Bildungsgefälle in der EU: Wie relevant sind PISA-Tests?
Bei den jüngsten PISA-Tests lag Rumänien auf dem drittletzten Platz der Europäischen Union. Doch wie beunruhigend ist dieses Ergebnis tatsächlich? Und sagt es etwas über das gesamte Potenzial der 15-Jährigen aus – oder gar über den Zustand einer ganzen Generation?
Roxana Vasile und Sorin Georgescu, 30.09.2026, 17:30
PISA – das steht für „Programme for International Student Assessment“ und ist die weltweit umfangreichste internationale Bildungsstudie. Die von der OECD initiierte Untersuchung misst die grundlegenden Kompetenzen 15-jähriger Schüler in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Gleichzeitig werden Informationen über die Bildungssysteme der teilnehmenden Länder gesammelt, um deren Stärken und Schwächen vergleichen und notwendige Reformen ableiten zu können.
An den PISA-Tests 2025 nahmen in Rumänien rund 10 000 15-Jährige aus etwa 320 Schulen und Gymnasien in Städten und auf dem Land teil. Im Vergleich zur vorherigen Erhebung blieben die Ergebnisse in Mathematik und Naturwissenschaften relativ stabil. Beim Lesen gab es dagegen einen deutlichen Einbruch. Nur 48 Prozent der rumänischen Schüler erreichten in Mathematik das grundlegende Kompetenzniveau. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 65 Prozent. Beim Lesen waren es 52 Prozent gegenüber 69 Prozent im OECD-Schnitt, in den Naturwissenschaften 54 gegenüber 74 Prozent. Gleichzeitig erreichten nur vier Prozent der rumänischen Schüler in Mathematik ein hohes Leistungsniveau, zwei Prozent in den Naturwissenschaften und lediglich ein Prozent beim Lesen.
Die PISA-Daten bestätigen außerdem große sozioökonomische Unterschiede. Besonders benachteiligt sind Schulen in ländlichen Regionen. Nach Angaben der OECD gehört Rumänien zu den zehn von mehr als 90 untersuchten Ländern mit den größten Ungleichheiten zwischen den Schulen.
Der Bildungsexperte Marian Staș, Präsident des Vereins „Clubul Liderii Mileniului Trei“ (dt. Spitzenreiter des Dritten Jahrtausends), hält es deshalb für wichtig, die PISA-Ergebnisse ernst zu nehmen:
„Natürlich sind nicht die Noten, nicht die Ranglisten und auch nicht die Platzierung an sich entscheidend. Schließlich machen wir nicht deshalb Schule, um bei PISA gut dazustehen. Aber PISA ist eine Folge, ein Effekt einer sehr, sehr tiefgreifenden Ursache: der grundlegenden Unfähigkeit des rumänischen Schulsystems, den Realitäten des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden.“
Ein hartes Urteil. Doch Marian Staș verweist auf ein Problem, das trotz zahlreicher Reformen im rumänischen Bildungswesen in den vergangenen fast 40 Jahren kaum angegangen wurde: fehlende grundlegende Kompetenzen.
„Leider sind der funktionale Analphabetismus – ich lese, weiß aber nicht, was ich lese, ich verstehe es nicht – und der mathematische Analphabetismus Symptome eines viel tiefer liegenden Problems. Die Schule fördert nämlich massenhaft einen logischen Analphabetismus. Diese Kinder lernen in der Schule nicht, zu denken, sie entwickeln keinen offenen Blick. Statistisch gesehen gibt es kaum Bildungsprozesse, die ihnen helfen, ihren Horizont zu öffnen, Ursache und Wirkung zu erkennen und Dinge zu interpretieren. Wenn ich zynisch wäre, würde ich sagen: Dumme Menschen sind wünschenswert für das System. Ich meine das überhaupt nicht als Scherz. Dahinter steckt eine teuflische Mischung aus Gewerkschaftswesen, Inkompetenz, politischer Unfähigkeit und einer verfehlten öffentlichen Politik.“
Das schwache Bildungssystem führt nach Einschätzung des Experten auch zu erheblichen sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten – zwischen Stadt und Land, aber auch bei der Verteilung von Ressourcen. Was müsste sich ändern?
„Wenn Sie mich fragen, wie man es anders machen könnte, wären zwei grundlegende Maßnahmen notwendig. Die eine müsste innerhalb des Bildungssystems ansetzen: eine Neugestaltung und ein struktureller Umbau der Schule als System. Die zweite wäre eine Veränderung der Verwaltungsstruktur Rumäniens. Rumänien kann im 21. Jahrhundert auf allen Ebenen kaum effizient funktionieren, wenn die Verwaltungsstruktur noch auf dem Niveau wie vor 50 Jahren arbeitet. Wie soll sie heute noch gute Ergebnisse in Wirtschaft, Gesundheit, Bildung oder Infrastruktur ermöglichen? Um Gottes willen, wir schreiben das Jahr 2026, wir leben im 21. Jahrhundert!“
Doch können die heutigen 15-Jährigen ohne tiefgreifende Reformen ein Niveau erreichen, das ihnen auf dem künftigen Arbeitsmarkt gute Chancen eröffnet? Marian Staș ist da eher skeptisch.
„Können diese jungen Leute gute Fachkräfte werden? Nein, natürlich nicht. Sicherlich könnte es sein, dass zwei, drei oder fünf Prozent es schaffen. Aber 90 Prozent nicht, weil sie nicht die Ausbildung bekommen, die sie brauchen. Das Gesundheitswesen ist da, um Erkrankungen zu heilen, das Verteidigungsministerium ist da, um uns zu schützen. Aber der einzige Produzent von qualifizierten Arbeitskräften – welcher Qualität auch immer – ist per se die Bildung.“
PISA ist damit ein wichtiger Indikator für den Zustand des Bildungssystems. Die Tests zeigen, ob eine Generation über grundlegende geistige Werkzeuge verfügt, die sie für den Arbeitsmarkt und die weitere gesellschaftliche Entwicklung braucht.
Doch PISA kann nicht das gesamte menschliche, kulturelle oder soziale Potenzial junger Menschen erfassen. Eine Generation besteht aus mehr als nur Lese-, Mathematik- und naturwissenschaftlichen Kompetenzen. Kultur, Werte, emotionale Intelligenz und die Fähigkeit zur Anpassung gehen weit über das hinaus, was standardisierte Tests messen können.