Juan-Carlos Negretti Briceño aus Venezuela: „Rumänien hat mehr zu bieten als nur den Parlamentspalast und Schloss Bran“
Juan-Carlos Negretti Briceño wurde in der venezolanischen Stadt Mérida geboren. Er studierte Architektur an der Bukarester Ion-Mincu-Universität und gewann 2011 gemeinsam mit der rumänischen Architektin Rovana Moga einen Preis bei der Bukarester Architekturbiennale, in der Kategorie Wohnungsbau. Heute ist er professioneller Percussionist und an mehreren Musikprojekten beteiligt.
Hildegard Ignătescu und Sorin Georgescu, 29.10.2026, 17:45
Als erstes erzählte uns Juan-Carlos Negretti Briceño, wie es ihn nach Bukarest verschlagen hat.
„Guten Tag, schön, hier zu sein! Ich bin als Stipendiat des rumänischen Staates nach Bukarest gekommen. Eine Freundin der Familie meines Vaters arbeitete damals in einer inzwischen aufgelösten Behörde, die einem Ministerium angegliedert war. Es handelte sich um ein Büro für internationale Zusammenarbeit. Dort gingen Stipendienangebote aus verschiedenen Ländern ein, darunter auch zwei für Rumänien. Eines davon hatte bereits eine junge Frau bekommen, das andere war noch frei.
Die Freundin der Familie erzählte, dass sich bislang niemand dafür interessierte, und fragte, ob jemand das Stipendium haben wolle. Mein Vater meinte daraufhin, er könne seinen Sohn vorschlagen. Also reichte ich meinen Lebenslauf ein, der anschließend von rumänischer staatlicher Seite geprüft wurde.
Das war 1994. Mit diesem Stipendium konnte ich mir ein Hochschulstudium frei aussuchen. Für mich stand fest, dass ich Architektur studieren wollte.
Bukarest war damals eine ganz andere Stadt als heute. Ich kam im Winter hier an, und wahrscheinlich hing mein erster Eindruck auch damit zusammen, wie eine Stadt im Winter aussieht, wenn die Vegetation verschwunden ist. Ich kam aus dem lebensfrohen Venezuela und landete im Dezember in Bukarest. Die Stadt wirkte auf mich ein wenig traurig. Und am 31. Dezember waren die Straßen natürlich leer. Das war für mich ein ziemlicher Schock. Seitdem hat sich Bukarest allerdings sehr verändert.“
Juan Negretti entdeckte bald auch andere Seiten der Stadt. Er erinnert sich gern an seine ersten Tage, daran, wie er aufgenommen wurde und wie er sich in dem neuen Land zurechtfand, das später zu seiner Heimat werden sollte.
„Ich erinnere mich, dass die Studenten nach und nach zurückkamen, als ich gerade in den ersten Tagen hier war. Ich wohnte damals im Wohnheim der Hochschule für Ackerbaukunde. Dort gab es ein sogenanntes Übergangswohnheim für Studenten aus dem Ausland.
So lernte ich einige Mexikaner kennen, die durch Rumänien reisten und in diesem Wohnheim untergekommen waren. Sie waren Touristen und hatten einen rumänischen Reiseführer dabei, der Spanisch sprach und ihnen bei verschiedenen Dingen half. Ich schloss mich der Gruppe sofort an und lernte dadurch viele Leute kennen. Wir gingen zusammen aus, unternahmen einiges – ich war begeistert.
Irgendwann kam ein Vertreter des Ministeriums vorbei und sagte mir, ich müsse mich jetzt doch einmal an der Universität melden. Schließlich sei ich wegen des Stipendiums hier und nicht, um ständig zu feiern.
Später lernte ich einen jungen Mann aus Ecuador kennen, der in Galați studierte und hier Freunde hatte. Durch ihn kam ich mit seinen rumänischen Freunden in Kontakt und wurde Teil der Gruppe, obwohl ich überhaupt kein Rumänisch sprach. Wir verständigten uns irgendwie. Und das Erstaunliche ist: Mit einigen von ihnen stehe ich bis heute in Kontakt, nach all den Jahren.“
Juan Negretti ist inzwischen Berufsmusiker. Vor sieben Jahren gab er die Architektur auf, um sich ganz der Musik zu widmen. Er spielte in unterschiedlichen Bands und ist derzeit Teil eines neuen Projekts, des Trios „Torsan Juan Bălan“. Wir haben ihn gefragt, wie er das Leben als Musiker in Rumänien empfindet und ob er auch im Land herumgekommen ist.
