Antike Vorstellungen vom Schwarzen Meer
Das Schwarze Meer verbindet Rumänien mit der Welt. Über dieses Meer gelangen rumänische Schiffe und Seeleute bis in die entlegensten Winkel der Erde. Schon in der Antike gehörte das Schwarze Meer zu einem Kulturraum, den die alten Griechen in ihren Schriften beschrieben. Sie betrachteten es sowohl aus der Ferne als auch aus unmittelbarer Nähe – und ihre Vorstellungen davon veränderten sich im Laufe der Zeit.
Steliu Lambru und Sorin Georgescu, 12.10.2026, 18:00
Emanuel Petac, Historiker, Numismatiker und Archäologe an der Rumänischen Akademie, hat sich mit den Deutungen beschäftigt, die griechische Autoren dem Schwarzen Meer gaben.
„Wir sind natürlich an die Bezeichnung Schwarzes Meer gewöhnt, aber auch an den Namen Pontos Euxeinos. Doch hieß das Meer im Laufe der Zeit tatsächlich immer so? Oder gab es noch andere Bezeichnungen? Es wurde auch Pontos Axeinos genannt, wie bei Pindar Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christus. Die ganze Debatte um den Namen des Schwarzen Meeres dreht sich um den Gegensatz zwischen einem gastfreundlichen und einem ungastlichen Meer. Tatsächlich beginnt das Meer als ungastlich und wird schließlich gastfreundlich – so lässt sich Pontos Euxeinos übersetzen.“
Was man aus der Ferne betrachtet, erscheint anders, als wenn man sich selbst ein Bild vor Ort machen kann. Das ist eine ganz normale menschliche Haltung, die auch die alten Griechen kannten.
„Ob ungastlich oder gastfreundlich – das Schwarze Meer wurde im Laufe der Zeit unterschiedlich wahrgenommen. Dahinter steht letztlich ein grundlegender Gegensatz: zwischen einem Durchgangsraum und einem bewohnten oder unbewohnten Gebiet, zwischen einem zivilisierten und einem nicht zivilisierten Raum. Es geht auch um die Frage, ob ein Gebiet zur klassischen griechischen Welt und zum integrierten östlichen Mittelmeerraum gehörte oder ob man es eher der Welt der sogenannten Barbaren und vor allem der Skythen zurechnete. Aus diesem Gegensatz erklärt sich die unterschiedliche Wahrnehmung des Schwarzen Meeres.“
Zunächst blickten die Griechen aus der Ferne auf das Schwarze Meer. Zwei wichtige Quellen aus unterschiedlichen Epochen geben Aufschluss darüber, wie sie es sich vorstellten: der Dichter Pindar und der Geograf Strabon. Zwischen ihren Werken liegen rund 500 Jahre. Pindar schrieb um 462 vor Christus, Strabon in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus. Dennoch verwendeten beide ähnliche Begriffe und Vorstellungen.
„Pindar spricht von den Argonauten – ein mythisches Thema, das auf einen Raum übertragen wurde, der für die damaligen Griechen ebenfalls mythisch war: das Schwarze Meer. Die Argonauten erreichten die Mündung des Pontos Axeinos, also des ungastlichen Meeres. Sie gelangten an den Eingang zu einer dunklen, unwirtlichen Gegend, in die man sich besser nicht vorwagen sollte.
Gleichzeitig verwendet Pindar aber auch den Begriff Euxeinos, das Euxinische Meer. Dort, so heißt es bei ihm, herrschte Achill über eine strahlende Insel. Es geht also vor allem um mythologische und archaische Vorstellungen, auf die sich die Menschen jener Zeit auf ähnliche Weise bezogen.“
Für die alten Griechen war das Schwarze Meer damals also nicht einfach ein geografischer Raum. Es war vor allem eine kulturelle Vorstellung, erklärt Emanuel Petac.
„Später setzte sich die Bezeichnung Pontos Euxeinos, also das gastfreundliche Meer, durch. Auch das war kein Zufall. Dahinter standen die Überlegungen der Griechen zu diesem Raum und die zunehmende Ausbreitung ihrer Zivilisation dort.
Das lässt sich besonders gut bei Strabon erkennen. Er berichtet, dass die Menschen in früheren Zeiten das Schwarze Meer beinahe wie einen Ozean betrachteten – ähnlich dem Atlantik, der jenseits der Säulen des Herakles liegt. In diesen Ozean wagten sich die Griechen nicht hinaus. Er war unbekannt, dunkel und galt als Heimat allerlei Dämonen, die Schiffe zum Sinken brachten. Man sollte sich besser nicht dorthin wagen. Ähnlich stellte man sich auch das Schwarze Meer vor.
Es wurde also eher aus der Perspektive der griechischen Philosophie und Kultur betrachtet als aus einem rein geografischen Blickwinkel. Der griechische Begriff Euxeinos geht übrigens auf das iranische beziehungsweise persische Wort Axsaina zurück, das dunkel und unfreundlich bedeutete.“
Doch irgendwann änderte sich der Blick der Griechen auf das Schwarze Meer.
„Von diesem als ungastlich empfundenem Meer, diesem dunklen, rauen und kargen Raum, über den nur wenig bekannt war, ändert sich die Empfindung zu dem gastfreundlichen Meer, von dem derselbe Pindar und auch Strabon sprechen und das wir heute kennen.
Strabon erklärt diesen Wandel besonders gut. Seiner Darstellung zufolge änderte sich die Wahrnehmung, weil die Ionier Städte an der Westküste des Schwarzen Meeres gründeten. Auch hier zeigt sich der Einfluss der klassischen griechischen Philosophie: Der Stadt, der Polis, kam eine entscheidende Rolle zu. Sie galt als Trägerin der Zivilisation und brachte diese an die Küsten des Schwarzen Meeres.
Gemeint sind die griechischen Städte entlang der gesamten Westküste, von Olbia und Tyras im Norden bis hinunter zur heutigen bulgarischen Küste. Sie alle trugen dazu bei, diesen Raum in die griechische Kulturwelt einzugliedern. Was zuvor nur aus dem östlichen Mittelmeerraum bekannt war, wurde nun auf das Schwarze Meer ausgeweitet.“
Das Schwarze Meer wurde damit Teil des großen Kultur- und Zivilisationsraums der antiken Griechen. Doch auch die einheimischen Bevölkerungen hatten dort ihren festen Platz in der Geschichte.