Königliche Visite: Wie Königin Maria von Rumänien die Herzen der Amerikaner eroberte
Am 18. Oktober 1926, im Herbst vor hundert Jahren, brach die rumänische Königin in Begleitung zweier ihrer fünf Kinder, Prinzessin Ileana und Prinz Nicolae, zu einer privaten Reise nach Nordamerika auf. Was in der Presse bald als „Amerika-Tournee“ bezeichnet wurde, sollte legendär werden. Sie dauerte mehr als einen Monat, bis zum 24. November.
Steliu Lambru und Sorin Georgescu, 02.11.2026, 18:00
Königin Maria von Rumänien, die Ehefrau König Ferdinands I., gehörte zu den großen Persönlichkeiten, die das heutige Rumänien geprägt haben. Mit starkem Willen, Intelligenz, Bildung, historischem Bewusstsein, Hingabe, Mut und diplomatischem Geschick leistete sie einen entscheidenden Beitrag zur Entstehung des modernen rumänischen Staates.
Am 18. Oktober 1926, im Herbst vor hundert Jahren, brach die rumänische Königin in Begleitung zweier ihrer fünf Kinder, Prinzessin Ileana und Prinz Nicolae, zu einer privaten Reise nach Nordamerika auf. Was in der Presse bald als „Amerika-Tournee“ bezeichnet wurde, sollte legendär werden. Sie dauerte mehr als einen Monat, bis zum 24. November.
Ștefania Dinu, Historikerin des rumänischen Königshauses, erinnert daran, dass die Reise für die Königin schon lange ein Traum gewesen war.
„Es war eine Reise, die sie sich schon lange gewünscht hatte. Der Gedanke, einmal nach Amerika zu kommen, war ihr 1919 von zwei abenteuerlustigen Freunden nahegebracht worden: der Tänzerin und Choreografin Loïe Fuller und dem Geschäftsmann Samuel Hill, beide große Träumer, die sie in Paris kennengelernt hatte. Hinzu kamen ihre amerikanischen Freunde, mit denen sie während des Ersten Weltkriegs zusammengearbeitet hatte, die Obersten der US-Army Henry Watkins Anderson und Lytton Ament.
1926 war es dann so weit: Ihr Traum sollte Wirklichkeit werden. Natürlich war die Reise sorgfältig vorbereitet worden. Die Königin hatte Verträge mit mehreren amerikanischen Zeitungen abgeschlossen. In ihnen erschien eine eigene Rubrik mit dem Titel ‚Ratschläge der Königin‘. Die Beiträge wurden in zahlreichen Zeitungen im ganzen Land veröffentlicht. So konnten die Amerikaner Texte von Königin Maria über das Königshaus und Rumänien lesen und sie auf diese Weise näher kennenlernen.“

Königin Maria trifft in New York ein (Fotoquelle: Nationalarchiv Rumäniens)
Die rumänische Königin schrieb einmal mehr Geschichte, diesmal in der Neuen Welt. Sie hinterließ einen glänzenden Eindruck.
„Die Königin war auch eine begabte Schriftstellerin. Sie schloss einen Vertrag mit der North American Newspaper Alliance, einem Zusammenschluss von fast 70 Zeitungen, die in den Vereinigten Staaten erschienen. Diese Zeitungen erhielten die Exklusivrechte. Während ihrer gesamten Reise musste Königin Maria 24 Artikel für sie schreiben. Wenn sie sich abends in ihr Hotelzimmer zurückzog, setzte sie sich also noch an den Schreibtisch, um ihre Eindrücke festzuhalten.
