Muslimische Bevölkerung im Königreich Rumänien – die Geschichte einer gelungenen Integration
Seit 1878 gehört auch eine muslimische Minderheit zur Bevölkerung Rumäniens. Ihre Zahl hat sich im Laufe der Zeit verändert. Damals wurde die Dobrudscha Teil des rumänischen Königreichs. Seitdem teilen die türkischen und tatarischen Muslime des Landes die Geschichte und die Geschicke Rumäniens mit der Mehrheitsbevölkerung und anderen ethnischen und religiösen Minderheiten.
Steliu Lambru und Sorin Georgescu, 19.10.2026, 23:12
Die romantische Literatur des 19. Jahrhunderts zeichnete zuerst ein negatives Bild von Türken und Tataren. Der Historiker Metin Omer erklärt, wie dieses Bild zustande kam und warum es sich später veränderte.
„Das Bild war tatsächlich negativ. Allerdings müssen wir hier genauer unterscheiden. Es betrifft vor allem die Darstellung des Mittelalters, etwa in romantischen Werken wie »Preda Buzescu« (Gedicht des Dichters Dimitrie Bolintineanu – Anm. d. Red.) oder »Die Eiche von Borzești« (Erzählung von Nicolae Gane – Anm. d. Red.). Dieses Bild entstand unter dem Einfluss des Nationalismus, der einen äußeren Feind brauchte. Es bezog sich vor allem auf die Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich und dem Krimkhanat.
Wenn die Literatur und die öffentliche Meinung dagegen die Zeit nach 1878 in den Blick nahmen, war das Bild im Allgemeinen positiv, teilweise sogar von Melancholie geprägt. Die muslimische Gemeinschaft wurde von der rumänischen Öffentlichkeit und den Behörden durchaus mit Sympathie betrachtet – wenn auch mit gewissen Ausnahmen. Das lässt sich unter anderem damit erklären, dass sich ihre soziale und wirtschaftliche Stellung kaum von derjenigen der rumänischen Mehrheitsbevölkerung unterschied.“
Das Jahr 1878, in dem die Dobrudscha zu Rumänien kam, bedeutete für die dort lebenden Türken und Tataren einen tiefen Einschnitt.
„Für die muslimische Gemeinschaft in Rumänien, also für Türken und Tataren, war es tatsächlich ein Schock, nach Jahrhunderten Teil eines christlichen Staates zu werden. Für die Tataren kam hinzu, dass ihre traumatischen Erfahrungen noch nicht lange zurücklagen.
1783 war das Krimkhanat von Russland annektiert worden. Nach dem Krimkrieg von 1853 bis 1856 mussten dann viele Tataren die Krim verlassen, weil sich die zaristischen Behörden gegen ihre Gemeinschaft richteten. Ähnlich war die Lage auf dem Balkan, in den Gebieten, aus denen sich das Osmanische Reich zurückziehen musste. Die muslimische Bevölkerung, die dort zurückblieb, wurde vielerorts nicht gerade freundlich behandelt.“
Mit der Zeit verbesserte sich das Verhältnis zwischen der muslimischen Minderheit und der rumänischen Mehrheitsbevölkerung. Nachdem die politischen Ziele des jungen rumänischen Staates erreicht waren, entwickelte sich ein zunehmend positives Bild. Dazu trug auch die politische Lage in der Zwischenkriegszeit bei, erklärt der Historiker Metin Omer.
„Nach 1878 und insbesondere in der Zwischenkriegszeit wurde die türkische und tatarische Gemeinschaft vor dem Hintergrund der Bevölkerungsverhältnisse in der Dobrudscha auch als Verbündete des rumänischen Staates betrachtet. Dabei ging es um die damaligen Gebietsansprüche Bulgariens auf die Süddobrudscha. Hinzu kamen die Beziehungen zur Republik Türkei und die Tatsache, dass diese Gemeinschaft niemals Gebietsansprüche gegenüber Rumänien erhoben hatte.
Auch in der rumänischen Gesellschaft und unter den rumänischen Eliten war das Bild der muslimischen Minderheit im Allgemeinen positiv. Dafür gibt es mehrere Beispiele. Mehmet Niyazi, der Nationaldichter der Tataren, zählt zu den bedeutendsten Dichtern dieser Gemeinschaft. Er schrieb nicht nur auf Tatarisch, sondern auch auf Osmanisch-Türkisch.
Einer seiner Gedichtbände trägt den Titel »Widmungen«. Das erste Gedicht darin ist Königin Elisabeth gewidmet, die unter ihrem Schriftstellernamen Carmen Sylva bekannt war. Die Bewunderung für die rumänische Gesellschaft und Kultur zeigte sich auch darin, dass rumänische Autoren ins Türkische und Tatarische übersetzt wurden. So übertrugen Schriftsteller aus der muslimischen Gemeinschaft beispielsweise Eminescus bekanntes Gedicht »Der Abendstern« ins Türkische und Tatarische.“
Ein Teil der muslimischen Bevölkerung entschied sich nach 1878 dennoch für einen radikalen Schritt: die Auswanderung. Andere blieben in Rumänien. Metin Omer erläutert die Gründe.
„Der erste Impuls war tatsächlich, auszuwandern. In der Gemeinschaft wurde damals viel darüber diskutiert. Eines der größten Probleme bestand darin, dass junge Muslime ihren Wehrdienst in einer christlichen Armee leisten sollten. Für viele Mitglieder der Gemeinschaft war das nicht akzeptabel.
Doch schon bald traten Vertreter der muslimischen Gemeinschaft auf, die sich gegen die Auswanderung aussprachen. Dabei spielte auch die Haltung der rumänischen politischen Führung eine wichtige Rolle, insbesondere die von König Karl I. Die rumänische Elite versuchte, die muslimische Bevölkerung zum Bleiben zu bewegen und institutionelle sowie kulturelle Rahmenbedingungen zu schaffen, die ihren Anliegen Rechnung trugen.
In der Zwischenkriegszeit gewann zudem das Vorbild Atatürks an Bedeutung. Dennoch nahm die Auswanderung beträchtliche Ausmaße an: Von 1878 bis 1940 verließen rund 200 000 Türken und Tataren das Land.“
Die Folgen der kommunistischen Herrschaft in Rumänien bekam auch die muslimische Minderheit deutlich zu spüren. Der Historiker Metin Omer beschreibt, warum sie sich in einer besonders schwierigen Lage befand.
„Das kommunistische Regime war traumatisch, genau wie für den Rest der Gesellschaft. Bei den türkischen und tatarischen Gemeinschaften kam allerdings noch ein Erbe aus der Zwischenkriegszeit hinzu, das sie gegenüber den kommunistischen Behörden in eine heikle Lage brachte.
Sowohl bei den Tataren als auch bei den Türken spielte die Beziehung zur Türkei eine Rolle, einem Land, mit dem sie sich identifizierten. Bei den Tataren kam noch etwas hinzu: In der Zwischenkriegszeit hatten Teile ihrer Führung ein zunächst kulturelles, später aber auch politisches Projekt verfolgt. Während des Zweiten Weltkriegs ging es dabei um die Gründung eines tatarischen Staates auf der Krim.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs beschlossen die Behörden in Moskau, die gesamte tatarische Bevölkerung zu deportieren. Der 18. Mai 1944 gilt als ein Ereignis, das sowohl von der tatarischen Gemeinschaft als auch von mehreren Parlamenten weltweit als Völkermord eingestuft wird.“
Laut der Volkszählung von 2021 leben heute noch rund 39 000 Türken und Tataren in Rumänien. Sie machen etwa zwei Prozent der Bevölkerung aus.