Wiederansiedlung: Der Gänsegeier kehrt nach Rumänien zurück
Das Fogarascher Gebirge in den Südkarpaten bereitet sich darauf vor, eine Vogelart wieder aufzunehmen, die früher als Wahrzeichen für die Fauna der Region galt und in der kommunistischen Zeit aus Rumänien verschwunden war: den Gänsegeier (wissenschaftliche Bezeichnung: Gyps fulvus). Die Stiftung Conservation Carpathia hat gemeinsam mit internationalen Partnern und mit Unterstützung der lokalen Gemeinschaften im Kreis Argeș ein umfangreiches Programm zur Wiederansiedlung dieser für das Ökosystem äußerst wichtigen Art gestartet.
Daniel Onea und Sorin Georgescu, 30.01.2026, 17:30
Robert Zeitz, Ornithologe und direkt am Projekt beteiligter Experte, erklärt, dass es in Rumänien früher große Geierpopulationen gab. Heute gelten sie als ausgestorben, und ihre Wiederansiedlung sei ein natürlicher Schritt zur Wiederherstellung des ökologischen Gleichgewichts.
„Es ist essenziell, diese Vögel wieder in unsere Fauna zurückzubringen, denn sie erfüllen eine wichtige hygienische Funktion. Der Gänsegeier ist ein strikter Aasfresser, er ernährt sich ausschließlich von Tierkadavern. Durch seine Anwesenheit wird das Ökosystem gesünder. Die wichtigsten Ursachen für sein Verschwinden waren Abschüsse, der Diebstahl von Eiern aus den Nestern und eine systematische, direkte Verfolgung. Hinzu kamen Giftkampagnen gegen pelztragende Beutegreifer wie Fuchs, Wolf oder Bär. Nach dem Beitritt Rumäniens zur Europäischen Union hat sich die Gesetzgebung positiv verändert, all diese Aktivitäten sind heute illegal. Die entscheidenden Faktoren, die zum Verschwinden der Geier geführt haben, existieren also nicht mehr. Auch wenn es noch einige – weniger bedeutende – limitierende Faktoren gibt, sind Fachleute der Ansicht, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist, damit der Gänsegeier alle historischen Lebensräume wiederbesiedelt, die er früher bewohnt hat.“
Risiken gibt es bei jedem Wiederansiedlungsprogramm, sie verringern sich jedoch deutlich, wenn lokale Gemeinschaften und die Veterinärbehörden aktiv eingebunden sind. Robert Zeitz betont, dass moderne Technologie und das Engagement der Menschen der Schlüssel zum Erfolg sind.
„Die Überwachung mit GPS-Sendern ermöglicht es, Risiken zu minimieren: mögliche Vergiftungsherde können sehr schnell erkannt werden, und die Verantwortlichen lassen sich zur Rechenschaft ziehen. Wir verfügen über moderne Methoden zur Ortung der freigelassenen Vögel, können ihre Bewegungen verfolgen und bei Problemen rasch eingreifen. In den allermeisten Fällen sind die Gemeinden begeistert. Es gibt zahlreiche positive Beispiele in Ländern wie Griechenland, Italien, Frankreich oder Spanien, wo die Anwesenheit von Geiern viele Besucher anzieht. So kann sich der lokale Tourismus entwickeln, was den Gemeinden zugutekommt. Auch der soziologische Aspekt ist wichtig: Geier ziehen Touristen an und schaffen Arbeitsplätze. Wir werden in der Gemeinde Valea Mare – Pravăț ein Informationszentrum, das ‹Haus der Geier›, errichten – nach dem Vorbild bestehender Zentren für Wisente oder Biber. Die lokale Bevölkerung profitiert auch wirtschaftlich. Da diese Vögel Kadaver fressen, könnten wir tote Tiere aus landwirtschaftlichen Betrieben kostenlos übernehmen und die Landwirte von den Kosten der Entsorgung entlasten.“
Die Vögel werden aus Spanien nach Rumänien gebracht, da dieses Land über eine der stabilsten Gänsegeierpopulationen Europas verfügt. Die Partner der Stiftung Conservation Carpathia haben Erfahrung mit Umsiedlungen und wissen, aus welchen Beständen geeignete Tiere entnommen werden können, erklärt der Ornithologe Robert Zeitz.
„Die Geier, die zu uns kommen, stammen aus Rehabilitationszentren. Es handelt sich um Vögel, die kleinere gesundheitliche Probleme hatten oder geschwächt waren, sich aber vollständig erholt haben und wieder ausgewildert werden können. Statt in Spanien freigelassen zu werden, kommen sie nach Rumänien. Derzeit wird bei Rucăr eine Eingewöhnungsvoliere gebaut. Nach ihrer Ankunft bleiben die Geier dort etwa sechs Monate, um sich an die Region und die Landschaft der Fogarascher Berge zu gewöhnen. Die Freilassung erfolgt nach der sogenannten Soft-Release-Methode: Die Voliere wird geöffnet, und die Vögel können selbst entscheiden, wann sie hinausfliegen, haben aber die Möglichkeit zurückzukehren. Diese Methode, die sich in anderen Ländern bewährt hat, reduziert Stress, und die Vögel neigen dazu, in der Region zu bleiben. Alle Exemplare werden mit Satellitensendern ausgestattet. Es handelt sich um junge Vögel, die ihre Reifephase hier verbringen werden. Mit vier bis fünf Jahren erreichen sie die Geschlechtsreife und beginnen dann, hier zu brüten. Es ist entscheidend, große Risiken wie Vergiftung oder Stromschlag zu eliminieren. Wenn dieses Projekt erfolgreich ist, könnten wir auch die Wiederansiedlung des Mönchsgeiers und des Bartgeiers in Betracht ziehen.“
Der Gänsegeier wiegt zwischen sechs und elf Kilogramm, erreicht eine Körperlänge von 93 bis 122 Zentimetern und eine Flügelspannweite von 2,4 bis 2,8 Metern. Das Weibchen legt pro Jahr ein einziges Ei, beide Eltern kümmern sich um das Jungtier, bis es selbstständig ist. Der Zeithorizont für den Wiederaufbau der Population ist lang und erfordert Geduld.
„Unser Plan ist es, über einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren jährlich zwischen 18 und 22 Tiere anzusiedeln. Wir hoffen, dass sich die ersten Paare in drei bis vier Jahren bilden und die ersten Eiablagen nach vier bis fünf Jahren stattfinden. Wir schätzen, dass wir in etwa acht bis zehn Jahren eine stabile, sich selbst erhaltende Gänsegeierpopulation in Rumänien haben werden. Es ist ein langsamer Prozess, da diese Vögel mehrere Jahrzehnte alt werden und ihr biologischer Rhythmus Geduld erfordert, um konkrete Ergebnisse zu sehen.“
Mit diesem Projekt schließt sich Rumänien den europäischen Bemühungen zur Wiederherstellung der Geierpopulationen an und folgt dem Beispiel jener Länder, denen entweder die Wiederansiedlung oder die Stabilisierung bestehender Bestände gelungen ist – vom Gänsegeier in Spanien, Frankreich und Bulgarien bis zum Bartgeier in der Schweiz, in Österreich oder in Deutschland. Die Rückkehr des Gänsegeiers nach 70 Jahren bedeutet mehr als die Korrektur eines historischen Fehlers: Sie ist ein Zeichen für die Reifung des Naturschutzes in Rumänien – ein Prozess, in dem Mensch und Natur wieder lernen, miteinander zu leben.