Der Empfang in Amerika war überwältigend. Selbst die Königin hatte mit einem solchen Enthusiasmus nicht gerechnet. Sie beschrieb es als einen Traum, den man sich kaum vorstellen könne: Die gesamte Broadway Avenue in New York war für den Verkehr gesperrt, sie selbst und ihr königliches Gefolge fuhren in offenen Wagen durch die Straßen. Von den Hochhäusern regneten Konfetti und bunte Papierstreifen herab. Die Spitzen der Wolkenkratzer, schrieb sie, konnte sie gar nicht erkennen. Auch der Empfang im New Yorker Rathaus war außergewöhnlich.“

Begeisterter Empfang für Königin Maria auf den Straßen New Yorks (Fotoquelle: Nationalarchiv Rumäniens)
Amerika war begeistert von einer Königin aus einem damals weitgehend unbekannten osteuropäischen Land – einer Frau voller Charme, Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit. Historikerin Ștefania Dinu beschreibt, wie Königin Maria die Herzen der Amerikaner eroberte:
„Die meisten ihrer Reden hielt sie frei, ohne Manuskript. Sie sprach Französisch, Englisch und auch Rumänisch. Besonders beeindruckend fand sie allerdings, dass sie im Radio sprechen sollte. Ihre Ansprachen wurden ausgestrahlt und waren damit für ein großes Publikum in den Vereinigten Staaten und in Kanada zu hören.
Überall empfing man sie mit großem Pomp und Begeisterung. Sie traf Gouverneure, Bürgermeister und stellvertretende Bürgermeister, Vorsitzende von Handelskammern, Fotografen und Journalisten. Als sie in New York an Land ging, fragte sie beispielsweise ein Reporter, wie viele Kekse sie morgens zum Frühstück esse. Das seien typisch amerikanische Fragen gewesen, berichteten die Journalisten der rumänischen Zeitung ‚Universul‘, die sich die Exklusivrechte an der Berichterstattung gesichert hatte.
Ein anderer Journalist wollte wissen, warum die Menschen sie so sehr verehrten und weshalb sie einen solchen Erfolg hatte. Die Königin antwortete, sie sehe die einzelnen Bäume, bevor sie den Wald betrachte. Wenn sie auf die Menschenmenge blickte, suchte sie sich ein bestimmtes Gesicht aus und schaute dieser Person direkt in die Augen. Für sie war die Menge keine anonyme Masse. Sie sah eine Frau, einen Mann, ein Kind, einen Menschen mit Behinderung oder einen Polizisten. Sie lächelte jeden Einzelnen an. So war sie nicht mehr die fremde, unnahbare Monarchin, die man vielleicht erwartet hätte, sondern eine herzliche und einfühlsame Persönlichkeit.“
In ihren Aufzeichnungen hielt Maria von Rumänien auch eine Begegnung mit den Nachfahren der ältesten Bewohner Amerikas fest, den indigenen Völkern. Ștefania Dinu, Historikerin des rumänischen Königshauses, zeichnet sie nach:
„Sie hatte sich ausdrücklich eine Begegnung mit den Sioux-Indianern gewünscht. Dabei traf sie auch ihren Stammesführer Red Tomahawk, von dem sie einen Federschmuck aus Adlerfedern erhielt. Er verlieh ihr den Titel ‚Kriegerfrau‘. Red Tomahawk hatte von ihren außergewöhnlichen Verdiensten während des Ersten Weltkriegs gehört und war der Ansicht, dass die Königin diese Auszeichnung verdient hatte.
Außerdem erhielt sie einen Namen: Winyan Kipanpi Win, was in der Sprache der Lakota-Indianer so viel bedeutet wie ‚Die Frau, nach der man ruft‘. Dahinter stand die Erklärung, dass die Rumänen ihre Königin Maria brauchten und nach ihr riefen. Schließlich war sie weit weg von ihrer Heimat. Die Königin selbst hatte lange gezögert, nach Amerika zu reisen. Der Gedanke, für so lange Zeit und so weit von Rumänien entfernt zu sein, war ihr schwergefallen.“
Vor hundert Jahren eroberte Königin Maria von Rumänien die Herzen der Amerikaner. Sie tat es durch ihre Persönlichkeit und durch ihr Einfühlungsvermögen, das sie den Menschen entgegenbrachte.