Saisonarbeiter in Österreich – unterbezahlt, überbeansprucht
Laut offiziellen Angaben lebten zu Beginn des Jahres 2025 rund 155.000 rumänische Staatsbürger in Österreich – Rumänien ist damit nach Deutschland und vor Bosnien-Herzegowina eines der wichtigsten Herkunftsländer von Einwanderern im Austro-Gebiet. Für einen Teil dieser Rumänen ist die landwirtschaftliche Saisonarbeit eine der wichtigsten Einkommensquellen – vor allem bei der Ernte von Spargel, Erdbeeren, Salat, Gurken oder Aprikosen.
Iulia Hau, 13.05.2026, 21:22
Ioana Popescu ist Doktorandin in Österreich und arbeitet ehrenamtlich für ein Projekt, das sich an Saisonkräfte richtet und vor mehr als zehn Jahren startete. Sie berichtet über die Schwierigkeiten, mit denen Rumänen dort konfrontiert sind, und über die Arbeit der Aktivisten, mit denen sie kooperiert. Laut Ioana Popescu bekommen die Landwirtschaftskräfte häufig nur fünf bis sechs Euro pro Stunde und arbeiten weit mehr als das gesetzlich vorgeschriebene Maximum von zwölf Stunden täglich beziehungsweise 60 Stunden wöchentlich. Außerdem werde die Mindestpause von 30 Minuten nicht eingehalten, und die Menschen arbeiteten manchmal auch sonntags – Samstagsarbeit sei ohnehin so gut wie die Regel.
„Ich bin seit fast zwei Jahren in dieser Initiative aktiv. Im Großen und Ganzen beobachten wir, dass die Leute unter dem gesetzlichen Minimum bekommen. Das liegt zum Beispiel in Wien bei rund neun Euro netto pro Stunde. Das ist der Betrag, den grundsätzlich jeder bekommen sollte. Man kann natürlich auch mehr bekommen, je nachdem, was man aushandelt oder was der Arbeitgeber anbietet. Eines der größten Probleme ist also, dass die Leute nicht das bekommen, was ihnen zusteht.“
Dazu kommt, dass Arbeiter einer starken Hitzebelastung ausgesetzt sind – sowohl durch den Klimawandel als auch dadurch, dass die Arbeitstage nicht so gestaltet werden, dass die Menschen in den heißesten Stunden im Schatten bleiben. Viele Arbeiter berichten, dass sie unter Bluthochdruck und Erbrechen leiden und in Gewächshäusern, wo es sehr heiß ist, oder auf dem Feld, wo sie direkt der Sonne ausgesetzt sind, keine Schutzausrüstung erhalten.
Doch ein weiterer Trend ist der zunehmende Einsatz von Arbeitern aus Nicht-EU-Ländern, bemerkt Ioana Popescu:
„Wir stelllen seit letztem Jahr fest, dass vermehrt Personen aus Asien eingestellt werden – zum Beispiel aus Nepal, Vietnam oder Indien – und dass damit die billige Arbeitskraft aus Osteuropa, auf die man sich bislang stützte, gewissermaßen ersetzt wird: durch Arbeitskräfte, die nicht nur noch billiger sind, sondern sich auch leichter kontrollieren lassen.“
Laut Ioana Popescu liegt die erhöhte Schutzbedürftigkeit von Personen von außerhalb der Europäischen Union darin, dass sie einen unsicheren rechtlichen Stand haben. EU-Bürger brauchen kein Visum und können ihren Arbeitgeber jederzeit wechseln, während Arbeitnehmer, die mit einem Arbeitsvisum kommen, vollständig vm jeweiligen Arbeitgeber abhängig sind, der sie nach Österreich geholt hat. Außerdem berichtet die Doktorandin, dass asiatische Arbeiter horrende Summen zahlen, um nach Österreich zu gelangen – Kosten, die sie dann nach und nach aus ihren Löhnen abarbeiten müssen.
„Unser Ziel ist es, möglichst viele Arbeiter über ihre Rechte zu informieren. Dazu gehen wir direkt vor Ort und verteilen Flyer. In die Gewächshäuser kommen wir zwar nicht rein, aber auf dem Feld stellen wir uns einfach hin, reden mit den Leuten und verteilen Flyer. Außerdem haben wir in Semmering, einem Wiener Stadtteil in der Nähe von Gewächshäusern, einen Deutschkurs organisiert haben. Dort arbeiten sehr viele Arbeiter bei der Gemüseernte. Neben der Möglichkeit, Deutsch zu lernen, wollten wir dort auch einen Gemeinschaftsraum anbieten. Das hat nicht besonders gut funktioniert, aber das wollen wir auch weiterhin tun: mehr Community-Organizing, mehr als nur Information. Für die Menschen ist es schwer, allein aufgrund von Informationen direkt zu handeln.“
Auf die Frage, was die größten Schwierigkeiten bei der Gemeinschaftsarbeit sind, sagt Ioana Popescu, dass Saisonarbeiter in Österreich vor allem sehr isoliert seien. Viele lebten auf Bauernhöfen, in der Nähe von Höfen oder am Waldrand. Dazu komme, dass manche nur drei Monate bleiben, dann gehen und vielleicht nie zurückkehren. In anderen Fällen gebe es Menschen, die zwar seit Jahren dort leben, aber dauerhaft überzeugt sind, dass dies ihre letzte Saison sei. Das war auch eine der Schwierigkeiten beim Deutschkurs, weil die Leute sagten: ‚Wozu brauche ich Deutsch, ich bleibe ja sowieso nicht hier.‘ Und trotzdem waren sie in den letzten drei Jahren dort. Oder seit fünf Jahren., erzählt die Aktivistin.
Saisonarbeiter zu definieren ist jedoch kompliziert und Ioana Popescu räumt ein, dass sie keine allgemeingültige Antwort hat.
„Das ist wirklich eine sehr gute Frage. Ich dachte lange, eine Saison bedeute nur Sommer oder Herbst oder die Zeit, in der man Gemüse erntet. Und in der Tat gibt es eine produktivere Hochphase, in der es mehr Arbeit gibt, zum Beispiel im Sommer oder Herbst. Aber manche kommen und bleiben fast das ganze Jahr. Nicht alle Arbeiter sind so – und die Arbeitgeber bevorzugen es, wenn die Arbeiter sehr flexibel sind, damit sie sie in Zeiten mit weniger Arbeit einfach loswerden können.“