Physik, Magie und Fortschritt
Hundert Meter tief unter der Erde, genau an der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich, wird an den ganz großen Fragen der Menschheit geforscht. Das CERN ist das weltweite Zentrum der Teilchenphysik – und mittendrin arbeitet eine starke Gemeinschaft rumänischer Wissenschaftler. Wir stellen Ihnen heute eine junge Forscherin vor, die dort unten im Tunnel nicht nach Magie sucht, sondern nach echtem Fortschritt für uns alle.
Ana-Maria Cononovici und Adina Olaru, 12.02.2026, 18:07
Heute dreht sich alles um Physik, ein bisschen Magie und ganz viel Fortschritt.
Wir blicken in die Schweiz, zum CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung. Dort gibt es eine starke Gemeinschaft von über 100 rumänischen Forschern. Eine von ihnen ist Cristina Andreea Alexe. Sie arbeitet an ihrer Doktorarbeit beim CMS-Experiment – das steht für „Compact Muon Solenoid“. Vereinfacht gesagt: Sie arbeitet an einem riesigen Allzweck-Detektor im Teilchenbeschleuniger.
Cristina erklärt uns, dass die Forschung dort weit mehr ist als abstrakte Theorie. Es geht um ganz praktische Anwendungen für unser Leben.
„CERN steht ja für ‚Conseil européen de la recherche nucléaire‘. Es ist eine europäische Vereinigung, hat aber neben den europäischen Mitgliedern auch assoziierte Partner aus nicht-europäischen Ländern. Im Grunde ist es ein internationales Labor für Grundlagenphysik, deren Ergebnisse aber letztlich immer ihren Weg in die Gesellschaft finden.
Das beste Beispiel haben wir alle schon erlebt: Wir nutzen das Internet. Das World Wide Web wurde am CERN erfunden – und das hat sich definitiv gelohnt!
Andere Anwendungen, die gerade entwickelt werden, betreffen zum Beispiel die Krebstherapie mit Protonen. Diese Methode ist weniger invasiv. Das bedeutet, man kann den Tumor direkt angreifen, ohne das gesunde Gewebe drumherum zu schädigen. Das wäre eine echte Revolution für solche Therapien. Und der beste Ort, um zu lernen, wie man Protonen nach Belieben manipuliert, ist nun mal der größte Protonenbeschleuniger der Welt. Auch wenn unsere Arbeit mit der fundamentalen Wissenschaft beginnt, endet sie oft mit einem Lächeln auf den Gesichtern der Menschen.“
Ursprünglich wollte Cristina eigentlich Ärztin werden, um Leben zu retten. Deshalb besuchte sie auch ein naturwissenschaftliches Gymnasium. Doch mit der Zeit merkte sie, dass sie etwas Größeres anstrebte – sie wollte eine Veränderung in der Gesellschaft bewirken. Nach einem kurzen Flirt mit den Sozialwissenschaften und der IT kehrte sie zu einer Leidenschaft aus ihrer Schulzeit zurück: der Physik.
Über ihren akademischen Weg erzählt sie uns Folgendes:
„Als ich 2018 mein Studium begann, war es noch gut möglich, in Großbritannien zu studieren. Also ging ich an die University of Manchester. Dort habe ich in vier Jahren meinen Bachelor und Master in einem Rutsch gemacht – also nur eine Abschlussarbeit geschrieben und direkt den Mastertitel erhalten.
Um in der Forschung zu bleiben, habe ich mir danach eine Doktorandenstelle gesucht und bin schließlich dort gelandet, wo ich heute bin: an der wohl besten Fakultät Italiens, der Scuola Normale Superiore in Pisa. Das habe ich allerdings erst erfahren, nachdem ich angenommen wurde.
Dort promoviere ich jetzt. Ich arbeite an einem Projekt zur Datenanalyse, basierend auf den Daten des CMS-Experiments am CERN. Mein Alltag besteht also aus Datenanalyse und Programmieren. Und aus Statistik. Überraschend viel Statistik.“
Aber wie verändert das nun die Welt? Cristina sagt, der Gedanke an den Wandel ist ihr ständiger Begleiter, auch wenn er manchmal abstrakt wirkt.
„Am stärksten spüre ich das, wenn ich nach Hause komme, nach Buzău. Wenn ich dort mit Schülern darüber spreche, was ich tue, und darüber nachdenke, welche Fähigkeiten ich mir angeeignet habe, dann hoffe ich, auch sie zu überzeugen.
Ich sehe meinen Beitrag darin, Teil eines Experiments mit einer einzigartigen Mission zu sein: die Grundlagenforschung fortzusetzen. Ich gehöre zu den Menschen, die motiviert sind, das zu verstehen, was wir heute noch nicht wissen. Wir verschieben die Grenzen des menschlichen Wissens immer ein Stück weiter.“
Dabei ist Physik keine Zauberei, versichert uns Cristina.
„In der Wissenschaft wird Kommunikation immer wichtiger. Wir müssen mit der nicht-wissenschaftlichen Gemeinschaft sprechen – mit ganz normalen Menschen, mit Schulkindern – und erklären, was wir da eigentlich tun.
Es heißt immer: Man darf nicht so reden, als wäre Physik Magie und man selbst ein Zauberer. Die Menschen müssen verstehen, woran wir arbeiten. Das ist das Gesündeste für eine Gesellschaft.“
Doch woran genau arbeiten sie? Cristina erklärt uns, was es mit dem CMS und dem riesigen Beschleuniger auf sich hat.
„Es handelt sich um einen Tunnel mit 27 Kilometern Umfang, der 100 Meter tief unter der Erde liegt, genau an der Grenze zwischen der Schweiz und Frankreich, bei Genf. Damit das alles funktioniert, brauchen wir ein riesiges Team. Allein bei meinem Experiment sind wir rund 4.000 Mitarbeiter.
Wir brauchen Ingenieure, die das Experiment am Laufen halten. Wir brauchen IT-Spezialisten für die Server, die sicherstellen, dass unsere Daten nicht verloren gehen. Und am Ende der Kette stehen wir Physiker. Ich gehöre zu denen, die diese Daten analysieren und die eigentliche Information aus ihnen extrahieren.“
In ihrer Doktorarbeit über das CMS-Experiment beschäftigt sich Cristina Andreea Alexe mit Elementarteilchen, die auf eine neue Naturkraft hinweisen könnten. Für Forscherinnen wie sie sind Grenzen keine Hindernisse, sondern nur der Startpunkt für die nächste große Entdeckung.