Rumänien 1989: Der Prozess gegen Nicolae Ceaușescu
Am 25. Dezember 1989,am Weihnachtstag, fand der Prozess gegen den kommunistischen Machthaber Nicolae Ceaușescu und seine Ehefrau statt, der mit ihrer Verurteilung zum Tode und ihrer Hinrichtung endete.
Steliu Lambru, 05.01.2026, 19:55
Sie wurden für den Tod von mehr als 1.100 Menschen verantwortlich gemacht, die zwischen dem 16.- 25. Dezember ums Leben gekommen waren. Der umstrittene Prozess hätte eigentlich den Beginn einer neuen Epoche markieren sollen, die Wiedergeburt einer Gesellschaft, die 45 Jahre lang durch Missbrauch und Entbehrungen aller Art traumatisiert worden war.
Doch der sogenannte Ceaușescu-Prozess, wie er später bezeichnet wurde, erhielt eine Bedeutung, an die sich viele Rumänen heute mit Abscheu erinnern. Die Hast, mit der die beiden Ceaușescus verurteilt und hingerichtet wurden, sowie die Entwicklungen der postkommunistischen Politik danach machten aus diesem Prozess das Gegenteil dessen, was er hätte sein sollen: ein Bezugspunkt der Nostalgie statt eines Gefühls der Erleichterung und eine wütende Erinnerung an den Beginn der neuen rumänischen Demokratie anstelle einer hoffnungsvollen Evokation.
Der Historiker und Politologe Ioan Stanomir von der Universität Bukarest ist der Ansicht, dass der Ablauf und die Folgen des Ceaușescu-Prozesses vom 25. Dezember 1989 nichts anderes waren als eine Fortsetzung der juristischen Praxis des Kommunismus und der mentalen Haltung der Gesellschaft gegenüber der gerade zu Ende gegangenen Epoche:
„Es war eine Abrechnung, die einerseits an leninistisch-stalinistische Prozesse erinnerte und andererseits an die Art und Weise, wie in Subsahara-Afrika gestürzte Diktatoren hingerichtet werden. Sie hatte weder etwas mit der Idee der Legalität noch mit der Idee einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu tun. Was dieser falsche Prozess, diese Maskerade, bewirkt hat, war die Verdrängung der Idee der Konfrontation mit der Vergangenheit und ihrer Übernahme von Verantwortung in den Hintergrund. Nicolae Ceaușescu erfüllte die Rolle eines Sündenbocks, um die klassische Terminologie der Politik zu verwenden, und als Sündenbock erlaubte er dem Rest der Nation, sich zu entlasten, indem die gesamte Schuld auf Nicolae Ceaușescu abgewälzt wurde. Dieser Prozess wies mehrere heikle Probleme auf. Erstens war die juristische Einordnung Nicolae Ceaușescus eine fantasievolle Konstruktion. Zweitens ist es irrelevant, ihn aus der Perspektive der Anforderungen eines Rechtsstaates zu beurteilen, da in diesem Verfahren erstinstanzliches Urteil, Berufung und Revision in einer einzigen Instanz zusammengefasst waren. Es war ein revolutionäres Gericht – so lässt sich das Ganze zusammenfassen. Ein revolutionäres Gericht, das mich an die Troikas erinnert, die die Tscheka während des Roten Terrors organisierte.“
Viele Stimmen nach dem 25. Dezember 1989 vertraten die Ansicht, Nicolae Ceaușescu hätte ein echtes Verfahren erhalten müssen. Wir haben Ioan Stanomir gefragt, ob unter den damaligen revolutionären Umständen ein faires Verfahren möglich gewesen wäre, das anders hätte ausfallen können als jenes, das tatsächlich stattfand.
„Hätte die rumänische Nation 1989 anders aussehen können? Hätte der rumänische Staat 1989 anders aussehen können als eine Ansammlung von Banditen, die sich gegenseitig liquidieren? Wenn er anders ausgesehen hätte, wäre auch der rumänische Kommunismus ein anderer gewesen. Der Ceaușescu-Prozess ist das letzte Werk des Ceaușescu-Regimes. Es ist ihm gelungen, den Staat in eine Ansammlung von Mördern und Komplizen zu verwandeln, und diese Mörder und Komplizen haben ihren obersten Führer liquidiert. Nicolae Ceaușescu ist nicht des Völkermordes im Sinne des internationalen Rechts schuldig, sondern der Organisation und Koordination eines illegitimen und kriminellen Regimes, um die offiziell vom rumänischen Staat übernommene Terminologie zu verwenden. Was hätte also ein anständiges Land mit Nicolae Ceaușescu getan? Es hätte ihm das gewährt, was er anderen als Kommunist verweigert hat: ein faires Verfahren, aus dem er vermutlich mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe oder sogar mit der Todesstrafe hervorgegangen wäre. Ich stelle nicht die Logik der Strafe infrage, sondern den Weg, der zu ihr geführt hat. Mit anderen Worten: Nicolae Ceaușescu wäre von einem anständigen Gericht ohnehin zu einer sehr langen Freiheitsstrafe verurteilt worden.“
Der Ceaușescu-Prozess hätte der Moment sein müssen, in dem die Rumänen der Macht, die sie 45 Jahre lang gedemütigt und verhöhnt hatte, ins Gesicht blicken. Er hätte ein Moment der Wahrheit und des Abschlusses einer alptraumhaften Epoche sein sollen. Doch so kam es nicht. Ioan Stanomir:
„Es ist der Akt, durch den es uns nicht gelingt, uns vom Kommunismus zu lösen. Gerade diese Hinrichtung beweist die tiefe Kontinuität zwischen dem kommunistischen Regime und dem Iliescu-Regime. Ion Iliescu ist der Ausdruck eines Versuchs der Rumänen, sich zu distanzieren, ohne sich wirklich zu distanzieren. Ein für postkommunistische Gesellschaften typischer Versuch, eine Unschuld zu bewahren, die sie nicht mehr haben. Alle, die den Kommunismus durchlebt haben, sind nicht mehr unschuldig. Ob sie Opfer waren, Täter oder Teil der grauen Masse jener, die ‚unter den Umständen‘ lebten. Totalitäre Regime rauben den Menschen ihre Unschuld. Und das ist, so glaube ich, der wichtigste Schlüssel zum Verständnis des sehr komplizierten Verhältnisses der Völker Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion zum Kommunismus. Der Kommunismus ist ein Nessoshemd, das an einem klebt und einen verbrennt, sobald man versucht, es auszuziehen.“
Der 25. Dezember 1989 ist ein Tag, an dem Nostalgie, die Frustration über das Nichterfüllte und das Gefühl eines unabwendbaren Schicksals aufeinandertreffen. Der Geist Ceaușescus spukt noch immer durch Rumänien – durch die Erinnerung an einen unwürdigen, aber für seine Zeit typischen Prozess.