Noël Bernard – eine Legende unter den rumänischen Journalisten von Radio Free Europe
Nur wenige rumänische Journalisten der Nachkriegszeit bis 1989 erfreuten sich eines derartig hohen Ansehens. Noël Bernard war als Leiter der rumänischen Redaktion von Radio Freies Europa für die konsequente Förderung der Menschenrechte bekannt.
Steliu Lambru, 10.09.2018, 17:30
Noël Bernard wurde 1925 in Bukarest geboren. Sein Vater war jüdischer und seine Mutter österreichischer Abstammung. 1940 wanderte er gemeinsam mit seiner Familie nach Palästina aus und ließ sich dort nieder. Nach dem Krieg zog er über Großbritannien in die BRD um, wo er der Leiter des rumänischen Dienstes von Radio Freies Europa wurde. Bernard gilt als Anhaltspunkt im Radiojournalismus, dank seiner ausgewogenen, ruhigen, gründlichen und hartnäckigen Berichterstattung über die Entwicklungen im kommunistischen Rumänien bis 1981. In diesem Jahr starb er im Alter von nur 56 Jahren.
Bernards Tod war ein harter Rückschlag für seine Kollegen, Freunde und Hörer. Der Essayist Virgil Ierunca widmete dem Verstorbenen damals einen denkwürdigen Nachruf, den er im Studio von Radio Freies Europa vorlas, die Aufzeichnung befindet sich heute auch im Archiv des Zentrums für Mündliche Geschichte des Rumänischen Rundfunks. Im folgenden einige Auszüge:
Noël Bernards Biographie hat etwas von der lichtähnlichen Einfachheit eines Schicksals. Er wurde geboren und starb in den Studios von Radio Freies Europa. Das heißt: in Rumänien. Denn im imaginären Raum des Studios wurde das reelle Rumänien installiert, das Noël Bernard, dieser gemäßigte Agnostiker, wie eine Religion betrat. Eine seltsame Religion mit Millionen von unsichtbaren Gläubigen, die im von der Geschichte abgeschirmten und im Unglück eingeschlossenen Land immer auf seine Worte warteten, wie auf eine Art Erlösung. Es gibt ein Geheimnis der Berufung. Noël Bernards Berufung war es, der Lüge als Lärm die Wahrheit als das wesentliche Flüstern entgegenzusetzen. Über die wesentliche Wahrheit zu flüstern, heißt, die einfachsten Worte zu nehmen und sie so zu platzieren, dass jedes von ihnen den Herzschlag des Zuhörers begleitet. Das bedeutet nicht, die Wahrheit zu verhüllen, sondern das Wort mit jener geheimnisvollen Dimension auszustatten, die der Wahrheit selbst ein Gewicht verleiht, eine mahnende Notwendigkeit, eine würdige Verwurzelung. Alles ohne Nachdruck, ohne Anmaßung.“
Noël Bernard wusste, wie man gute Presse macht, weil er den Beruf liebte. Das bedeutete nicht nur den Wunsch, möglichst professionell zu sein, sondern die Prinzipien vorrangig zu behandeln, die jeder Mensch aus der Kindheit kennt: die Suche nach der Wahrheit, der Respekt, die Menschlichkeit.
Wer jemals Noël Bernard gehört hat — gibt es überhaupt jemanden, der ihn nicht gehört hat? –, wird seine Stimme nie vergessen können. Eine Stimme, in deren Transparenz plötzlich die klare Stimme, die Kraft der Idee, der Respekt für die Taten zusammenschmolzen. Manchmal fehlten weder die fruchtbare Ironie noch die Zeichen des Staunens, aber diese rhetorischen Figuren über Umwege wichen nie von der eleganten Würde des Gesagten ab. Noël Bernard war mehr als ein guter Journalist. Es mag Menschen gegeben haben, die mit diesem leidenschaftlichen Blick auf die Realität nicht viel anzufangen wussten. Diesen Menschen werden wir mit den Worten des Schriftstellers Paul Valery begegnen: »Die Wahrheit kann nur leidenschaftlich erfasst werden.«“
Radio Freies Europa war in den Jahren der kommunistischen Diktatur, die mit dem nahenden Ende immer düsterer wurde, nicht nur ein lebenswichtiges Informationsmittel, sondern auch eine echte Sozialmedizin. Alles dank demselben Noël Bernard.
Ferner sei gesagt, dass das Geheimnis von Noël Bernard nicht aus der leidenschaftlichen Verschleierung von Ideen und Taten bestand, denn so wäre er einer Ideologie verfallen, sondern darin, die Wahrheit mit Leidenschaft in Frage zu stellen. Noël Bernard war kein Ideologe, sondern ein Gewissen, das den Durst nach Gerechtigkeit und Freiheit der Rumänen überall verkörperte. Dank ihm ist »Free Europe« zu einer Tribüne der Menschenrechte geworden, zu der jeder mit seinen Anliegen kommt, um dort oben gehört zu werden, wo keine Beschwerden und Bestätigungen ankommen. An Radio Free Europe und seinen Intendanten richteten auch die streikenden Bergleute aus dem Schiltal ihre historischen Forderungen. Wird außerdem jemand je vergessen können, dass die Rumänen nach dem Erdbeben von 1977 ihre Schmerzen und ihr Elend dank Noël Bernard leichter ertragen konnten, der Radio Freies Europa in ein offenes Studio für Anrufe und Hilferufe verwandelt hat?“
Nach dem Tod von Noël Bernard zeigten die Worte seines Freundes Virgil Ierunca, kraft der Emotionen und Hoffnung, was sein Nachlass für jeden von uns bedeutet.
Wenn Intelligenz nichts anderes ist als ein organisiertes Gedächtnis, dann hat Noël Bernard diese Intelligenz durch eine unvorstellbare Verschwendung von Nüchternheit, Anstrengung, Verständnis und Handeln verbraucht. Er kam immer als Erster in seiner Werkstatt an und war der Letzte, der sie verließ. Alles, was Rumänien hätte interessieren können, wurde angehört, untersucht, interpretiert, um später im Land ohne Antennen, in dem systematisch falsch informierten Land, veröffentlicht zu werden. Das Mikrofon wurde für Noel Bernard zum lebendigen Instrument seiner Intelligenz und der kollektiven Erinnerung. Das Geheimnis des Todes strebt jetzt danach, diese kostbare Präsenz in eine erschütternde Abwesenheit zu verwandeln. Zu dieser letzten Stunde, der Zeit der Trennung von unserem verschwenderischen Freund, müssen die Fehlzeiten jedoch unentschuldigt bleiben. Hier spricht Freies Europa ohne Noël Bernard, als ob die Tränen die Trauer wegspülen könnten, die Ihre und die unsere, die luftige Trauer der Wellen.“
Radio Free Europe war nach Noël Bernards Tod nicht mehr derselbe Sender, aber diejenigen, die ihm folgten, setzten das fort, was er begonnen hatte. Und die Zeit gab ihnen Recht.