„Das Leben als Musiker in Rumänien ist sehr schwierig. Trotzdem fühle ich mich in dieser Rolle ausgesprochen wohl. Ich habe sehr gute Freunde und hatte die Gelegenheit, mit vielen verschiedenen Leuten und in ganz unterschiedlichen Musikrichtungen zu spielen: von Pop über Spielmann-Musik und Rock bis hin zu experimenteller Musik und Filmmusik.
Ich kann mich also nicht beklagen. Oder – sagen wir es etwas hochtrabend: Ich habe eine interessante musikalische Karriere hingelegt.
Gerade dadurch, dass ich mich ganz der Musik gewidmet habe, konnte ich viel reisen, und meistens auch unter ziemlich guten Bedingungen. So habe ich Rumänien wirklich kennengelernt. Ich war in der Bukowina, in der Maramureș, in Calafat, in Sulina, in Temeswar und überall in Siebenbürgen. Ich bin an sehr vielen Orten gewesen, und es hat mir ausgesprochen gut gefallen.
Habe ich einen Lieblingsort in Rumänien? Ja, ganz eindeutig: das Donaudelta.“
Als Architekt hat Juan Negretti die Hauptstadt auch mit dem professionellen Blick eines Städteplaners kennengelernt. Er mag ungewöhnliche Orte, würde in Bukarest aber durchaus einiges verändern. Wir haben ihn gefragt, was er als Bürgermeister der Stadt anders machen würde.
„Als Erstes würde ich Sozialwohnungen bauen lassen. Außerdem würde ich alles daransetzen, die Menschen davon abzubringen, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren. Dafür müsste man den öffentlichen Nahverkehr an der Oberfläche und die U-Bahn verbessern und mehr Radwege anlegen.
Bukarest wirkt wie ein riesiger Parkplatz. Es gibt viel zu viele Autos, die die Luft verschmutzen, Lärm verursachen und der Stadt ihre Menschlichkeit nehmen.“
Juan-Carlos Negretti Briceño ist viel durch Rumänien gereist und schätzt vor allem die Natur. Zum Abschluss wollten wir wissen, wie er für Rumänien und Bukarest werben würde.
„Mit der Zeit habe ich verstanden, dass die Menschen unterschiedliche Interessen haben. Deshalb müsste man jemanden ansprechen, der wirklich reisen und ein Land kennenlernen möchte. Es sollte nicht nur darum gehen, zur Burg Bran zu fahren – wie es viele ausländische Besucher tun – und sich dann noch das Parlamentsgebäude anzusehen. Und damit hat es sich dann. Rumänien hat viel mehr zu bieten als diese beiden Orte, die ich persönlich übrigens überhaupt nicht empfehlen würde.
Wann immer ich Besuchern Bukarest gezeigt habe, bin ich mit ihnen zum Parlamentsgebäude höchstens von außen gegangen. Stattdessen habe ich ihnen andere Orte gezeigt: eine Bar, in die ich selbst gern gehe, oder ein kleines Restaurant in einem Wohnviertel, das etwas authentischer ist.
Man kann zum Beispiel nach Schäßburg, Kronstadt oder Sulina fahren. Es kommt ganz darauf an, was jemand sehen möchte.
Ob ich einen Lieblingsort in Bukarest habe? Doch, eigentlich schon! Wissen Sie, welchen Ort ich besonders mag? Den Lacul Morii, den Stausee im Westen von Bukarest. Dort schaue ich mir gern den Sonnenuntergang an.
Das liegt auch daran, dass ich mit diesem Ort persönliche Erinnerungen verbinde. Früher bin ich mit jemandem dorthin gegangen. Wir haben uns im Supermarkt Bier gekauft, uns auf eine Bank gesetzt und uns unterhalten, während die Sonne unterging.
Es ist ein wunderschöner Ort.“