Ursula Fait aus Mailand: „Rumänien hat noch viel Ursprünglichkeit bewahrt“
Ursula Fait stammt aus Mailand, lebt seit über 20 Jahren in Rumänien und arbeitet als Fremdenführerin – sowohl in ihrer Heimatstadt als auch in Bukarest und anderen Teilen Rumäniens. Sie hat führt ein Blog über den Tourismus in Rumänien und hat ein Buch zu diesem Thema veröffentlicht. Außerdem organisiert sie individuelle Reisen für Touristen, etwa in die Kleine Walachei, nach Maramureș, in die Bukowina oder nach Siebenbürgen. Dabei bemüht sie sich, ihnen das Land möglichst authentisch zu zeigen. Sie sucht den Kontakt zu Einheimischen, macht auf Besonderheiten aufmerksam und ermuntert ihre Gäste, selbst mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen.
Hildegard Ignătescu und Sorin Georgescu, 05.11.2026, 18:00
Auf ihren Reisen wird Ursula Fait von Einheimischen herzlich empfangen und auch in ihre Häuser eingeladen. Sie interessiert sich sehr für die rumänische Küche und hat viele Gerichte längst in ihren eigenen Speiseplan aufgenommen. Zu ihren Führungen bringt sie Bücher und Geschichten aus längst eingestellten Zeitungen mit. Sie dokumentiert ihre Reisen mit Fotos und sammelt Gegenstände, die ihr die Menschen vor Ort geschenkt haben. Natürlich zeigt sie ihren Gästen auch die Traditionen und das Kunsthandwerk des Landes. Dazu führt sie sie in Werkstätten, in denen Teppiche gewebt, traditionelle Leinenblusen genäht oder Keramikgegenstände hergestellt werden. Ursula Fait möchte Rumänien eben nicht nur oberflächlich kennenlernen, sondern das Land in seiner ganzen Tiefe verstehen. Wie hat ihre Beziehung zu Rumänien eigentlich angefangen?
„Ich bin 1997 zum ersten Mal mit meinem Mann nach Rumänien gekommen. Er stammt ebenfalls aus Mailand. Ich war damals schwanger, und für uns begann gerade ein neuer Lebensabschnitt. Mein Mann arbeitete für ein amerikanisches Unternehmen, das uns vorgeschlagen hatte, nach Rumänien zu ziehen. Wir haben uns das Land angeschaut, es hat uns gefallen und wir sind hergekommen.
Zunächst sind wir bis Ende 2000 geblieben. Dann waren wir sechs Jahre lang wieder in Italien, bevor wir 2006 erneut nach Rumänien gezogen sind. Mir hat das Land von Anfang an sehr gefallen. Es war so ursprünglich, hatte sich 50 Jahre lang kaum verändert. Es war, als würde man eine Zeitreise in die Vergangenheit machen. In Bukarest gab es noch Pferdefuhrwerke, abends lagen manche Stadtteile im Dunkeln, es gab kaum Verkehr und nur wenige Autos. Die meisten waren Dacias oder Trabants. Man kam überall in kürzester Zeit hin, hatte keine Parkplatzprobleme, und die Menschen waren sehr aufgeschlossen. Das Essen war wunderbar, richtig herzhaft, und vor allem hat mir die Herzlichkeit der Rumänen sehr gefallen.
Damals herrschte allerdings Armut. Nach der Revolution von 1989 war es für die Menschen schwierig. Mir fiel auf, dass sie alles aufbewahrten. Alles wurde recycelt, wiederverwendet, nichts einfach weggeworfen. Und wenn jemand doch etwas nicht mehr brauchte, stellte er es vor das Gartentor. Sofort kam jemand vorbei und nahm es mit, um es weiterzuverwenden. Das hat mir sehr gefallen.
Ich habe 16 Jahre lang in einem alten Haus aus den frühen 1900er-Jahren gewohnt. Es lag zwischen Plattenbauten und hatte den Abriss überlebt. Dazu gehörte ein 600 Quadratmeter großer Garten mit 22 Bäumen – Apfel- und Birnbäumen, Walnussbäumen und Kirschpflaumen. Ich habe dort auch einen Kirschbaum gepflanzt, der inzwischen genauso alt ist wie meine Tochter. Außerdem habe ich einen Gemüsegarten angelegt. Es war wie auf dem Land, nur eben mitten in der Stadt.
In Mailand, wo ich herkomme, gibt es praktisch nur Häuserzeilen. Man hat kaum Grünflächen, keine Gärten, keine Häuser mit Hof und Garten. Gerade das hat mir an Bukarest so gut gefallen. Ich habe mich einfach in dieses Ursprüngliche verliebt.
