EU denkt bei Energieversorgung um
In einer Welt, in der Energiesicherheit, Klimawandel und globaler Wettbewerb immer intensiver werden, befindet sich die Europäische Union an einem entscheidenden Punkt ihrer wirtschaftlichen und technologischen Transformation. Die Art und Weise, wie Energie produziert und verbraucht wird, bestimmt nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die geostrategische Rolle des Kontinents. Nun zeichnet sich ein Umdenken in der EU hinsichtlich der Energieversorgung ab.
Corina Cristea und Sorin Georgescu, 20.03.2026, 17:30
In den letzten Jahren hat die Union eine ehrgeizige Strategie verfolgt: bis 2050 klimaneutral zu werden. Die Erreichung dieses Ziels setzt einen tiefgreifenden Wandel des Energiesystems voraus, der saubere, sichere und bezahlbare Energiequellen miteinander verbindet.
Zwei zentrale Richtungen prägen diese Transformation: erneuerbare Energien und Kernenergie. Entsprechend sind die Investitionen in Solar- und Windenergie, die unerschöpflich sind und keine Treibhausgase ausstoßen, exponentiell gestiegen. Diese Quellen bringen jedoch auch Herausforderungen mit sich, wie ihre Unbeständigkeit und die Abhängigkeit von Wetterbedingungen. Um diese Einschränkungen zu bewältigen, investiert Brüssel massiv in Infrastruktur – insbesondere in intelligente Netze, Energiespeicherung und die Vernetzung zwischen den Mitgliedstaaten.
Parallel dazu rückt die Kernenergie wieder in den Mittelpunkt der europäischen Debatte. Trotz ihrer Kontroversen bietet sie einen entscheidenden Vorteil: eine konstante Energieproduktion ohne CO₂-Emissionen. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, gibt in einem Statement in englischer Sprache zu, dass die Abwendung von der Kernenergie ein strategischer Fehler war:
„Im letzten Jahrzehnt haben wir im Bereich der erneuerbaren Energien bedeutende Fortschritte erzielt. Solarenergie und Windkraft haben fossile Brennstoffe im Energiemix der EU überholt. Unsere europäischen Hersteller von Windturbinen sind globale Spitzenreiter und exportieren weltweit Hightech-Produkte aus Europa.
Leider ist die Geschichte der Kernenergie eine andere. Während 1990 noch ein Drittel des europäischen Stroms aus Kernenergie stammte, sind es heute nur noch knapp 15 Prozent. Dieser Rückgang war eine bewusste Entscheidung. Ich glaube, es war ein strategischer Fehler Europas, sich von einer zuverlässigen und erschwinglichen Energiequelle mit niedrigen Emissionen abzuwenden.
Das sollte sich aus zwei Gründen ändern. Erstens, weil Kernenergie und erneuerbare Energien beide eine Schlüsselrolle spielen. Es geht nicht um ein Entweder-oder – gemeinsam sind sie am stärksten. Wir brauchen das bestmögliche Energiesystem insgesamt: sauber, bezahlbar, widerstandsfähig und europäisch.
Erneuerbare Energien liefern Strom zu den niedrigsten Kosten, sind aber volatil, da sie von Sonne und Wind abhängen. Zudem liegen die besten Standorte oft weit von industriellen Nachfragezentren entfernt. Deshalb müssen wir in Speicherlösungen, flexible Nachfrage und den Ausbau unserer Netze investieren.
Kernenergie hingegen ist zuverlässig und liefert das ganze Jahr über rund um die Uhr Strom. Das effizienteste System kombiniert daher Kernenergie mit erneuerbaren Energien und wird durch Speicher, Flexibilität und Netze unterstützt.“
Der zweite Grund, sich der Kernenergie wieder zuzuwenden, so Ursula von der Leyen, ist, dass Europa einst ein Pionier der Kerntechnologie war und wieder zu einem weltweit führenden Akteur werden könnte. Neue Technologien wie kleine modulare Reaktoren (SMR) versprechen geringere Kosten und höhere Sicherheit. Sie lassen sich leichter in bestehende Netze integrieren und können erneuerbare Energien ergänzen, indem sie ein Gleichgewicht zwischen Nachhaltigkeit und Zuverlässigkeit schaffen.
Die Energie-Revolution ergibt sich jedoch nicht nur daraus, wie Energie produziert wird, sondern auch daraus, wie sie genutzt wird. Hier kommen Robotik und künstliche Intelligenz ins Spiel – die Antriebskräfte der nächsten Innovationswelle. Die industrielle Automatisierung auf Basis fortschrittlicher Roboter verändert bereits die europäischen Fabriken: Prozesse werden schneller, präziser und effizienter. Gleichzeitig optimiert künstliche Intelligenz Lieferketten, reduziert Verschwendung und ermöglicht eine personalisierte Produktion im großen Maßstab. All diese Technologien haben einen gemeinsamen Nenner: einen hohen Stromverbrauch. Erneut Ursula von der Leyen:
„Die Strompreise in Europa sind strukturell zu hoch. Das ist von enormer Bedeutung – nicht nur für die Lebenshaltungskosten unserer Bürger, sondern auch für unsere industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Die Industrien der Zukunft werden auf bezahlbarer elektrischer Energie aufgebaut sein. Robotik und künstliche Intelligenz werden die nächste Welle von Innovation und Produktivität in allen Industriezweigen antreiben – und beide benötigen reichlich verfügbare und erschwingliche Elektrizität. Deshalb wird die industrielle Wettbewerbsfähigkeit zunehmend davon abhängen, wer am besten in der Lage ist, reichlich und günstige elektrische Energie zu erzeugen, zu transportieren, zu speichern und zu nutzen.
Europa ist jedoch weder ein Öl- noch ein Gasproduzent. Bei fossilen Brennstoffen sind wir vollständig von teuren und volatilen Importen abhängig – ein struktureller Nachteil gegenüber anderen Regionen. Die aktuelle Krise im Nahen Osten erinnert uns deutlich an diese Verwundbarkeit.“
Die Europäische Union verfüge jedoch über eigene Energiequellen mit niedrigen CO₂-Emissionen: Kernenergie und erneuerbare Energien. Gemeinsam können sie zu Garanten für Unabhängigkeit, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit werden, so die Präsidentin der Europäischen Kommission.