35 Jahre Republik Moldau
Die Republik Moldau nahm schon im Dezember 1917 und Januar 1918 staatliche Züge an, als die gesetzgebende Versammlung zunächst die Autonomie und anschließend die Unabhängigkeit von Sowjetrussland ausrief – im Namen des von Lenin propagierten Prinzips des nationalen Selbstbestimmungsrechts. Der Kern dessen, was heute die Republik Moldau ist, war die Demokratische Republik Moldau beziehungsweise Bessarabien, ein Gebiet, das von der historischen Moldau abgetrennt und 1812 infolge des russisch-osmanischen Krieges von Russland annektiert worden war.
Steliu Lambru, 14.09.2026, 11:29
Der Fall des Kommunismus 1989 brachte den Zusammenbruch der Trennungslinie, die es seit 1945 zwischen den Nationen gab, die Deutschland im Zweiten Weltkrieg besiegt hatten. Die beiden von den USA und der Sowjetunion vertretenen politischen und wirtschaftlichen Modelle – liberale Demokratie und Marktwirtschaft auf der einen, kommunistische Diktatur und staatlich gelenkte Wirtschaft auf der anderen Seite – hatten sich vier Jahrzehnte gegenübergestanden. Nach 44 Jahren Spannungen und Versuchen der Detente sollte das sowjetische Modell 1989 unter dem Gewicht des Misserfolgs seiner eigenen Ideen und Praktiken zusammenbrechen. Im Laufe des Jahres 1989 kehrten sieben Länder Mittel- und Osteuropas sowie Jugoslawien zur Normalität der Zeit von vor 1945 zurück. Der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Mittel- und Osteuropa 1989 hallte zwei Jahre später, 1991, im sowjetischen Raum wider. Historiker und Politologen bezeichneten diesen Prozess als „Zerfall der Sowjetunion“. In jenem Jahr erklärten die 16 Republiken, die zur Sowjetunion gehörten, ihre Unabhängigkeit, darunter auch die Republik Moldau, der östliche Teil des historischen Moldau, der zwischen den Flüssen Pruth und Dnister lag.
Die Republik Moldau nahm schon im Dezember 1917 und Januar 1918 staatliche Züge an, als die gesetzgebende Versammlung zunächst die Autonomie und anschließend die Unabhängigkeit von Sowjetrussland ausrief – im Namen des von Lenin propagierten Prinzips des nationalen Selbstbestimmungsrechts. Der Kern dessen, was heute die Republik Moldau ist, war die Demokratische Republik Moldau beziehungsweise Bessarabien, ein Gebiet, das von der historischen Moldau abgetrennt und 1812 infolge des russisch-osmanischen Krieges von Russland annektiert worden war. Das gesamte 19. Jahrhundert hindurch gehörte Bessarabien zum Russischen Reich, allerdings als Randgebiet. Wenige Minate nach Ausrufung der Unabhängigkeit, schloss Bessarabien sich dem Königreich Rumänien an und gehörte 22 Jahre lang, bis 1940, zu diesem Staat. Im Juni 1940 wurden Bessarabien und die Nordbukowina dann infolge ultimativer Forderungen der Sowjetunion wieder abgetreten. Ein Jahr später, im Juni 1941, wurden diese Gebiete an der Seite Hitler-Deutschlands zurückerobert.
Am 23. August 1944, als Rumänien das Bündnis mit den Achsenmächten aufkündigte, begann die fast ein halbes Jahrhundert dauernde sowjetische Herrschaft über das Gebiet, das von da an als Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik bezeichnet wurde. Zwischen 1944 und 1991 waren Bessarabien und die Nordbukowina einer äußerst harten Sowjetisierung und Russifizierung ausgesetzt. In den 1940er- und 1950er-Jahren führte dies zur Unterdrückung der rumänischen Eliten, der Deportation rumänischer Bevölkerung und kulturellen Verboten. Nach Stalins Tod begannen jedoch neue Generationen von Intellektuellen, insbesondere Schriftsteller, vorsichtig Rechte einzufordern, wie Andrei Cușco, Professor an der Historischen Fakultät der Staatlichen Universität Chișinău, erklärt.
„Es geht um die Zeit unmittelbar nach der Liberalisierung unter Chruschtschow. Ab dieser Zeit können wir vom Entstehen relativ autonomer Räume sprechen, die sowohl auf institutioneller als auch auf persönlicher Ebene, für die Vertretern der intellektuellen Kreise in der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik offen waren. Sie entstanden in dem Maße, in dem sich die Dynamik des Regimes veränderte und die offenen und ziemlich harten Formen der Repression, die den Stalinismus geprägt hatten, einem wesentlich unschärfer definierten Form weichen musste. Es handelt sich jedoch weiter um ein Kontinuum von Formen des Drucks und der Zusammenarbeit beziehungsweise, genauer gesagt, des Widerstands und der Opposition.“
Die kulturelle Wiedergeburt in Bessarabien, aus der jene Generation hervorgehen sollte, die 1991 die Unabhängigkeit ausrufen würde, setzte Mitte der 1960er-Jahre nach einem entscheidenden Ereignis ein, erläutert Andrei Cușco.
„Der Wendepunkt innerhalb der Institution war der Dritte Kongress der moldauischen Schriftsteller, der 1965 stattfand. Er markierte eine klare Entwicklung und eine Veränderung der Machtverhältnisse innerhalb des Schriftstellerverbandes. Dieser Kongress, der in der frühen Phase des Breschnewismus stattfand, gilt gewöhnlich als Höhepunkt der regimefeindlichen Opposition, die von der örtlichen Intelligenzija ausging. Er bedeutete gewissermaßen die endgültige Anerkennung der Schriftsteller, die ich als Generation der 1960er-Jahre oder Sechziger bezeichne. Sie waren die ersten, die ihre Werke in rumänischer Standardsprache verfassten. Ab 1957 war die sogenannte moldauische Sprache zur rumänischem Standardsprache geworden, die allerdings in kyrillischer Schrift geschrieben wurde. Dies war die letzte Sprachreform in der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Die Qualität dieser literarischen Werke war im Vergleich zu zum Vorgängermaterial deutlich besser und stand im Einklang mit den Liberalisierungstendenzen, die damals in der gesamten Sowjetunion sichtbar waren. Als Vertreter dieser Generation wären Grigore Vieru, Ion Druță, Aureliu Busuioc oder Pavel Boțu zu nennen. Dieser Dritte Kongress des Schriftstellerverbandes war das erste klare Zeichen einer bewusst national ausgerichteten Agenda und die erste Veranstaltung dieser Art, die nach dem Zweiten Weltkrieg in der Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik auf Rumänisch abgehalten wurde.“
Im August 1991 trat die Republik Moldau mit ihrer Unabhängigkeitserklärung zum zweiten Mal im 20. Jahrhundert aus dem russischen beziehungsweise sowjetischen Staatenverbund aus. Es folgte eine 35-jährige Zeit des Vorantastens, der Suche, der wechselseitigen Positionen und Neuorientierungen im Umgang mit kollektiven Identitäten, dem sowjetischen Erbe sowie dem Wiederaufbau von Staat und Gesellschaft. Abhängig auch vom Spiel der Akteure auf der internationalen Bühne musste sich die Republik Moldau dann in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten zwischen den Entwicklungsmodellen entscheiden, die der eurasische und der europäische Raum anboten.