Dennis Deletant – ein britischer Historiker und seine Liebe zu Rumänien
Dennis Deletant ist ein renommierter britischer Historiker, der Rumänien ins Herz geschlossen hat. Er ist emeritierter Professor für Rumänienkunde am University College London. Von 1969 bis 2011 lehrte er an der dortigen Fakultät für slawische und osteuropäische Studien. Außerdem war er bis Juni 2020 Gastprofessor am Ion-Rațiu-Lehrstuhl für Rumänienkunde an der School of Foreign Service der Georgetown University in Washington. Am Woodrow Wilson Center in Washington war er zudem als Public Policy Fellow tätig.
Hildegard Ignătescu und Sorin Georgescu, 15.10.2026, 17:30
Zwei rumänische Präsidenten haben Dennis Deletant für seine Verdienste ausgezeichnet. Emil Constantinescu verlieh ihm den Nationalen Verdienstorden im Rang eines Kommandeurs für seinen Einsatz für die rumänische Demokratie. Klaus Iohannis zeichnete ihn mit dem Stern von Rumänien aus, der höchsten zivilen Auszeichnung des Landes. Damit wurde Deletants Engagement für die Vermittlung der rumänischen Geschichte, Sprache und Kultur gewürdigt.
Er hat zahlreiche Bücher zu historischen Themen veröffentlicht und gilt als einer der renommiertesten Experten für die kommunistische Zeit in Rumänien. Seit seiner Jugend verbindet ihn eine enge Beziehung zu dem Land. Seit Jahrzehnten bewegt sich sein Leben zwischen Rumänien und Großbritannien. Wir haben ihn gefragt, wie sein Interesse für Rumänien entstanden ist.
„Osteuropa hat mich schon immer fasziniert. Das gilt auch für die osteuropäischen Sprachen, darunter natürlich Rumänisch – die einzige romanische Sprache in dieser Region. Auf dem Gymnasium habe ich Geschichte, Latein und Französisch gelernt. Als ich mich für ein Studienfach entscheiden musste, wollte ich weder Russisch noch eine slawische Sprache studieren. Die erschienen mir sehr schwierig. Da ich bereits etwas Latein und Französisch konnte, entschied ich mich für Rumänisch.
Mich faszinierte auch der Widerspruch: Rumänien ist ein romanisches Land, stand aber unter kommunistischer Herrschaft. Ich wollte verstehen, wie sich ein romanisches Volk mit einem Regime arrangiert, das ihm von den Sowjets, also aus dem slawischen Raum, aufgezwungen worden war – und mit den Zwängen des Marxismus-Leninismus.
1964 begann ich mein Studium. Ein Jahr später kam ich zum ersten Mal nach Rumänien. Ich hatte ein Stipendium des British Council, also unserer Kulturbehörde, und des rumänischen Staates. Es beruhte auf einem Kulturabkommen zwischen beiden Ländern.
Im Sommer 1965 verbrachte ich einen Monat in Sinaia, zusammen mit ungefähr hundert anderen ausländischen Studenten und Lehrkräften. Die Unterbringung war, würde ich sagen, ganz ordentlich. Eine große Enttäuschung war für mich allerdings, dass wir keinen Kontakt zur rumänischen Bevölkerung aufnehmen durften. Wir wurden auf dem Weg zu den Kursen in Sinaia ständig von verschiedenen Aufsichtspersonen beschattet.“
Seit seinem ersten Besuch 1965 kehrte Dennis Deletant aus unterschiedlichen Anlässen immer wieder nach Rumänien zurück. Er beschäftigte sich intensiv mit der Geschichte des Landes, der Herrschaft Nicolae Ceaușescus und der Rolle der Securitate, der kommunistischen Geheimpolizei. Diese Epoche hat er auch persönlich erlebt. Darüber hinaus engagierte er sich mit seiner Fachkenntnis für den demokratischen Wandel in Rumänien.
Angesichts der Krisen, die das Land derzeit durchlebt, steht Rumänien möglicherweise an einem historischen Wendepunkt. Wir haben Dennis Deletant gefragt, wie er die gegenwärtige Lage einschätzt und welche Botschaft er an die junge Generation richten möchte.
„Wir müssen uns daran erinnern und verstehen, dass Rumänien unter Ceaușescu eine sehr schwere Zeit durchgemacht hat, vor allem in den achtziger Jahren. Deshalb waren die Ausgangsbedingungen nach 1989 ganz andere als in Tschechien, Ungarn oder anderen Ländern. In Rumänien gab es zunächst keine Strukturen, die mit denen in Ungarn oder der Tschechoslowakei vergleichbar gewesen wären. Dort gab es trotz der kommunistischen Herrschaft innerhalb bestimmter Milieus und politischer Strukturen durchaus Ansätze von Opposition.
In Rumänien war das nicht der Fall. Das Land begann 1990 gewissermaßen bei null. Diejenigen, die aufgrund ihrer Position im kommunistischen System über Einfluss und Möglichkeiten verfügten, waren die alten Eliten. Dazu gehörten vor allem Kreise aus der rumänischen Securitate, die große Teile der Wirtschaft kontrollierten. Wer die Wirtschaft reformieren wollte, musste sich mit diesen Leuten auseinandersetzen. Sie dachten nicht in Kategorien von Wettbewerb und Konkurrenz. Die ehemalige Securitate wollte den Wandel kontrollieren, aber nach ihren eigenen Vorstellungen.
Deshalb waren der Westen insgesamt und insbesondere die USA sehr vorsichtig im Umgang mit Rumänien. Das Land wurde durch die Interessen eines Teils seiner Gesellschaft stark gebremst. Diese Kreise haben bis heute großen Einfluss und wollen die Zukunft Rumäniens nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. Sie wollen weder riskieren, Geld zu verlieren, noch die Kontrolle über Investitionen abgeben. Meiner Ansicht nach verraten diese Leute damit die Interessen Rumäniens. Man muss ihnen entgegentreten – natürlich mit Unterstützung der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten.
Der jungen Generation möchte ich sagen: Habt Vertrauen in die Zukunft. Ihr solltet wissen, dass der Westen versteht, was derzeit in Rumänien geschieht. Und ich glaube, dass das Land tatsächlich an einem Wendepunkt steht.“