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Rumänien abseits der Wohlstandsblase auf sozialen Medien

Zwei Journalisten haben ein Buch voller sorgfältig dokumentierten Reportagen aus dem Alltag der Menschen hierzulande geschrieben.

Rumänien abseits der Wohlstandsblase auf sozialen Medien
Rumänien abseits der Wohlstandsblase auf sozialen Medien

, 28.12.2017, 09:59

Elena Stancu und ihr Partner und Berufsfotograf Cosmin Bumbuţ haben ihre Wohnung aufgegeben und vier Jahre lang das Land in einem Wohnmobil bereits. In ihrer Reportagesammlung mit dem Titel „Zuhause unterwegs — 4 Jahre kreuz und quer durchs Land“ haben sich die beiden nicht nur mit pastoralen Themen auseinandergesetzt, sondern auch mit dem Ernst des Lebens. Das erste Thema ihrer Karriere als wohnungsungebundene Journalisten war die nationale Tradition, Prügel als Erziehungsmethode einzusetzen. 63% der Kinder in Rumänien sind Opfer häuslicher Gewalt, besagt eine Studie der Organisation rettet die Kinder. Elena Stancu und Cosmin Bumbuţ recherchierten über zwei Fälle. Zwei Familien, die in extremer Armut in der Gemeinde Mironeasa im Landkreis Iaşi leben. Im 5000-Seelen-Ort leben die meisten Familien von der Sozialhilfe und von den Zuschüssen für ihre 5,6 oder 10 Kinder. Die zwei Fälle in Mironeasa sind keine Ausnahme, stellten die beiden Journalisten fest: „Sie sind Teil des banalen Alltags in einer Gemeinde in der Moldau. Familien, die wir überall in Rumänien sehen könnten. Und die wie leider auch antreffen, nicht nur in Mironeasa, sondern auch vielerorts. Denn die Menschen in Rumänien sind grö‎ßtenteils arm, sie haben keinen Zugang zu Bildung und deshalb gelingt es auch ihren Kindern nicht, aus diesem Kreis der Armut auszubrechen. Beim Gespräch mit der Familie Cojocaru musste ich mir Notizen auf einem Bierkasten machen, denn es gab keinen Tisch in ihrer Wohnung. Das einzige Mädchen, das zur Schule ging, weil sie die Schule sehr mochte, schrieb Hausaufgaben auf dem Bett. Im Buch zeigt eines von Cosmins Foto, wie das Mädchen sich anstrengt, auf dem Bett zu schreiben. Und diese Kinder werden ihrerseits ihren späteren Kindern nichts als diese Armut vererben können. Diese Familien sind keine Ausnahme, weil wir nicht nach Ausnahmen suchen wollten, sondern nach dem echten Rumänien. Und so sieht das dann aus. Nur ist es für uns schwer, das aus unserer eigenen Wohlstandsblase in Bukarest, Cluj oder Craiova zu begreifen“, sagt Elena Stancu.



Ihr Partner, der Fotograf Cosmin Bumbuţ, wei‎ß von haarsträubenden Fällen zu berichten — und nicht nur in armen Familien: „Vor drei Jahren, als wir mit dieser Reihe über Gewalt gegen Kinder begonnen haben, bereisten wir die armen Regionen, diskutierten mit Leuten im Gefängnis, dokumentierten aber auch Fälle in Familien von Intellektuellen. Und wir trafen auf Kinder von Intellektuellen, die zu leiden hatten. Dieses Material haben wir noch nicht bearbeitet, wir haben es nicht einmal auf unserer Internetseite gepostet. Aber wir haben verstanden, dass die Dinge identisch sein können. In Baia Mare haben wir einen Haftinsassen getroffen, der aus einer kinderreichen Familie stammte und sich an die Prügel erinnerte, die er von seinem Vater bezog. Und er erinnerte sich an einen extremen Vorfall, als sein Vater ihn über die Balkonbrüstung an einer Hand hielt und ihm drohte, ihn fallen zu lassen – Stichwort: ich habe dich gemacht, ich bringe dich jetzt um. Aber die gleiche Story erzählte mir die Tochter eines Bukarester Architekten.“



Die beiden Journalisten sto‎ßen ständig auf herzzerrei‎ßende Fälle, sind selbst aber grö‎ßtenteils hilflos: Maria Ioniţă, eine der Frauen, über die sie geschrieben haben, ist in diesem Sommer gestorben. Ein praktisch vorgrammiertes Ende für die Frau, die immer wieder von ihrem Mann vor den Kindern verprügelt wurde und die wiederholt von Sozialarbeitern ins Krankenhaus gebracht wurde — solche dinge passieren in einem Land, in dem niemand sich in die Familie des anderen einmischt, bedauert Elena Stancu: „Ich habe auf Facebook geschrieben, dass auch die anderen Frauen sich bei den Sozialarbeiterinnen beschweren und sagen, dass auch ihnen das gleiche Schicksal wie das von Maria Ioniţă bevorsteht. Dann hat uns jemand angeschrieben von einem Heim für OPfer häuslicher Gewalt, der mit den Sozialarbeiterinnen etwas unternehmen will. Die Stiftung OvidiuRo hat in der Gemeinde ein Projekt für Kinder gemacht, ein Freund von uns, der die Story aus Mironeasa gelesen hat und in einem Konzern arbeitet, hat Bücher- und Spielzeugspenden gesammelt und sie den Kindern geschickt“ — „aber“, sagt Elena Stancu, „das ist keine Methode, Probleme konsequent zu lösen. Auf nationaler Ebene gibt es keine zusammenhängende Strategie“, klagt sie.



Seit vier Jahren sind die beiden Journalisten unterwegs und haben mit Menschen im Gefängnis, Opfern extremer Armut, Behinderten, Analphabeten, ausgegrenzten Roma und vielen anderen diskutiert. „Elena und Cosmin sind meine Helden“, begeisterte sich der Rumäniens Bestseller-Autor und Literaturstar Mircea Cărtărescu. „Elena und Cosmin haben sich auf die Suche nach dem gelebten Leben begeben, das sich nicht in der standardisierten und gezähmten Welt offenbart, in der wir Kulturkonsumenten leben — sondern in totaler Armut, in heruntergekommenen Häusern, in unbeschreibbarer Gewalt, in gottverlassenen Gemeinden, in Gefängnissen und Ghettos“, schreibt Mircea Cărtărescu in seiner Rezension.



Erstaunlich ist, dass die beiden einen kühlen Kopf bewahren: „Das Land ist so, wie es in unserem Buch erscheint. Aber wir sind optimistisch. Denn unter den Leuten, die wir interviewt und fotografiert haben, gibt es anständige Leute. Wir sind ängstlich aufgebrochen, wurden aber überall gut empfangen. Alle werfen den Roma vor, dass sie nichts tun, um ihre Situation zu ändern — und das Hauptargument der Kritiker ist, dass sie selbst es geschafft haben. Sie haben studiert und einen gutbezahlten Job. Nur haben wir in diesen vier Jahren gesehen, dass nicht alle dafür geschaffen sind“, sagt der Fotograf. Die Zentrale Botschaft ihres Buches ist, dass Rumänien nicht das Land ist, das wir in unserer eigenen Facebook-Bubble sehen.

Alina Dumitriu
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