kinder fürchtet. Wenn unmittelbare Gefahr besteht, muss als Erstes die 112 angerufen werden. Das Opfer sollte nach Möglichkeit versuchen, sich vom Täter zu entfernen und einen sicheren Ort aufzusuchen.
Ich möchte eine sehr wichtige Botschaft vermitteln: Man muss nicht auf den nächsten Übergriff warten, bevor man Hilfe sucht. Wenn es Anzeichen dafür gibt, dass die Situation eskaliert, sollte man mit einer Vertrauensperson sprechen, die Behörden kontaktieren und fachkundige Unterstützung suchen.
Gewalt ist nicht normal. Sie ist keine Privatsache – und vor allem ist das Opfer nicht selbst daran schuld.“