Als wir 2000 zurück nach Italien gingen, war Rumänien noch immer sozusagen eingefroren, wie in einer anderen Zeit. Aber ich hatte so großes Heimweh nach Rumänien, dass ich jeden Sommer wiedergekommen bin. Schließlich sind wir 2006 zurückgezogen.
Jedes Jahr hatte sich etwas verändert. Aber nach 2006 ging die Entwicklung dann sehr schnell. Das war wirklich beeindruckend, denn ich konnte praktisch vor meinen Augen sehen, wie sich Rumänien entwickelte. Ein Land, für dessen Entwicklung man normalerweise 50 Jahre gebraucht hätte, hat das in 15 Jahren geschafft.“
Was gefällt Ursula Fait am besten an Rumänien?
„Zunächst möchte ich etwas sagen, das ich auch den ausländischen Gästen immer wieder erzähle: Eine Stadt, die sich so erhalten hat wie Bukarest, ist weltweit einzigartig. In Europa wurde nach dem Krieg vieles zerstört und anschließend wiederaufgebaut. Alles wurde modern. Hier dagegen hat der Kommunismus die Entwicklung eingefroren. Deshalb ist die Stadt so erhalten geblieben, wie sie einmal war.
Das ist für mich die wichtigste Besonderheit Bukarests. Nur ist den Menschen gar nicht bewusst, was für ein Glück das ist und wie sehr sich die Stadt von anderen unterscheidet. Sie hat streckenweise etwas Ländliches, ja. Aber genau das macht Bukarest zu hundert Prozent unverwechselbar. Es gibt einfach nichts Vergleichbares.
Auf dem Land ist die Entwicklung tatsächlich zurückgeblieben. Und inzwischen ist es auch traurig, weil die Dörfer immer leerer werden. Das ist ja bei uns in Italien genauso. Die alten Leute sterben, die jungen wollen nicht mehr aufs Land zurück, das Leben dort ist schwierig und es gibt kaum Perspektiven. So leeren sich die Dörfer.
Mir gefällt das Landleben trotzdem sehr. Ein Haus auf dem Land wäre für mich sogar ein Traum. Aber ich weiß nicht, ob das in Rumänien für mich wirklich sinnvoll wäre. Ich komme schließlich aus Italien und werde irgendwann dorthin zurückkehren.
Auf dem Land findet man noch vieles von dem, was ich vor 23 Jahren hier gesehen habe. Das ist sehr interessant. Vieles wird noch von Hand gemacht, und das traditionelle Kunsthandwerk lebt weiter. Das ist gut. Ich glaube, dass man diese Traditionen bewahren muss, denn sie sind auch für Rumänien wichtig.“
Und was würde sie gerne verändern?
„Ich könnte durchaus auch hierbleiben. Aber das Gesundheitssystem ist nicht gut. In Italien ist es heute zwar auch nicht mehr so wie früher, aber das Gesundheitssystem funktioniert noch gut. Hier ist es eine Katastrophe. Gerade für ältere Menschen ist das alles sehr schwierig. Das Gesundheitswesen ist hier wirklich ein Desaster. Alles andere ist recht gut.“
Was würde sie Touristen erzählen, die Rumänien noch nicht kennen? Ursula Fait kennt ja das Land als Fremdenführerin, lebt seit über 20 Jahren hier und hat es liebgewonnen. Was sollten Besucher unbedingt wissen?
„Ich sage den Leuten meistens, dass das, was sie sich unter Rumänien vorstellen, überhaupt nicht der Wirklichkeit entspricht. Das gilt auch für Bukarest. Ich biete allein in Bukarest 22 verschiedene Rundgänge an, in allen möglichen Stadtvierteln. Darunter sind ungewöhnliche Routen, deren Geschichte vermutlich nicht einmal die Bukarester selbst kennen.
Ich entdecke ständig Neues, lese und recherchiere weiter. Und jedes Mal stoße ich auf eine Straße, die eine geradezu unglaubliche Geschichte zu erzählen hat. Deshalb muss man mit offenem Herzen hierherkommen und sich aufmerksam umschauen.
Die meisten Ausländer denken zuerst an die kommunistische Zeit. Aber Bukarest ist nicht einfach eine kommunistische Stadt. Natürlich gibt es Viertel, die davon geprägt sind. Aber auch die können durchaus interessant sein.“
Und wenn sie Rumänien einmal verlassen müsste – was würde sie von hier mitnehmen?
„Ich habe viele Gegenstände, Bücher und Pflanzen. Wenn ich verreise, nehme ich sogar Blumen mit. Und Fotos, Fotos ohne Ende! Ich habe Millionen von Bildern, auch von Bukarest. Schon vor 23 Jahren war ich in der Bukowina, in Siebenbürgen und am Meer unterwegs und habe fotografiert. Ich bin leidenschaftliche Fotografin und habe Millionen von Bildaufnahmen aus Rumänien.“